Leinwanddrama erinnert an erschütterndes DDR-Schicksal

Erfurt/Jena  Bernd Böhlichs Leinwanddrama „Und der Zukunft zugewandt“ erinnert an ein erschütterndes Schicksal aus der noch jungen DDR.

Fragiles Glück, auf einer historischen Lüge gegründet: Antonia Berger (Alexandra Maria Lara, Mitte) mit Tochter (Carlotta von Falkenhayn) und Freund Konrad Zeidler (Robert Stadlober) in einer Szene des Kinofilms „Und der Zukunft zugewandt“.

Fragiles Glück, auf einer historischen Lüge gegründet: Antonia Berger (Alexandra Maria Lara, Mitte) mit Tochter (Carlotta von Falkenhayn) und Freund Konrad Zeidler (Robert Stadlober) in einer Szene des Kinofilms „Und der Zukunft zugewandt“.

Foto: Neue Visionen Filmverleih/dpa

Immer wieder fängt die Kamera ihre Augen ein. Es ist der Blick, der unter die Haut geht. Das verzweifelte Schauen in eine gepriesene Zukunft, die überschattet bleibt vom Vergangenen. Dieser Blick zeigt: Trauer im Glück. Zweifel in der Hoffnung. Niedergeschlagenheit, trotz Treue zur Sache. Antonia Bergers Mund ist zum Schweigen verdammt, doch ihre Augen sprechen.

Die als Hitlers Sekretärin im „Untergang“ bekannt gewordene Schauspielerin Alexandra Maria Lara verkörpert in dem gerade angelaufenen Film „Und der Zukunft zugewandt“ eine aus dem Gulag in die DDR „heimgeholte“ Kommunistin. Wilhelm Piecks Sohn hat das veranlasst. Es ist das Jahr 1952, und der noch junge Staat kämpft unter Stalins eiserner Zwinge ums Überleben.

Sie sind zu viert: drei Frauen mit erloschenen Gesichtern und Antonias todkranke Tochter. Sie kommen aus der Lagerhölle bei Workuta und erleben im brandenburgischen Fürstenberg ein Wunder: Blumen für die „Gäste aus Moskau“. Das Kind wird medizinisch versorgt, man gibt ihnen Wohnung, Arbeit, Geld und Lebensmittelmarken – alles wird gut. Nur noch unterschreiben. Was? Den Schweigepakt. Niemand darf von ihrem Schicksal erfahren. Denn es könne doch nicht sein, dass Kommunisten ihre eigenen Leute einsperren und umbringen.

Bernd Böhlichs nach einer wahren Begebenheit entstandener Film hebt sich ab von vielen klischeebeladenen Versuchen, DDR-Geschichte auf der Leinwand lebendig werden zu lassen. Hier ist nichts geschönt, wird nichts vereinfacht oder tendenziös überdreht. Der Streifen erschüttert durch seinen dokumentarisch grundierten Realismus.

„Was hinter euch liegt, hat nichts mit Kommunismus zu tun“, sagt der Parteifunktionär Leo Silberstein (Stefan Kurt). „Aber wir gehen auf einem Weg, den niemand kennt.“

„Aber die Wahrheit“, wirft Antonia ein. – „Die Wahrheit ist, was uns nützt“, erwidert der Stalinist.

Sechs Jahre unschuldig im Lager, der Mann erschossen, die Tochter traumatisiert – wie lässt sich das vergessen? Wie ein neues Leben auf einer Lüge aufbauen?

„Wo kommst du denn jetzt her? Wo warst du nur die ganze Zeit?“ fragt die Mutter. Sie weiß nichts und darf nichts erfahren. Ihrem Freund Konrad Zeidler, dem Lydia umsorgenden Arzt (Robert Stadlober), erzählt Antonia, ihr Mann sei in der Sowjetunion bei einem Unfall gestorben. Der Schatten weicht nicht, er macht auch ihren beruflichen Neuanfang zur Farce. „Du darfst niemals Workuta sagen“, instruiert Antonia ihre Tochter (Carlotta von Falkenhayn) und hält sich eisern an das Schweigegelübde.

Doch am Tag, als Stalins Tod bekannt wird, stürzt das Lügengebäude ein. Da sitzen die drei Lagerfrauen noch einmal zusammen, um Erlösung vom kommunistischen Diktator zu feiern, und die eine (Barbara Schnitzler als Piecks ehemalige Sekretärin) schleudert Konrad Zeidler die ganze Wahrheit ins Gesicht. Der will’s nicht glauben und fragt bei Silberstein nach. So kommt Antonia für kurze Zeit wieder hinter Gitter. Das Opfer ist wieder das Opfer. Und Konrad geht in den Westen.

Mit eher leisen Tönen und zu melancholischer Klavier- und Cello-Musik schildert Regisseur Böhlich Antonias tragisches Schicksal, ohne ihre Gegenspieler zu denunzieren. Es gibt Rückblenden auf die Lagerzeit und einen Ausblick auf den Fall der Mauer. Da sitzt die gealterte Antonia – noch immer eine schöne, gezeichnete Frau – vorm Fernseher, sieht die Menschen tanzen und erklärt Konrad am Telefon, warum sie bis zum Schluss an der DDR festgehalten hat: „Weil doch sonst alles sinnlos war.“

Regiegespräche am heutigen Freitag: 18.30 Uhr, Metropol Gera; 20 Uhr, Kino im Schillerhof Jena

Fragen an den Regisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlich (62)

Ihr Film ist inspiriert von wahren Ereignissen. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Ende der 80er-Jahre drehte ich mit Swetlana Schönfeld einen „Polizeiruf“, sie erzählte mir ihre Biografie: Geboren in einem sowjetischen Gulag und zum Schweigen verurteilt. Dass Kommunisten ihre eigenen Leute grundlos verfolgten und umbrachten, machte mich fassungslos, doch erst nach dem Ende der DDR konnte ich mit der Drehbucharbeit beginnen. Vorher gab es darüber keine Bücher, keine Berichte von Zeitzeugen.

Sie erzählen die Geschichte einer Kommunistin, die die Schattenseiten der Ideologie kennen gelernt hat und sich dennoch für ein Leben in der DDR entscheidet. Was hat Sie an dieser Figur interessiert?

Mich hat vor allem die Tragik jener Menschen berührt, die ein ungeheures Opfer für eine gerechte Gesellschaft erbracht haben – und bitterböse enttäuscht wurden.

Was wollten Sie mit Ihrem Film über den untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat erzählen, welches Bild zeichnen?

Die politische Elite der DDR trat stets mit einem sehr hohen moralischen Anspruch auf und wollte die ganze Welt verbessern. Das konnte nicht gelingen mit so einer blutigen Last, über die nie gesprochen werden durfte. Die DDR ist nicht nur an ihren wirtschaftlichen Problemen zugrunde gegangen, sondern eben auch an der ständigen Diskrepanz zwischen Schein und Sein.

Der DDR-Film ist beinahe ein eigenes Genre im deutschen Kino. Glauben Sie, dass irgendwann eine Sättigung erreicht ist?

Die Zuschauer werden entscheiden, wann sie genug haben von Geschichten aus einem untergegangenen Land.

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