Ein Jenaer Ghostwriter liefert Geist gegen Geld

Wolfgang Klinghammer schreibt für Studenten Abschlussarbeiten - und hat sein geheimes Geschäft in einem Roman öffentlich gemacht. Hier berichtet der Jenaer, womit er sein Geld verdient, was er über seine Kunden weiß und ob diese Arbeit überhaupt legal ist.

Seine Auftraggeber kennen seinen Namen nicht und müssen ihm vertrauen: In "Der Bearbeiter" hat Wolfgang Klinghammer aus Jena aufgeschrieben, was ein Ghostwriter macht. Foto: Peter Michaelis

Seine Auftraggeber kennen seinen Namen nicht und müssen ihm vertrauen: In "Der Bearbeiter" hat Wolfgang Klinghammer aus Jena aufgeschrieben, was ein Ghostwriter macht. Foto: Peter Michaelis

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Jena. Wolfgang Klinghammer (40) hat einen Magisterabschluss. Er kam aus dem Taunus 1994 nach Jena, studierte Politik und Geschichte bis 2001 - und hilft seither anderen auf dem Weg zu akademischen Graden. Seine Auftraggeber kennt er nicht. Vermittelt wird das Geschäft von Agenturen. Auf Klinghammers Visitenkarte steht: Autor und Ghostwriter. Und als solcher hat er - unter seinem eigenen Namen - nun auch noch einen Roman über einen Miet-Schreiber veröffentlicht, der in anderer Leute Namen Doktorarbeiten verfasst.

Herr Klinghammer, Sie haben selbst keinen Doktor-Titel. Wie vielen Menschen haben Sie aber als Ghostwriter schon zum Dr. verholfen?

Ich schreibe keine Dissertationen. Wenn ich wüsste, dass ein Text von mir als Dissertation genutzt wird, dann würde ich mich strafbar machen. Von daher lehne ich solche Aufträge ab.

Was ist Ihre Motivation: Helfen Sie gern?

Nein, ich verdiene mein Geld mit dem Verkauf wissenschaftlicher Texte. Das ist nicht strafbar in diesem Land.

Und da gibt es genügend Aufträge?

Ja, der Bedarf an wissenschaftlichen Texten hat geradezu inflationär zugenommen. Jeder, der etwas verkaufen will, versucht auch Werbung zu machen mit wissenschaftlichen Argumenten.

Und dann kommen Sie ins Spiel...

Ich kann selbstständig recherchieren, suche die Literatur zusammen und schreibe den Text so, wie ihn der Kunde haben möchte.

Das ist alles ganz legal. Aber schauen wir mal in die Grauzone. Wie kommen die Auftraggeber, die mit einer wissenschaftlichen Arbeit aus fremder Feder an der Uni punkten wollen, an Sie heran?

Da gibt es Ghostwriter-Agenturen, die im Internet offen Werbung betreiben. Wer in Suchmaschinen eingibt "Magisterarbeiten schreiben lassen", der stößt auf sie. Aber wenn das so gemacht und dann als eigene Arbeit ausgegeben wird, ist das ein Betrug, den der Kunde begeht. Das heißt: Die Agenturen sichern sich ab und sagen, dass es sich um eine Vorlage handelt für einen wissenschaftlichen Text. Im Endeffekt haben die Agentur und ich nichts damit zu tun, was mit dem von mir geschriebenen Text passiert. Es wird vermutlich einige Fälle geben, wo so ein Text missbraucht wurde. Aber das ist nicht in meiner Verantwortung.

Wenn ein Großteil von anderen stammt, gibt es massive Probleme

Die Verantwortung liegt beim Auftraggeber...

Vor allem bei einer Magisterprüfung, denn in diese Arbeit muss eine Versicherung durch den Studenten aufgenommen werden, dass der Text selbstständig verfasst wurde. Genaugenommen wird es aber keine Master- oder Bachelorarbeit geben, die zu hundert Prozent von einer Person konzipiert, geschrieben und korrigiert wurde, weil zum Beispiel Kommilitonen drüberschauen. Aber wenn der Großteil nicht selbst geschrieben ist, dann kann es für den Betreffenden massive Problem geben.

Wenn‘s rauskommt.

Richtig.

Aber es kommt wohl eher selten raus, sonst wäre ja das Geschäftsmodell von Ghostwritern und ihren Agenturen nicht mehr einträglich.

Die Agenturen sichern den Kunden logischerweise Diskretion zu. Das heißt auch: Die Agenturen werden nicht nachprüfen, wofür der Text genutzt wird. Und ich persönlich lerne in den seltensten Fällen Kunden persönlich kennen. Das passiert allenfalls dann, wenn jemand möchte, dass ich ihm eine Rede schreibe...

So ein Redner hat auch keinen Grund, sich zu verstecken, wenn er Ihre Dienste annimmt.

In den meisten Fällen ist Ghostwriting legitim. Da ist zum Beispiel jemand zeitlich überfordert - und lagert daher den Text aus. An der Uni ist es ja auch üblich, dass Professoren Hilfskräfte dafür einspannen, Literatur zu suchen für Publikationen, bei denen dann aber nur der Name des Professors genannt wird.

Für andere schreiben, das machen Sie auch noch in einer weiteren Hinsicht: Sie haben einen Roman über einen Ghostwriter verfasst - und dessen Hauptfigur ist Ihnen nicht unähnlich. Was hat Sie dazu bewogen?

Wenn ich einen Text schreibe, muss ich mich an die Vorgaben halten. Als Privatperson kann ich sagen, was ich will. Das Buch ist teilweise biografisch - und es wäre schon in Ordnung, wenn dadurch eine Diskussion in Gang käme, wie sich Wissenschaft gestaltet. Klar ist: Es entstehen Probleme dadurch, dass an den Unis Studenten in so großer Zahl durchgeschleust werden, dass individuelle Betreuung durch Professoren kaum noch möglich ist. Die Folge ist: Professoren können kaum noch einschätzen, ob ein Text von demjenigen ist, der ihn vorlegt. Wir haben ein Universitätssystem, in dem Leute wie Guttenberg mit "summa cum laude" durchgekommen sind... Das ist an sich schon ein Skandal. Aber der eigentliche Skandal für mich ist, dass das für das Universitätssystem gar keine Folgen hat.

Was läuft schief?

Viele Texte werden geschrieben, nicht um gelesen zu werden, sondern sie werden nur einmal durchgegangen von drei, vier Prüfern, um dann die Karriere desjenigen, der den Text abgegeben hat, zu befördern. Dabei werden solche Blender begünstigt.

In Ihrem Buch nimmt es - ohne zu viel zu verraten - mit dem Blender kein gutes Ende, weil der Auftraggeber dem Ghostwriter politisch unsympathisch ist. Das ist eine verdiente Strafe, aber für einen Ghostwriter natürlich geschäftsschädigend...

Ja, das wäre es, wenn es so in Wirklichkeit passieren würde.

Warum also diesen Schwenk im Roman: Weil Sie sich an solchen Blendern reiben?

Im Prinzip ja. Es gibt immer wieder Fälle, da werde ich aufgefordert, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben und dann soll aber im Fazit eine politische Botschaft stehen, die sich absolut nicht aus der Forschungssituation ergibt. Der Grund dafür kann sein, falls dieser Text an der Uni landet, dass ein bestimmter Professor diese Botschaft bevorzugt. Gerade im politischen Bereich haben wir da viel Ideologie - und das ist auch ein Grund dafür, warum ich selbst keine Karriere an der Universität angestrebt habe. Als ich die Zusammenhänge kannte, wollte ich davon kein Teil werden. Ich arbeite gerne wissenschaftlich - und mein Beruf bietet mir dazu die Möglichkeit, ohne in diesem Uni-System drin zu sein.

Was müsste sich abseits des Betreuungsschlüssels an der Uni ändern?

Es ist unheimlich schwer, so ein System zu ändern. Es müssen so viele Drittmittel eingeworben werden. Das heißt, Unternehmen und Institutionen kaufen sich so ihren Teil an der Wissenschaft. Nehmen wir nur mal das Thema Atomstrom: Da gibt es ein Gutachten dafür, ein Gutachten dagegen - alles ist nicht falsch, aber die Fakten werden eben immer so sortiert, dass es die jeweilige Stoßrichtung unterstützt. Also: Die Rückkehr zu einer Wissenschaft, die diesen Namen auch verdient, zeichnet sich derzeit nicht ab. Das Geld regiert.

Viele Themen für einen, denn es gibt gar nicht so viele Ghostwriter

Die Hauptfigur in Ihrem Roman beschäftigt sich mit einer großen Bandbreite von Themen. Ist das realistisch?

Ja. Die Agenturen werben zwar teilweise mit illusorischen Zahlen von Ghostwritern. Aber ich selbst erlebe Anfragen aus unterschiedlichsten Fachbereichen.

Zum Beispiel?

Also Politik und Geschichte. Das habe ich ja studiert. Aber auch Soziologie, Psychologie, bis hin in den rechtswissenschaftlichen Bereich, aber auch Theologie... Aber in den seltensten Fällen muss ich einen Auftrag zurückweisen, weil es mir zu speziell wäre. Nur mit Naturwissenschaften könnte ich nicht dienen. Aber in den Fächern, in denen man sich mit ein bisschen Nachdenken und Nachlesen das Wissen aneignen kann, sind auch die wissenschaftlichen Methoden oft ähnlich.

Und macht Sie das auch selbst klüger?

Ich bin hinterher auf jeden Fall schlauer und würde die nächste Arbeit zum selben Thema deutlich besser schreiben. Aber manchmal ist so wenig Zeit...

Das wird auch im Buch deutlich: Der Ghostwriter wird meist erst auf den letzten Drücker eingeschaltet.

Ja, ich habe aber auch genug Anfragen, wo genug Zeit ist und der Kunde in den an mich weitergeleiteten Mails zeigt, dass er deutlich mehr vom Thema versteht als ich. Das war zum Beispiel bei einem Buch zum Thema Alte Geschichte der Fall. Das hätte auch ein Professor gewesen sein können, der so eine Agentur mal testen wollte. Also: Die Kunden sind sehr unterschiedlich. Ich kenne ja die Motive nicht. Es kann um die einfache Textberatung ebenso gehen wie um das Schreiben.

Ist das, was Sie jetzt machen, der Beruf fürs Leben?

Ich habe nach meinem Studienabschluss überlegt, was ich machen könnte - und das, was ich tue, geht schnell und unbürokratisch. Und das seit mehr als zehn Jahren. Es ist also deutlich mehr daraus geworden als eine zeitweise Beschäftigung. Aber ich versuche mittlerweile mehr Anfragen Richtung Sachbuch zu bekommen. Das wird auch ganz anders bezahlt! Das sind richtig gute Aufträge. Und ich bin auch immer mehr damit beschäftigt, Reden zu schreiben. Das kam über einen persönlichen Kontakt zustande. Also: Momentan bin ich sehr zufrieden mit meinem Beruf.

Gesetzt den Fall, jemand braucht eine Arbeit von Ihnen für die Uni... Was passiert da?

Da kommt bei mir eine Anfrage an. Es steht ein Thema dabei, ein Termin, das Honorar. Ich kann zustimmen oder ablehnen - und dann geht‘s los.

Den Namen erfahren Sie nicht?

Die Agentur sagt mir das nicht. Sie macht ihre Provision damit, dass sie die beiden Seiten getrennt hält.

So ist es in Ihrem Buch - und so ist auch im richtigen Leben?

Ja, bis auf die Tatsache, dass der Protagonist im richtigen Leben keine Doktor-Arbeit schreiben würde; schon gar nicht, wenn so eine Anfrage kommt. Denn wenn ich es wüsste, dass das, was ich da verfasse, eine Doktorarbeit ist, wäre es Mitwisserschaft - und das kann böse enden.

Mehr zu seinem Buch: Wolfgang Klinghammer: Der Bearbeiter, Roman, 287 Seiten, Macchiato Verlag Antje Hellmann, Jena, ISBN: 978-3-940721-16-7

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