Überfall vor Staatskanzlei - Ermittler schweigen sich zu Motiv aus

Erfurt.  Ein brutaler Angriff und mögliche extrem rechte Gesinnung – aber die Staatsanwaltschaft schweigt sich zum Überfall vor der Staatskanzlei aus.

Spuren eines Überfalls: Hier saßen feiernde junge Menschen, als sie von mutmaßlich extrem rechten Schlägerin am 18. Juli überfallen wurden. Die Polizei hat bei der Spurensicherung verschiedene Markierungen gesetzt.

Spuren eines Überfalls: Hier saßen feiernde junge Menschen, als sie von mutmaßlich extrem rechten Schlägerin am 18. Juli überfallen wurden. Die Polizei hat bei der Spurensicherung verschiedene Markierungen gesetzt.

Foto: Foto: Marcus Scheidel

Auch zwei Wochen nach dem brutalen Überfall auf eine Gruppe vor der Thüringer Staatskanzlei hält sich die Erfurter Staatsanwaltschaft bedeckt. Ermittelt werde, teilt Behördensprecher Hannes Grünseisen auf Anfrage mit, gegen mehrere männliche Deutsche.

Denen wird zur Last gelegt, am frühen Morgen des 18. Juli gegen 1 Uhr eine Gruppe von Menschen vor der Staatskanzlei überfallen zu haben. Nachdem die Polizei das zunächst als Auseinandersetzung von zwei Gruppen eingeordnet hatte, war spätestens am Sonntag klar: Hier haben mutmaßlich Rechtsextreme einen brutalen Überfall gestartet.

Denn zu diesem Zeitpunkt hatten Betroffene nach Informationen dieser Zeitung bereits gegenüber der Polizei detailliert beschrieben, was sie bei dem Überfall wahrgenommen haben – auch mindestens ein konkreter Name (ist dieser Zeitung bekannt) eines Beteiligten soll den Ermittlern genannt worden sein.

Die Person fiel in den vergangenen Jahren immer wieder in rechtsextremen Kreisen auf; unter anderem beim früheren sogenannten „Kollektiv56“, das insbesondere online gegen Geflüchtete hetzte und schnell ins Visier der Staatsschützer des Landeskriminalamtes geraten ist.

Verbindungen der Tatverdächtigen zur Erfurter Hooligan-Gruppierung „Jungsturm“

Darüber hinaus gibt es nach Informationen dieser Zeitung auch Verbindungen der Tatverdächtigen zur Erfurter Hooligan-Gruppierung „Jungsturm“, die sich zur Fanszene des Fußballvereins Rot-Weiß Erfurt rechnet und einem MDR-Bericht zufolge enge Verbindungen zum verbotenen Neonazi-Netzwerk Blood & Honour haben soll.

Die Staatsanwaltschaft beantwortet Fragen nach derlei Verbindungen derzeit nicht. Denn weiterführende Antworten, als jene eingangs genannte, heißt es vom Behördensprecher, würden die laufenden Ermittlungen gefährden.

Die Erfurter Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linke) sieht in dem Fall Parallelen zum Ballstädt-Verfahren. Auch hier hatte die Polizei zunächst von einer „Kirmesschlägerei“ gesprochen – der Charakter hinter der Tat wurde erst später bekannt. Bis heute ist keiner der Angeklagten abschließend verurteilt, ein Revisionsverfahren bisher nicht terminiert.

Ezra: „Gezielter, koordinierter und heimtückischer Angriff“

Renner fordert vor diesem Hintergrund und mit Blick auf den aktuellen Erfurter Fall: „Rechte brutale Angriffe müssen als solche benannt und dürfen nicht entpolitisiert oder verharmlost werden.“ Ihrer Einschätzung nach habe schon die Tatbegehung dafür gesprochen, dass es sich hier um einen Angriff mutmaßlich rechter Gewalttäter handelte.

Was zumindest unmittelbar an jenem Samstagmorgen noch dafür gesprochen hat, dass es sich nicht um eine „normale“ Schlägerei handeln könnte: Eine Gruppe wartete vor der Staatskanzlei und mehrere Personen machten Angaben zur Sache. Für einer Schlägerei, bei der beide Seiten Tatverdächtige seien könnten, wäre das eher ungewöhnlich.

Christin Fiedler, Beraterin bei der Beratungsstelle Ezra für Opfer rechter und rassistischer Gewalt, ordnet den Angriff der mutmaßlich rechten Gewalttäter als „gezielter, koordinierter und heimtückischer Angriff“ ein. Die Täter, etwa 20, seien hemmungslos und brutal vorgegangen. Sie bezieht sich auf zahlreiche Gespräche, die mit Opfern geführt worden seien. Die hätten sich auch darüber beklagt, dass zunächst von einer „Schlägerei“ gesprochen worden sei, obwohl sie von Beginn an gegenüber der Polizei entsprechende Angaben gemacht haben.

Landeskriminalamt zieht Ermittlungen zum brutalen Überfall an der Staatskanzlei an sich

Schlägerei in Erfurt war offenbar brutaler Überfall