Streit ums Geld an Jenaer Uni: Studentische Hilfskräfte wollen wie Uni-Angestellte behandelt werden

Jena/Erfurt  Unterstützt werden sie von der besonders links-orientierten Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion.

Drei studentische Hilfskräfte in Jena erhalten Nachzahlungen. Es heißt, die Studenten hätten mehr Stunden gearbeitet, als ursprünglich vertraglich mit ihnen vereinbart wurde.

Drei studentische Hilfskräfte in Jena erhalten Nachzahlungen. Es heißt, die Studenten hätten mehr Stunden gearbeitet, als ursprünglich vertraglich mit ihnen vereinbart wurde.

Foto: Lutz Prager

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Drei studentische Hilfskräfte in Jena erhalten Nachzahlungen. Es heißt, die Studenten hätten mehr Stunden gearbeitet, als ursprünglich vertraglich mit ihnen vereinbart wurde. Nun seien die nachgewiesenen Mehrarbeitsstunden „von der FSU vergütet worden“, sagt ein Sprecher der Uni Jena und verweist auf die außergerichtliche Einigung.

Erst jüngst waren Tutoren auf die Barrikaden gegangen und hatten in einem offenen Brief an Uni-Präsident Walter Rosenthal ihre Arbeits- und Entgelt-Bedingungen beklagt (TLZ berichtete). Fast alle von ihnen hätten nur auf die Vorlesungszeit, also für etwa vier Monate, befristete Verträge mit der Hochschule. Sie erhielten für ihre Leistungen nur den gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,84 Euro brutto pro Stunde oder – für den Fall, dass sie bereits einen Bachelor-Abschluss hätten – 9,70 Euro brutto pro Stunde. Insgesamt beklagen sie „extrem schlechten Arbeitsbedingungen“ an der Uni. Rosenthal hatte ihnen als Reaktion ein Gespräch angeboten.

Der Fall der drei, die nun mehr Geld bekommen, habe aber nicht direkt mit dem Brief zu tun, sagt der Uni-Sprecher. Allerdings stammten sowohl die Briefeschreiber als auch die nun nachbezahlten Hilfskräfte „aus dem Umfeld der FAU“. Die drei Buchstaben stehen für Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion. Und die FAU ist eine besonders links-orientiere Gewerkschaft. Sie bezeichnet sich selbst als „anarcho-syndikalistische Gewerkschaftsföderation“. In einem Grundlagenpapier der FAU heißt es unter anderem: „Wir streben die Überwindung des Kapitalismus an.“

FAU will Kapitalismus und Ausbeutung überwinden

Dieses Grundlagenpapier wurde nach FAU-Angaben 2015 als eine Art Prinzipienerklärung auf einem Kongress der Organisation „mit großer Mehrheit“ angenommen. Weiter steht dort geschrieben: „Der Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung der Arbeitenden durch diejenigen, die über die Produktionsmittel verfügen. Sie lässt sich niemals vollständig durch Reformen des kapitalistischen Regelwerks überwinden, sondern nur durch die Einführung einer grundsätzlich anderen, auf Solidarität und Selbstverwaltung basierenden Wirtschaftsordnung.“

Auch wenn sich viele eher bürgerlich denkende Hochschulbeschäftigte angesichts dieser an Karl Marx angelehnten Weltsicht schütteln mögen: die FAU macht derzeit an der Uni Jena auf Probleme aufmerksam, die Universitäts- und Fachhochschulbeschäftigte aller politischen Überzeugungen weit über die Saalestadt hinaus seit Jahren umtreibt. Und sie hilft den Betroffenen etwas dagegen zu tun: gegen die Befristungen, mit denen Verträge im Wissenschaftssektor häufig versehen sind; gegen die Unsitte, dass Beschäftigte in diesem Bereich zwar halbe Stellen erhalten und auch entsprechend gering bezahlt werden, in der Praxis aber die gleiche Leistung erbringen sollen wie Personen, die eine volle Stelle und damit auch volles Gehalt haben; gegen die Umgehung von Tarifrecht durch Werkverträge.

Und tatsächlich dürfte die Gewerkschaft auch in den kommenden Wochen und Monaten dafür sorgen, dass die Juristen in der Verwaltung der Uni Jena einiges zu tun haben werden: Die FAU plant nach Angaben eines Sprechers weitere Aktionen. Wenn daher der Uni-Sprecher aktuell sagt, derzeit seien keine weiteren Rechtsstreitigkeiten von studentischen Hilfskräften oder anderem Personal der Hochschule um Vergütungszahlungen anhängig, dürfte dies nur eine Momentaufnahme sein. Der FAU-Sprecher jedenfalls betont, dass mit Unterstützung der Gewerkschaft weitere studentischen Hilfskräfte nicht nur um zusätzlichen Lohn streiten wollen. Ihr Ziel könnte sein, dass sie nicht als studentischen Hilfskräfte, sondern als Verwaltungspersonal von der Hochschule angestellt würden. Letztere hätten unter anderem einen höheren Urlaubsanspruch und einen höheren Brutto-Stundensatz als die studentischen Hilfskräfte sowie einen besseren Schutz vor ständig befristeten Arbeitsverträgen.

Unterfinanzierung des Wissenschaftsbetriebs

So wollten unter anderem einzelne Aufsichtskräfte der Universitätsbibliothek dagegen vorgehen, dass sie bislang Verträge als wissenschaftliche Mitarbeiter hätten, sagt der FAU-Mann. Ebenso wie weitere Hilfskräfte des soziologischen Instituts der Uni. Ihr Hauptargument: Sie alle würden keine wissenschaftlichen Hilfstätigkeiten ausführen, sondern Verwaltungsaufgaben erledigen, argumentiert er. Wer etwa die Nutzer einer Bibliothek beim Suchen oder Ausleihen von Büchern unterstütze, arbeite nicht wissenschaftlich – und müsse deshalb wie andere Angestellte der Hochschulverwaltung auch behandelt werden. Gleichzeitig tritt der FAU-Sprecher aber dem Eindruck entgegen, die Arbeitsbedingungen an der Uni Jena seien im bundesweiten Hochschulvergleich besonders schlimm – und die besonders linke Gewerkschaft konzentriere sich deshalb mit ihren Aktionen derzeit vor allem auf diese Bildungseinrichtung. Die FAU-Gruppe Erfurt/Jena – in deren Einzugsbereich qua Namen also noch die Universität Erfurt und die Fachhochschulen in Erfurt und Jena liegen – habe inzwischen die Mehrzahl ihrer Mitglieder schlicht und einfach an der Uni Jena. Daher würden die FAU-Aktionen schwerpunktmäßig diese Hochschule treffen, heißt es.

Alles in allem sei die Lage von wissenschaftlichen Hilfskräften und anderem Hochschulpersonal an allen Hochschulen im Deutschland ähnlich schlecht, sagt der FAU-Sprecher. „Die Hochschulen sind einfach unterfinanziert.“ Das führe bisweilen dazu, dass wissenschaftliche Hilfskräfte mancherorts etwa IT- oder Büroaufgaben an Fachhochschulen oder Universitäten erledigen müssten, um das System irgendwie am Laufen zu halten. „Und das hat mit Wissenschaft ja auch gar nichts zu tun.“

www.fau.org

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