Falsche Tierliebe: 100 Hunde aus Ex-Kaserne in Vitzeroda befreit

Das Elend, das sich in den vergangenen 15 Jahren hinter den Mauern des ehemaligen Kasernengeländes in Vitzeroda (Wartburgkreis) abspielte hat ein Ende: Eine aus Hessen stammende Frau hielt auf dem Gelände, das abseits des Dorfes liegt und weder über Strom- noch über Wasseranschluss verfügt, mehr als 100 Hunde.

Im Tierheim in Jena fand ein Teil der Hunde aus Vitzeroda ein vorläufiges Zuhause. Den Großteil der Tiere nahm das Tierschutzcenter Meißen auf. Foto: Jördis Bachmann

Im Tierheim in Jena fand ein Teil der Hunde aus Vitzeroda ein vorläufiges Zuhause. Den Großteil der Tiere nahm das Tierschutzcenter Meißen auf. Foto: Jördis Bachmann

Foto: zgt

Vitzeroda/Jena. Sie selbst sieht sich als eine Tierliebhaberin. Die Mannschaftsräume der ehemaligen Kaserne baute sie zu provisorischen Zwingern um. Sie gab vor, dass es ihr Ziel sei, die Tiere weiterzuvermitteln. Damit sie Spenden einwerben konnte, gründete sie einen gemeinnützigen Verein.

"Dieser Verein existierte de facto aber gar nicht. Es gab keine Vereinsversammlungen oder ähnliches, der Verein war nur eine Art Schutzschild und eine Möglichkeit, an Spenden zu gelagen", erklärt Mario Aßmann, Vereinsvorsitzender des Tierschutzcentrums Meißen. Er beobachtete die Vorgänge in der Hunde-Kaserne schon seit zwei Jahren. Dass es so weit kommen konnte, sei unfassbar.

Zunächst hatte es 2009 eine Welle der Unterstützung für die Hundehalterin gegeben, nachdem über sie berichtet worden war. Viele Futterspenden gingen ein. Doch das war nicht die Lösung des Problems. Bei einer großangelegten Rettungsaktion von verschiedenen Tierschützern und Vereinen konnten dann im Februar 2010 etwa 50 der mehr als 120 Hunde aus der Kaserne geholt und auch weitervermittelt werden. "Unser Anliegen war es damals eigentlich, sukzessive immer mehr Hunde aus der schlechten Haltung zu befreien", sagt Aßmann. Dazu hätten die Tierschützer die Unterstützung des Veterinäramtes im Wartburgkreis benötigt. Hier sah man jedoch keinen Handlungsbedarf. Die Tierschützer wurden abgewiesen oder vertröstet. Es heißt, das Veterinäramt habe lange die Augen verschlossen, wollte keinen Ärger haben.

Das Veterinäramt hat geschlampt

Eine Tierärztin aus Berka in der Nähe von Vitzeroda erklärt außerdem, dem Veterinäramt des Wartburgkreises hätten bereits seit mehr als zehn Jahren Unterlagen vorgelegen, die belegen, dass der Frau per Gerichtsbeschluss die Tierhaltung untersagt ist. Schon bevor sie nach Thüringen zog, war sie scheinbar in Hessen wegen schlechter Tierhaltung auffällig geworden.

Am miserablen Zustand der Unterbringung für die Hunde änderte sich trotz des Drängens der Tierschützer zunächst nichts, das Veterinäramt stellte sich taub: Weiterhin wurden die Tiere einseitig mit Schlachtabfällen gefüttert, die ungekühlt gelagert wurden. An medizinische Versorgung für kranke Tiere war nicht zu denken, dafür fehlte der Hundehalterin das Geld. Entwurmung, die Befreiung von Flöhen, regelmäßiges Gassigehen all das konnte Marietta Praß nicht leisten. Das hätte auch dem Veterinäramt klar sein müssen.

Was sich genau auf dem Gelände und in den Kasernenräumen abspielte, blieb den Tierschützern verborgen. Alles war verrammelt. "Aber das, was man sah, roch und hörte, reichte völlig aus, meint Aßmann.

Schließlich stellte das Tierschutzzentrum Meißen eine Anzeige gegen die Halterin. "Außerdem nutzten wir die Möglichkeit, öffentlichen Druck aufzubauen", sagt Aßmann. Ein MDR-Bericht in der Sendung "Exakt" half dabei.

Die eigentliche Wende kam jedoch erst mit dem Wechsel der Leitung im Veterinäramt: Seit 1. Juni diesen Jahres leitet Dr. Eva Rähse das Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Wartburgkreises. Sie leitete per richterlichen Beschluss eine Durchsuchung des Grundstückes ein.

Jetzt zeigte sich das ganze Ausmaß der Misere: "Die Hunde hatten teilweise offene Wunden und Tumore, alle haben Flöhe, sie sind von Milben befallen. Die Tiere waren teilweise in den Kellerräumen angebunden", sagt Aßmann. Das Tierschutzgesetz wurde hier an allen Ecken und Enden missachtet. Die Hundekaserne wurde geräumt. "Es hat die ganze Nacht gedauert, denn wir sind von etwa 40 Hunden ausgegangen, tatsächlich hielt Marietta Praß, nachdem wir ihr bereits 50 Hunde abgenommen hatten, schon wieder 100 Tiere."

Dem Tierschutzcentrum Meißen war es sehr wichtig, das Problem noch vor dem Winter zu lösen, den in dem Gebäude gibt es keine Heizung und die Fenster sind größtenteils zerschlagen. Die Tiere hätten einen bitteren Winter durchleben müssen.

Ein Verfahren wurde eingeleitet

65 Hunde hat das Tierschutzcenter Meißen aufgenommen: "Sie sind in einem schlechten Zustand und nicht sofort vermittelbar, aber wir können das stemmen", sagt Aßmann. Die anderen Hunde wurde auf weitere Tierheime verteilt. Auch das Jenaer Tierheim erklärte sich bereit, 16 Hunde aufzunehmen.

Gegen die Halterin wurde eine Verfahren eingeleitet. Das Tierschutzcentrum Meißen beabsichtigt, weitere Anzeigen gegen sie zu erheben, unter anderem wegen Betrug.

Wer das Tierschutzcentrum Meißen unterstützen will, kann das mit Spenden an: Sparkasse Meißen; Konto 300 002 3290; BLZ 850 550 00

Gerettet aus der Hundekaserne: Mischlinge suchen ein Heim