Mosaik-Hefte: Die Digedags feiern ihren 60. Geburtstag

Weimar  Johannes Hegenbarth war nicht nur Comic-Zeichner: Die Biografie des berühmten Schöpfers des „Mosaik“ ist nun mit zahlreichen Abbildungen erschienen.

Die berühmten DDR-Comic-Helden Digedags feiern 2015 ihren 60. Geburtstag. Über ihren Schöpfer Johannes Hegenbarth wurde nun ein Bildband veröffentlicht, den der Bildgeschichten-Zeichner zum Teil noch mitgestaltete, bevor er verstarb. Dabei wird deutlich, dass Hegenbarth nicht nur Schöpfer der Zeitschrift „Mosaik“ war, sondern auch als Karikaturist und freier Zeichner arbeitete. Foto: Archiv Bernd Lindner

Foto: zgt

Wer in der DDR aufgewachsen ist, reiste mit den Digedags an Orte, die physisch nicht zu erreichen waren. Ob ins All, ins alte Rom oder nach Amerika – die Digedags vermittelten Bilder ferner Welten und Zeiten. In diesem Jahr feiern die DDR-Comic-Helden ihren 60. Geburtstag. Ihr geistiger Vater, Johannes Hegenbarth, blieb jahrelang im Hintergrund seiner Geschöpfe. Erst im hohen Alter begann er, über sein Lebenswerk zu sprechen, das weit mehr als die Digedags umfasst. Im letzten Jahr verstarb der Künstler, da arbeitete Professor Bernd Lindner gerade an einem biografischen Buch über „Die drei Leben des Zeichners Johannes Hegenbarth“. Nun ist der Band mit zahlreichen Abbildungen und Zitaten des Zeichners erschienen.

„Am bekanntesten ist Johannes Hegenbarth natürlich durch das ,Mosaik‘. Die monatlich erscheinende Zeitschrift war für viele Leser ein Motor, sich mit Geschichte zu beschäftigen“, sagt Bernd Lindner, der im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig für die Kunstsammlung zuständig ist. Der Hegenbarth-Bestand darin umfasst etwa 50 000 Blatt, doch nur die Hälfte davon ist dem „Mosaik“ zuzuordnen: „Er war ein Sammlertyp und manischer Zeichner. Auch wenn er den ganzen Tag intensiv am ,Mosaik‘ gearbeitet hatte, ging er abends ins Theater und kam mit 30 Zeichnungen und mehr zurück. Das hat ihn das ganze Leben begleitet und auch über die Zeit gerettet, als es das ,Mosaik‘ nicht mehr gab“, sagt der Biograph.

„Mir war das anfangs gar nicht so bewusst, aber irgendwie gerieten mir Porträts immer wieder ins Typenhafte. Dafür erntete ich oft zustimmendes Schmunzeln, mitunter aber auch heftige Schelte“, erinnert sich Johannes Hegenbarth im Buch an die Anfänge seiner karikaturistischen Zeichnungen im Studium. Bevor er nämlich Dig, Dag und Digedag erschuf, arbeitete Hegenbarth bereits während seiner Studienzeit in Leipzig als Pressezeichner und Karikaturist.

Er stammte aus einer Glasmacherfamilie, die sich nach der Vertreibung aus dem Sudetenland in Ilmenau niederließ. Hegenbarth arbeitete zuerst als Entwurfszeichner und Glasmaler. 1947 nahm er in Leipzig ein Studium der Gebrauchsgrafik an der Kunstgewerbeschule auf, wechselte aber schon nach einem Semester ins Kunstfach. Nebenbei zeichnete er für Zeitungen.

Weil aber schon sein Onkel Josef Hegenbarth als Karikaturist arbeitete, nannte sich Hegenbarth fortan nur noch Hegen, unterzeichnete seine Werke meist mit „Johannes“. Aus der Zeit um 1953 ist auch eine Karikatur von SED-Chef Walter Ulbricht mit dicken Stirnesfalten überliefert, die zu veröffentlichen damals aber nicht möglich war. „Der ,Frische Wind‘ schickte mich ab 1951 zusammen mit einem Textredakteur quer durch die DDR, vom Oderbruch in die Steinkohle nach Zwickau und von da nach Rostock zur Hochseefischerei. Wir waren als Reporterteam unterwegs, um Erfolge und Missstände in der Volkswirtschaft aufzuspüren‘“, berichtet Hegenbarth in der Bildbiografie. „Es gibt Karikaturen, in denen Hegenbarth dem System das gibt, was es haben wollte, die sich mit Eisenhüttenstadt und dem Aufbau des Sozialismus beschäftigen. Spaß machte ihm aber mehr das Aufspießen der alltäglichen Dinge. Er karikierte die schlechte Versorgungslage, selbstherrliche Leiter oder die angepasste Rolle der Künstler im Sozialismus“, weiß Lindner nach dem Sichten der Sammlung. Außerdem fertigte Hegenbarth erste Zeichengeschichten an, darunter die 35-seitige Odyssee eines Autobesitzers nach Ersatzteilen in der DDR. „Das Scheitern zweier Bildgeschichten über die Tücken des DDR-Alltags zeigten Johannes Hegen nachdrücklich die Grenzen auf, die ihm in diesem Land als Karikaturisten gesetzt waren“, merkt Autor Bernd Lindner dazu an. Durch einen glücklichen Zufall – es gab Überlegungen dem „verderblichen Einfluss des Westens auf junge Menschen“ etwas entgegenzusetzen – konnte Johannes Hegenbarth endlich längere Zeichengeschichten verfassen.

Rumpelmännchen

Zuvor schon hatte er für Altstoffsammelaktionen ein Symbol entworfen und das Rumpelmännchen entwickelt – ein alter, zottliger Typ mit Bart, inspiriert vom Rumpelstilzchen. Für die Digedags führte er die zeichnerischen Ideen fort: „Die ersten Figuren hatten noch Halbglatze und einen rundlichen Bauch, sie sehen fast aus wie Gartenzwerge“, berichtet Lindner von den Vorstudien. „Aus den älteren Herren wurden schließlich jüngere Typen mit Koboldeigenschaften: Sie bleiben ewig jung und können überall dabei sein. Auch Asterix und Lucky Luke bekommen ja keine Falten, das zeichnet die meisten Comic-Helden aus.“

„Ich suchte für alle drei solche Namen, die sich direkt aufeinander beziehen, wo einer unmittelbar zum anderen gehört. Das Ticken der Wanduhr hat mich darauf gebracht. Zum Tick der Uhr gehört immer auch das Tack. Beides hört man nur zusammen: Ticketack... Das klang mir aber zu hart.“ Da Hegenbarth durch sein Studium in Leipzig mit dem Sächsischen vertraut war, wurden aus den „Ts“ kurzerhand weiches „Ds“ – die Digedags waren geboren. Es dauerte eine Weile bis Hannes Hegen, wie sich der Künstler nun nannte, seinen Stil fand; zuerst gab es sogar Tiergeschichten im ,Mosaik‘. Als er sich ein Zeichenkollektiv für die monatliche Fertigung seiner ,Mosaik‘-Ausgaben suchte, lernte er Edith Szafranski kennen, die er später heiratete.

Von seinen Mitarbeitern wurde häufig sein Alleinherrschertum kritisiert, mit dem er die Zeitschrift führte. Er hatte Modellbauer im „Mosaik“-Team, um Orte detailgenau zu erfassen, an die die Zeichner nicht reisen durften wie beispielsweise Rom. „Ich habe vor dem Mauerbau sogar Leute mit Fotoapparaten nach West-Berlin in die Flohkinos gleich hinter der Grenze geschickt, damit sie während der Vorstellung Fotos von einzelnen Filmszenen machten, vor allem aus Historien- und Abenteuerfilmen. Alles Bildfutter für das ,Mosaik‘“, beschrieb Hegenbarth seine Inspirationssuche.

Der Künstler besaß ein großes Wochenendhaus bei Berlin, dort lagerte auch seine Sammlung von Westcomics. „Er hatte mit der Obrigkeit immer wieder Auseinandersetzungen über die Ausrichtung seiner Zeichengeschichten“, weiß Lindner. „Er trieb sich im alten Rom rum, in Amerika oder mit dem Ritter Runkel durch den Orient: Der einzige Kompromiss war, als der Sputnik um die Erde kreiste und die Erfolge der sowjetischen Raumfahrt gefeiert wurden; da hat er sehr widerwillig die Digedags in den Weltraum entführen lassen. Doch hat er sich ein bisschen gerächt, indem er den Weltraum aufbaute wie den Ost-West-Konflikt auf der Erde.“

Zeichenkollektiv

In den 60er Jahren bekam das „Mosaik“ mit der Vorstellung von großen Erfindungen eine Wissensvermittlerrolle, die nach Ansicht Lindners zur Popularität des „Mosaik“ beigetragen hat: „Weil die DDR abgeschottet war und nur einen sehr begrenzten Kanon an Weltansichten bot, das Fernsehen noch in den Anfängen lag und es noch keine Sachbücher mit kindgerechter Wissensaufbereitung gab, hatte das solchen Erfolg. Es ist Abenteuer und Wissensvermittlung in einem und weit mehr als die Schule in der DDR damals geleistet hat. Kein einziges Heft wurde je remittiert – sie gingen weg wie warme Semmeln.“ Ganz konnte sich das „Mosaik“ aber dem Staatseinfluss nicht entziehen, denn es gab vier Jahre lang Beilagenhefte mit Geschichten aus dem Pionierleben.

Auf dem Gebiet der Comics war Hegenbarth ein Pionier: Asterix erschien erst 1962, Hegenbarth schuf schon ab 1956 Geschichten, die über mehrere Hefte eine Handlung erzählen. „Micky Maus ist dagegen viel kürzer und auf Situationskomik mit kurzen Pointen ausgerichtet“, analysiert Lindner. Hegenbarth schätzte selbst ein, dass er mit seiner Art von Zeichengeschichten im Westen keine Chance gehabt hätte, weil der Comic-Markt dort ein anderer war.

„Bis zu seinem Lebensende saß die Enttäuschung tief, dass die Zeichner des „Mosaik“-Kollektivs ihn 1975 geschlossen verlassen hatten, ohne ihm gegenüber vorher nur die leiseste Andeutung darüber zu machen“, sagt Bernd Lindner. Hegenbarth war, so der Biograf, ein cleverer Geschäftsmann, doch 1975 verkalkulierte er sich: Anfangs hatte er seine Hefte mit Einzelverträgen produziert; in den Sechzigern ging es dann in Rahmenverträge über. Als er schließlich mit dem „Mosaik“ von einer monatlichen Erscheinungsweise zu größeren Abständen wechseln oder gar nur dickere Zeichen-Bücher produzieren wollte, wurden die Zeichner hinter seinem Rücken abgeworben.

„Der Verlag wollte auf den enormen Gewinn, den er mit dem monatlich erscheinenden ,Mosaik‘ generierte, nicht verzichten,“ erklärt Lindner.

Neben der Entwicklung der Geschichten, kamen auch alle Vorzeichnungen von Hegenbarth, die dann von den Zeichnern weiter ausgestaltet wurden, beschreibt Lindner die Produktionsabläufe: „Weil das Kollektiv die eigentlichen Zeichenaufgaben ausführte, entstand der Eindruck, es gehe auch ohne Hegenbarth. Die Tiefgründigkeit des Witzes und der besondere Geist des ,Mosaiks‘ kamen aber von ihm.“

Das Kollektiv ließ sich unter neue Verträge nehmen und aus den Digedags wurden die Abrafaxe: „Eingefleischten ,Mosaik‘-Fans – wie mir zum Beispiel – war das oft zu flach. Zwar war die DDR nie Thema im ,Mosaik‘, aber doch war sie immer dabei in den Geschichten. Dieser doppelte Boden war für Hegenbarth spezifisch“, sagt Lindner.

Hegenbarth ging vor Gericht, weil er in den Abrafaxen ein Plagiat sah. Es gab einen Kompromiss: Die Digedags blieben seine Figuren, das ,Mosaik‘ durfte aber vom Verlag fortgeführt werden. Analogien zu den Digedags liegen allerdings auf der Hand: „Die Abrafaxe sind auch drei, Kobolde und reisen durch Raum und Zeit“, sagt Lindner.

Nach der Wende erschienen alle ,Mosaik‘-Reihen Hegenbarths in Sammelbänden. Doch zu DDR-Zeiten sollte Hegenbarth nur noch wenig Erfolg vergönnt sein. Seine Frau Edith arbeitete wieder als Kostümbildnerin. Hegenbarth zeichnete fortan nur noch für sich – ob bei Filmaufnahmen, im Theater oder im Straßenverkehr. „Das ist bisher kaum bekannt. In seinem Nachlass gibt es eine Menge freier Zeichnungen. Die große Anerkennung dafür aber blieb aus, weil ihm keine Öffentlichkeit gegeben wurde.“

Mit seinen Digedags aber wird Johannes Hegenbarth einer ganzen Generation in Erinnerung bleiben: „Die Geschichte der Dampfmaschine hat mich in der Schule nie interessiert, im ,Mosaik‘ aber schon. Das römische Reich wurde in der DDR auch nur ganz kurz in der Schule behandelt. Uns fehlten die Bilder dazu. Hegenbarth lieferte sie – ein Einblick in Welten, die uns sonst verschlossen geblieben wären“, sagt Bernd Lindner.

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