Streit der Dörfer verhinderte Brauhaus-Neubau in Großneuhausen

Großneuhausen  Historischem Leergut auf der Spur: Ab 1870 wurde in Großneuhausen nur noch abgefüllt – Münchener Bier wurde aus Erfurt geliefert (Teil 1)

Mit aufwendig gestalteten Postkarten wurde einst für den Bahnhof von Gross-Neuhausen und für die daran anschließende Gastronomie von Oscar Hirschfeld die Werbetrommel gerührt.

Mit aufwendig gestalteten Postkarten wurde einst für den Bahnhof von Gross-Neuhausen und für die daran anschließende Gastronomie von Oscar Hirschfeld die Werbetrommel gerührt.

Foto: Archiv Günther Kilian, , Tierarztpraxis Saskia Töpfer

Das Verhältnis zum Bier war in Großneuhausen schon immer ein ganz besonderes. Bier stand auf der Prioritätenliste mit ganz oben. Es war fast von staatstragender Wichtigkeit, dass es nie am Gerstensaft mangelt. Was der besonderen Aufgabe zu verdanken ist, mit denen die Herren des einstigen Schlosses beauftragt wurden.

Einige Mitglieder der Familie von Werthern-Beichlingen wurde vom Kaiser im Amt eines „Reichserbkammer-Türhüters des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ bestätigt. Diese waren dafür verantwortlich, dass die jeweilige Kaiserwahl in Frankfurt geheim stattfand, dass die Utensilien der Macht, Reichsapfel, Zepter und Krone, sicher verwahrt wurden, wenn sich der Kaiser im Krieg befinden sollte.

Erstes Brauhaus stand am Schankplatz

Neben dem Hauptsitz in Beichlingen gehörten Großneuhausen und Ellersleben zu den ländlichen Ablegern, die gern für die Jagd und für Ausflüge genutzt wurden. Im Schloss Großneuhausen nächtigten bei solchen Gelegenheiten unter anderem August der Starke, Generalfeldmarschall Büchner und Kaiser Wilhelm II. Und Bier war für ein Schloss einst wichtig, für Herren und Mannschaft.

Dass es in Großneuhausen ein Brauhaus gab, kam dabei gelegen. Wie Ortschronist Günther Kilian recherchiert hat, gab es bereits weit vor 1800 ein Brauhaus im Ort. Es war direkt an die Gemeindeschenke am Schenkplatz angegliedert. Als für das Schloss mit Holzrohren eine neue Wasserleitung zur Quelle des Liseborn gelegt wurde, sollte auch das Brauhaus davon profitieren. Deshalb wurde es an die nordöstliche Seite des Dorfes verlegt, direkt an die Leitung. Der Rest des Dorfes ging leer aus, musste sich weiterhin aus Hausbrunnen versorgen.

Bis 1890 hielt dieser Zustand. Dann stellte sich heraus, dass das Wasser nicht reichte. Vermutet wird, dass auch die Qualität nachließ. Deshalb wurde ein neues Brauhaus geplant – auf die „grüne Wiese“ zwischen Groß- und Kleinneuhausen. Da sich aber beide Dörfer nicht einigen konnten, blieb es bei den Planungen – das Braurecht schlief ein. Dies änderte aber nichts am Bedarf. Bier gehört in Großneuhausen auch weiterhin zu den wichtigsten Grundnahrungsmittel. Zumal es seit 1830, mit dem Bau der Weimarischen Straße (der heutigen B 85) und dem Ausspann „Weimarischer Hof“, immer mehr durstige Durchreisende gab.

Die 1870 eröffnete Eisenbahnlinie von Sömmerda nach Großheringen, die auch den Ortsrand von Großneuhausen tangierte, bot eine Alternative. Gegen den Widerstand der Einwohner, die nicht wollten, dass die Bahn ihre Felder zerteilte. Immer wieder wurde der Bahnbau sabotiert – letztendlich musste er unter Polizeischutz vollendet werden. Mit der Bahn wurde auch ein Bahnhof gebaut. Damals schon nicht mehr als eine Haltestation. Lange Zeit stand er einsam in der Flur. Es musste beim Lokführer angemeldet werden, wenn man aussteigen wollte. Ein Halt war nicht vorgesehen – eine späte Rache der Eisenbahngesellschaft, wegen der Probleme, die ihr in Großneuhausen bereitet wurde. Erst als 1895 gegenüber ein Hotel nebst Gaststätte gebaut wurde, änderte sich dies. Denn mit ihm kam der Bau der Bahnhofstraße, der die Bahn mit dem Ort verband.

Unmittelbar neben dem Hotel wurde ein Eiskeller angelegt, der in den Biergarten integriert wurde, daneben ein Lagergebäude, aus dem schnell eine Bierumlage wurde. Umgefüllt wurde zuerst ausschließlich Bier der Gutsbrauerei Gürth Weißenfels, die auch das Bahnhofs-Hotel nebst Gaststätte baute. In der natürlich auch nur Bier aus Weißenfels ausgeschenkt wurde. Benannt wurden Hotel und Gaststätte nach dem ersten Pächter, nach Oskar Hirschfeld. Dessen Kundschaft war zuerst ausschließlich auf dem Weg zum Schloss oder von dort zur Bahn. Von den Einwohnern wurde die Lokalität zuerst vermieden. Was sich erst mit der zunehmenden Nutzung des Bahnhofes änderte.

Erst 1904 fiel das Bier-Monopol der Weißenfelser, nachdem Oskar Hirschfeld die Gaststätte erwarb. Die Niederlage wurde abgegeben und von der Aktienbrauerei Allstedt übernommen, die sich seit ihrer Gründung 1866 immer mehr vergrößert hatte, übernommen. Neben Großneuhausen unterhielt die Brauerei damals eine zweite Niederlage in Oldisleben und eine Zweig-Brauerei in Wiehe. Ein erster Pachtvertrag wurde am 17. März 1904 unterzeichnet, am 4. Februar 1909 wurde dieser erneuert.

Im Vertrag war u.a. festgelegt, dass dem Pächter pro verkauftem Hektoliter Bier eine halbe Mark zusteht. Wagen und Pferde für den Vertrieb des Bieres wurden von der Brauerei gestellt. Den zehn Angestellten der Niederlage stand pro Tag, pro Mann, zwei Liter Freibier zu. Natürlich war auch festgelegt, dass in der Gastwirtschaft ausschließlich Bier der Aktienbrauerei ausgeschenkt wird – für dieses Bier wurde die Provision sogar auf eine Mark pro Hektoliter festgelegt. Selbst der Verbleib der Abwässer wurde im Vertrag geklärt: Die Jauche der Pferdeställe wird in den Garten der Hirschfelds abgeleitet. Auch wurden die Bezirksgrenzen der Niederlage festgelegt. Eigens aufgeführt wurden die Dörfer Gorsleben und Etzleben, in die auf keinen Fall geliefert werden durfte. Einen zu erfüllenden Liefervertrag gab es dagegen mit der Gaststätte „Gute Quelle“ in Heldrungen.

Belegt ist auch, dass Hirschfeld in Erfurt Bestellungen aufgab. Sein dort bevorzugter Händler war Arthur Sturm in der Johannesstraße, der viele in Thüringen nicht gebräuchliche Klassiker im Angebot hatte. Regelmäßig wurde aus Erfurt 100-Liter-Fass angeliefert. Gefüllt mit Bier der Münchener Spatenbrauerei. (wird fortgesetzt)

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