Zirkus „Afrika“ gastiert in Weimar: „Überleben ist ein Drahtseilakt“

Weimar  Zirkusse in ganz Deutschland haben es immer schwerer. Das Interesse an Menschen, Tieren, Sensationen nimmt ab – die Kritik von Tierschützern wird dagegen immer lauter. So auch beim Zirkus „Afrika“ in Weimar.

Jeffrey, Kimberley, Ashley und Charmaine Weisheit (von links) sowie Weihnachtsmann Tino Renz sind ein fester Teil der Zirkus-Truppe. Foto: Peter Michaelis

Jeffrey, Kimberley, Ashley und Charmaine Weisheit (von links) sowie Weihnachtsmann Tino Renz sind ein fester Teil der Zirkus-Truppe. Foto: Peter Michaelis

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Seit er fünf Jahre alt war, tritt Jeffrey Weisheit im Zirkus seines Vaters auf. Nun ist er 17, hat gerade die Zirkusschule mit dem Hauptschulabschluss beendet und kann sich nichts anderes vorstellen, als später in die Fußstapfen seines Vaters Hardy Weisheit zu treten. Er ist das Nesthäkchen der Familie und zuständig für die Jonglage-Einlagen des Zirkus „Afrika“, der vom 24. Dezember bis 3. Januar in Weimar in der Humboldtstraße gastiert.

Neben der Jonglage-Nummer bespaßt Jeffrey das Publikum als Clown. Bei den Kindern komme seine Nummer immer gut an, sagt der Nachwuchs-Artist. Sein größter Traum: den Job als Zirkusdirektor eines Tages übernehmen.

Ob das jemals passieren wird, steht in den Sternen, denn Zirkusse in ganz Deutschland haben es immer schwerer. Menschen, Tiere, Sensationen ziehen nicht mehr so wie früher. Das bestätigt auch Zirkus-Direktor Weisheit und sagt: „Überleben ist ein Drahtseilakt.“ Sein größter Lohn seien die strahlenden Gesichter der Zuschauer, sagt der Zirkus-Direktor. Urlaub hatte er noch nie in seinem Leben, schließlich muss er sich auch täglich um die Tiere kümmern.

Jeden Tag müssen allein 500 Euro für Tierfutter und Heizungskosten eingenommen werden. Da besteht tagtäglich die Sorge, ob das Zelt denn auch voll genug wird. Eine Show musste in den letzten Jahren zum Glück nicht abgesagt werden, weil zu wenige Zuschauer kamen, sagt Hardy Weisheit.

Dies ist jedoch nicht seine einzige Sorge an diesem stürmischen, aber milden Dezembertag. Die Leiterin des Weimarer Veterinäramtes, Petra Schwarz, ist zu Besuch mit einer Kollegin. Sie prüft, ob die Tiere artgerecht gehalten werden. Zum Zirkus und zur Prüfung will sie sich nicht weiter äußern, sagt später nur, dass sie Anzeige gegen den Direktor erstattet.

Im Zelt für die Tiere sei es zum Streit gekommen, erklärt Weisheit. Über Aussagen der Behördenmitarbeiterin habe er sich so geärgert, dass er eine Absperrkette aus Eisen zu Boden warf. Diese habe beim Runterfallen die Mitarbeiterin leicht am Bein gestriffen, schildert Zirkus-Chef Weisheit. Natürlich habe er sich sofort entschuldigt, so der Direktor weiter.

Ärger gebe es immer wieder mit den Tierschützern, sagt er, doch seinen Tieren gehe es nicht schlechter als im Zoo. Zum Beweis zeigt er auf die Wiese, auf der die Elefanten für kurze Zeit Auslauf haben. Neben einem Sandhaufen und einem Container mit Wasser und Zweigen gibt es noch einen großen Reifen als „Spielzeug“ für die drei großen, je sieben Tonnen schweren Kolosse. „400 Quadratmeter Auslauf haben unsere Tiere hier, viel mehr als rechtlich vorgeschrieben ist“, sagt Weisheit sichtlich stolz. Für ihn kommen die Tiere an erster Stelle in seinem Leben, „noch vor meiner Frau und den Kindern“. Regelmäßig gehe er mit Gandhia, Moja und Tonga spazieren, erzählt Hardy Weisheit.

Neben den aus Afrika und Indien stammenden Elefantendamen besitzt der Zirkus fünf Kamele, acht Ponys, zehn Pferde, vier Esel und drei Hunde.

Die ganze Familie wirkt mit, wenn es heißt, das große Zirkuszelt auf- und abzubauen. Etwa zwei Tage dauert der Aufbau und nur wenige Stunden der Abbau,wenn die letzte Vorstellung an einem Ort gegeben wurde. Den ständigen Wechsel findet Jeffrey nicht schlimm. Man sehe viel von der Welt, und mit der Zeit gewöhne man sich an die ständigen Ortswechsel, so der Teenager. Feste Mitglieder der Show sind auch seine drei Schwestern Ashley (26), die als Seiltänzerin und Schlangenmensch ihre Auftritte in der Manege hat, Charmaine (24), die „Königin der Luft“, die Kunststücke am Schwungseil und Ringtrapez vollführt, sowie Kimberley (20). Die jüngste der drei im Zirkuszelt groß gewordenen Schwestern hat sich auf die Pferde-Dressur spezialisiert und lässt sie Kunststücke in der Manege vorführen.

Insgesamt gehören der Zirkus-Truppe 25 Männer und Frauen an, die zwischen März und November meist etwa 20 Städte besuchen. Sie umfasst nicht nur die Familie Weisheit, sondern auch Artisten und Mitarbeiter aus Spanien und afrikanischen Ländern. Im November gönnen sich alle dann eine vierwöchige Pause, bis sie über Weihnachten noch einmal Auftritte haben. Ab Januar ist dann Winterruhe.

Das Weihnachtsfest werde an Heiligabend nach der Show mit einem großen Fest gefeiert, erzählt Hardy Weisheit. Dabei kommen alle Mitarbeiter des Familienunternehmens im Zelt zusammen. Auf dem Speiseplan steht in diesem Jahr Entenbraten. Nach dem Festmahl spielt dann die hauseigene Kapelle auf zu Tanz und Gesang. Auch der Weihnachtsmann kommt zu Besuch und verteilt Geschenke an alle Artisten und Mitarbeiter des Ensembles.

Dass das Zelt an Weihnachten nicht leer sein wird, beweist der Andrang an der Kartenkasse am Dienstagvormittag kurz vor 11 Uhr. „Unsere Kinder gehen Heiligabend, kurz vor der Bescherung, in den Zirkus“, sagt Manfred Patenge aus Weimar-Gaberndorf, der zusammen mit seiner Frau Diana an der Zirkus-Kasse ansteht. Während die Kinder sich im Zelt vergnügen, haben die Eltern die Zeit, alles für den Auftritt des Weihnachtsmannes vorzubereiten. „Es ist eine prima Ablenkung für die Kinder“, ergänzt Patenge. Schon als Kind ging er selber gerne in den Zirkus, um sich exotische Tiere und atemberaubende Seiltanznummern anzugucken.

l Vom 24. Dezember bis 3. Oktober gastiert der Zirkus „Afrika“ in der Humboldtstraße in Weimar. Die Premiere ist um 14 Uhr, alle anderen Vorstellungen um 15 Uhr.

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