Immer wenn der Sommer vor der Tür steht, kriegen wir es schwarz auf weiß, wissenschaftlich fundiert und inzwischen quasi offiziell: Die Erfurter zählen zu den glücklichsten Menschen in Deutschland. Die allerglücklichsten zumindest in Ostdeutschland, bundesweit auf einem beachtlichen sechsten Platz. Für den Glücksatlas des renommierten Sozialforschers Bernd Raffelhüschen werden jährlich rund 14.000 Bundesbürger befragt, eine respektable Datenlage also. Da muss was dran sein.

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„Wen haben die denn da bloß gefragt? Mich nicht!“, wischt der Erfurter solcherlei Erkenntnisse gern beiseite. Und überhaupt: Waren wir 2024 nicht sogar auf dem zweiten Platz? Was ist da passiert? Sollten wir nicht besser darüber reden, wie Aachen, Augsburg, Düsseldorf und Krefeld im Glücksranking an uns vorbeiziehen konnten? Hinzu kommt: Ganz eindeutig haben die Erfurter gar keinen objektiven Grund, so glücklich zu sein. Wir zählen zu den sogenannten „Overperformern“: Niedrige Einkommen, wachsende Kriminalität, sinkende Geburtenrate und trotzdem zufrieden.
Es kommt darauf an, wonach gefragt wird
Vielleicht machen solche Städtevergleiche uns alle nur noch ein bisschen unglücklicher. Denn meist erfahren wir: Es geht anderswo noch besser. Im Laufe des Jahres erreichen uns tatsächlich Dutzende Vergleichsstudien, Ranglisten, Datenanalysen. In den wenigsten Fällen wurde dabei der Aufwand betrieben, Menschen nach ihrer Meinung zu befragen. Internet-Bewertungen, Suchanfragen und überhaupt alles, was sich an Online-Daten findet, lässt sich in ein Ranking verwandeln. Jemand muss sich nur die Mühe machen.
Die Ergebnisse: Mal ist Erfurt top, mal Flop. Es kommt nicht darauf an, wen man fragt, sondern wonach. Ärgern wir uns also noch mal richtig.
Gestresste Erfurter, zufriedene Gäste
Mit einer Durchschnittsnote von 1,8 gehört die Erfurter City zu den beliebtesten Innenstädten unter Shoppern in ganz Deutschland. Das war im Februar zu erfahren. Fußgängerfreundlich und gut zu erreichen, lautet das Urteil der Befragten Allerdings: Drei Jahre zuvor wurde die Einkaufsmeile noch mit 1,6 bewertet. Und zum Einkaufen kommen immer weniger Menschen nach Erfurt, die Umsätze sinken. Immmerhin: Erfurt scheint eine als gastfreundlich wahrgenommene Stadt zu sein. So ist es das zweitbeliebteste Ziel für Kurzurlauber im Osten, Platz 5 von 15 bundesweit, wie im August ein Internet-Dienstleister verkündete.

Und die Erfurter selbst? Sie sind gestresst, glaubt man einer Zahlenspielerei, die uns im Juli zugespielt wurde. Gezählt wurde, wie häufig das Wort „Stress“ oder damit zusammenhängende Begriffe gegoogelt wurden. Und siehe da: Nur in Frankfurt/Main und Rostock war der Anteil noch höher. Das war‘s dann auch schon fast mit den Spitzenplätzen für Thüringens schönste Landeshauptstadt.
Finanzamt und Straßenbahn im Mittelfeld
Denn so stolz wir auch auf unser rot-weißes Nahverkehrsnetz sind, mit im Bundesvergleich nicht mal sonderlich teuren Tickets, landet das Tarifsystem doch nur im Mittelfeld – wegen teurer Hundekarten und fehlendem Kurzstrecken-Rabatt. So vermeldeten es die Ranglisten-Spezialisten von „testberichte.de“ im November. Und ein Werbeportal für Online-Casinos fand im Oktober heraus, dass das Erfurter Finanzamt nur unterdurchschnittliche Google-Bewertungen bekommt, Platz 61 von 100 Großstädten. Hand aufs Herz: Wann haben Sie das Finanzamt zuletzt bei Google bewertet?

Richtig auf die Füße fallen den Erfurtern aber die steigenden Mieten und Immobilienpreise gepaart mit den unterdurchschnittlichen Einkommen. Ein Immobilien-Makler bescheinigt Erfurt im November einen miserablen 57. Platz im jährlichen „Leistbarkeits-Ranking“, Tendenz fallend. Und auch in der Frage, wie familienfreundlich die Stadt ist, drücken die Immobilienpreise auf die Gesamtnote. Hinzukommt: Es mangelt an Kindergärten und -ärzten. Immerhin erfahren wir aus der im September veröffentlichten Rangliste: Nirgendwo gibt es so viele Spielplätze pro Kopf wie in Erfurt.
Wenigstens der Weihnachtsmarkt glänzt
Da rettet uns auch nicht der Thüringer Zoopark, der es im Bewertungscheck nur auf Platz 230 von 370 schafft. Und richtig düster sieht es für Jugendliche aus, die von der Disko nachts nach Hause wollen. Der Regionalverkehr ins Umland nämlich, bemängelt der ADAC, kommt zu später Stunde weitestgehend zum Erliegen. Der letzte Platz im Bundesvergleich.

Da bleibt uns nur noch die Vorfreude auf den nächsten Weihnachtsmarkt. Der wurde dieses Jahr so häufig im Internet gesucht wie kein anderer in Deutschland, mit seiner Beliebtheit landet er laut aktuellster Analyse auf Platz 7 bundesweit. Verdient hätte er es aber zweifellos, wie schon 2018 zum schönsten Weihnachtsmarkt des Landes erhoben zu werden.
Uns haben sie diesmal nicht gefragt.




