Die Spitzenkandidaten: Mike Mohring, der Gereifte

Erfurt  Die Spitzenkandidaten zur Landtagswahl Thüringen, Teil 1: Seit Jahren arbeitet CDU-Landes- und Fraktionschef Mike Mohring auf sein Ziel hin, Ministerpräsident zu werden.

Wieder ganz in seinem Element: Mike Mohring spricht bei einem seiner vielen Wahlkampfauftritte. Als CDU-Spitzenkandidat will er seine Partei wieder zur stärksten Kraft in Thüringen machen.

Wieder ganz in seinem Element: Mike Mohring spricht bei einem seiner vielen Wahlkampfauftritte. Als CDU-Spitzenkandidat will er seine Partei wieder zur stärksten Kraft in Thüringen machen.

Foto: Peter Hansen

Schmal ist er geworden. Mike Mohring, der im Juni bekannt gab, den Krebs besiegt zu haben, hat enorm abgenommen. Aber ein politisches Leicht­gewicht wird er nie sein.

Mohring sitzt im Raum der Landespressekonferenz im Thüringer Landtag, der Hemdkragen lockerer als früher, die dunklen Haare dicht nachgewachsen. Es ist die obligatorische Befragung durch die Journalisten im Vorfeld der Parlamentssitzung im September; und man merkt dem CDU-Fraktionschef an, dass er sein zentrales Ziel nie aus den Augen verloren hat: Der 47-Jährige will Ministerpräsident werden.

Dazu gehört die Attacke auf den politischen Gegner. Und die beherrscht Mohring wie eh und je. Es geht um die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge – und der Christdemokrat poltert, die rot-rot-grüne Landesregierung schaffe mit ihrer Novelle nur „neue Ungerechtigkeiten“. Das sei „kein seriöser Politik­ansatz“. Die Koalition habe „Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllt“.

Auf den Wechsel arbeitet er seit Jahren hin

Es sind wohlgesetzte Nadelstiche. Mohring signalisiert damit: Die können es nicht, es ist Zeit für einen Wechsel. Auf den arbeitet er seit Jahren hin. Die gut sieben Monate, die er sich gegen seine lebensbedrohliche Krankheit wehrte, haben zwar alles in seinem Leben relativiert, und seinen größten Kampf hat er in diesem Jahr schon gewonnen. Aber nun scheint er bei aller Entspannt- und Gelassenheit wieder fokussiert. Die Freude an der Konfrontation ist zurück; und das politische Geschäft begreift er wieder als das, was es für ihn auch immer war: ein Spiel, das er gewinnen will. Dieser Leitgedanke zieht sich beharrlich durch seine Karriere.

Sein Ehrgeiz und seine angeborene Rhetorik ließen den gebürtigen Apoldaer mit der Schülergruppe des Neuen Forums im Herbst 1989 Demonstrationen organisieren, zum Chef des Neuen Forums im Kreis aufsteigen und später in die CDU wechseln. 1995 führte er die Kreistagsfraktion, vier Jahre später gelang ihm der Sprung in den Landtag. Damals war er der Zweitjüngste in der Fraktion und die Union regierte in Thüringen mit absoluter Mehrheit. Mohring hatte zwar sein Jura-Studium zu dieser Zeit nicht abgeschlossen, aber das zügelte nicht seinen Drang, etwas bewegen zu wollen. Schnell verschaffte er sich bei altgedienten Parlamentariern Respekt, avancierte zum finanzpolitischen Sprecher. Mohring ärgerte die eigenen Leute, indem er einen rigideren Sparkurs einforderte. Das nervte die etablierten Kollegen. Aber der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) erkannte früh das politische Talent des jungen Mannes und förderte ihn.

Eigentlich lief 2008 schon alles auf Mohring als künftigen Ministerpräsidenten hinaus

Auch Vogels Nachfolger als Regierungs- und Parteichef, Dieter Althaus (CDU), wusste um die Qualitäten Mohrings. Im Jahr 2000 wurde er Mitglied im Landesvorstand, 2004 Generalsekretär, 2008 Fraktionschef. Eigentlich lief damals schon alles auf Mohring als künftigen Ministerpräsidenten hinaus. Althaus hätte nach der Bundestagswahl 2013 ein Amt in Berlin annehmen sollen. Doch dann machte 2009 Althaus‘ Skiunfall diese Pläne zunichte. Was folgte, war ein Wahldebakel: Althaus trat zurück, und Christine Lieberknecht wurde Regierungschefin. Auch beim Ringen um den Parteivorsitz zog Mohring gegen Lieberknecht den Kürzeren. Für ihn blieb nur der Chefposten in der Fraktion. Die führt er jetzt seit mehr als elf Jahren.

Wer Mohring kennt, weiß, dass dieser Stillstand für ihn auch Rückschritt bedeutete. Deshalb sucht er sich andere Spielwiesen, macht an einer privaten Universität seinen Abschluss in internationalem Wirtschafts- und Steuerrecht und profiliert sich auf der bundespolitischen Bühne: wird 2005 Chef der Unionsfinanzpolitiker und 2013 Vorsitzender der Fraktionsvorsitzenden-Konferenz. Seinen Sitz im Bundesvorstand büßt er zeitweilig wieder ein, was auch daran gelegen haben dürfte, dass er die Vorsitzende und Kanzlerin Angela Merkel zu häufig attackierte. Ihr Kurs war Mohring von je her nicht konservativ genug.

Sein ausgeprägtes Ego und der mangelhaft ausgeprägte Mannschaftsgeist bleiben Thema

2014 folgt die historische Zäsur: Die CDU erleidet eine schmerzliche Wahlniederlage. Mohring flirtet kurz mit der AfD, um vielleicht doch noch Ministerpräsident zu werden – entgegen der Ansagen der Bundespartei. Aber nach 24 Jahren, in denen die Union in Thüringen stets mitregierte, muss sie sich schließlich erstmals mit der Oppositionsrolle begnügen. Doch ausgerechnet das festigt am Ende Mohrings Vorherrschaft in der Landespartei. Zwar ist es schwer, das Image des Spielers abzuschütteln. Nicht selten wird damit von Konkurrenten seine charakterliche Eignung für das Amt des Landesvaters in Zweifel gezogen. Auch sein ausgeprägtes Ego und der weiterhin mangelhaft ausgeprägte Mannschaftsgeist bleiben ein Thema. Aber mit dem ehemaligen Landtagspräsidenten Christian Carius hat zuletzt einer seiner größten politischen Widersacher frustriert der freistaatlichen Politik den Rücken gekehrt und ist in die Privatwirtschaft gewechselt. Kritiker wie den Vorsitzenden der Jungen Union, Stefan Gruhner, hat er als Chef der Parteiprogrammkommission für die Landtagswahl mit eingebunden. Oder sie haben sich wie der Wirtschaftspolitiker Mario ­Voigt als Professor für digitale Transformation und Politik neben dem Mandat neue Betätigungsfelder gesucht.

Seit 2014 steht Mohring unangefochten an der Spitze der Landespartei. Im Mai wird er mit mehr als 90 Prozent zum Spitzenkandidaten gewählt. Das liegt nicht unbedingt in erster Linie daran, dass er alle Zweifler überzeugen konnte. Vielmehr wissen auch jene, die Vorbehalte haben, dass Geschlossenheit wichtig ist. Schließlich schreckt den Wähler kaum etwas mehr ab als offen ausgetragener innerparteilicher Streit.

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Mittlerweile hat es Mohring bis ins CDU-Präsidium geschafft, den engsten Führungszirkel der Bundespartei. Diese wichtige Position und das Offenbaren seiner Krebserkrankung haben seinen Bekanntheitsgrad in die Höhe schnellen lassen. Er ist gefragter Gesprächspartner in bundesdeutschen Talkshows. Das hat seine Beliebtheit gesteigert, aber nicht in dem Maße, dass er es mit dem linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow aufnehmen könnte.

Ende August landet Mohring bei der Frage, wie zufrieden die Thüringer mit seiner Arbeit sind, sogar nur auf Rang vier. Auch bei einer Direktwahl hätte Ramelow mit 49 Prozent gegenüber Mohring mit 29 Prozent die Nase deutlich vorn. Zudem könnte ihm ein Koalitionspartner fehlen: Die AfD scheidet aus. Bei der koalitionswilligen FDP ist nicht sicher, ob sie den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schafft. Und SPD und Grüne würden lieber Rot-Rot-Grün fortsetzen.

Mohring will die CDU bei der Landtagswahl am 27. Oktober wieder zur stärksten politischen Kraft im Freistaat machen. Aber den Demoskopen zufolge könnte seine Partei auch auf Platz zwei oder drei landen. Die jüngsten Wahlen in Sachsen und Brandenburg haben nicht gerade für Rückenwind gesorgt.

Er brauche Politik nicht mehr, um sich etwas zu beweisen, sagte Mohring vor einigen Wochen. „Ich habe mein Leben zurückgewonnen.“ Es ist ein Satz der zeigt, dass sich seine Prioritäten verschoben haben. Er zeigt aber auch: Der einstige Heißsporn hat eine Entwicklung durchlaufen. Eigentlich wäre damit die Zeit reif, um den Chefsessel in der Staatskanzlei zu übernehmen. Gelingt das nicht, würde Mohring damit leichter fertig werden als noch vor einem Jahr. Aber seine Mission bliebe damit vorerst unvollendet.

Im nächsten Teil unserer Porträtserie über die Spitzenkandidaten für die Landtagswahl stellen wir in der kommenden Woche Björn Höcke (AfD) vor.

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