Gotha/Eisenach: Bürger skeptisch gegenüber Einkaufszentren

In Gotha und Eisenach ringen Händler, Bürger und Verwaltungen um große Pläne für neue Shopping-Center. Nicht bei allen stoßen die Ideen auf Zustimmung.

So könnte das neue Einkaufszentrum in Gotha aussehen: Der Entwurf des Architekturbüros "Osterwold°Schmidt" aus Weimar für den Neubau in der Gartenstraße sieht nicht nur Geschäfte, sondern auch eine Menge Begrünung des Gebäudes vor. Foto: Osterwold°Schmidt

So könnte das neue Einkaufszentrum in Gotha aussehen: Der Entwurf des Architekturbüros "Osterwold°Schmidt" aus Weimar für den Neubau in der Gartenstraße sieht nicht nur Geschäfte, sondern auch eine Menge Begrünung des Gebäudes vor. Foto: Osterwold°Schmidt

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Eisenach/Gotha. "Sein oder Nichtsein"... Der Ausspruch aus Shakespeares Hamlet-Tragödie bringt auf den Punkt, was in Eisenach und Gotha seit Monaten Diskussionen auslöst, Gemüter erhitzt und die Stadträte beschäftigt.

Kein einziges neues Einkaufscenter erzeugt mehr Kaufkraft, sondern zieht nur eine bereits vorhandene irgendwo ab. Das sagen nicht nur Wissenschaftler, das sagt auch der gesunde Menschenverstand. Investoren sehen das zwangsläufig anders. Josef Saller, der in Gotha die "Residenz-Galerie" bauen möchte, argumentiert, wie das die meisten Einkaufscenter-Investoren tun: "Wenn ihr nichts macht, machen es andere." In Eisenach werde ein großes Center gebaut, in Erfurt der Thüringenpark erweitert. Wolle Gotha mehr Käufer anziehen, müsse die Stadt handeln. Alles andere sei negativ für die Stadtentwicklung.

Bürgerinitiative gegen "Glitzerpalast" in Gotha

Die Kritiker der geplanten Einkaufszentren in Gotha und Eisenach machen derweil mobil. Gerade gründete sich in Gotha die Bürgerinitiative gegen den geplanten Bau des sogenannten "Glitzerpalastes" an der Gartenstraße. 16.000 Quadratmeter Einkaufsfläche soll er haben, seine Dimensionen sind größer als Schloss Friedenstein. Ein im Juli beantragtes Bürgerbegehren wurde vom Gericht zwar abgelehnt. Dennoch stecken die Gegner den Kopf nicht in den Sand. Was sich an bürgerlichem Widerstand drüben in Eisenach tut, das lässt sie staunen und macht ihnen Mut. In Eise­nach ist das Projekt "Tor zur Stadt" zwischen Bahnhof und Nikolaiplatz seit gut 20 Jahren auf der Agenda - und war von Beginn an umstritten. Zuerst mehr wegen der architektonischen Umsetzung und der damit verbundenen Verkehrsproblematik. Mittlerweile aber geht es ums Prinzip und die Frage: Wer braucht dieses Einkaufszentrum? Die Kritiker, allen voran Händler der Innenstadt, aber auch viele Einheimische sagen: Wir brauchen es nicht! Damit würde man der Innenstadt eher schaden. Gleiche Befürchtungen haben Händler aus der Gothaer Altstadt. Die Halbwertszeit solcher Einkaufstempel sei gering, sagen die Gegner. Die Investoren schwören das genaue Gegenteil und preisen vermeintliche Vorzüge.

Gotha und Eisenach protestieren gegen Einkaufscenter

Drei Oberbürgermeister waren und sind in Eisenach damit befasst, mehrere Stadtrats-Legislaturen eingebunden. Sowohl in Gotha als auch in Eisenach hat sich die Protestfront gegen den Bau der aus Sicht vieler Menschen überflüssigen Einkaufszentren in der Innenstadt formiert. In Gotha weht den Gegnern jedoch kräftiger Wind aus dem Rathaus entgegen. In Eise­nach lehnt Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke), die das Problem von ihren Vorgängern erntete, die jetzigen Umsetzungspläne der Shopping-Mall zwar ab und sucht mit dem Stadtrat und (berufenen) Bürgern nach Alternativen, allerdings hat sie das Ausmaß und die Komplexität lange Zeit unterschätzt und das Projekt nicht von der heißen Herdplatte genommen. Das Thema ist deshalb komplex, weil die vom Land bezahlte Entkontaminierung des Areals, die Schaffung von fünfzig Arbeitsplätzen und für Laien kaum durchschaubare vertragliche Bindungen damit verbunden sind. Bisher flossen allein 8,4 Millionen Euro in die Altlastensanierung des Areals. Weitere 2,5 Millionen für ein Anschlussareal (Busbahnhof) sind angekündigt, wenn es denn eine Fortsetzung erfährt. Das Investorengespann Procom/OFB plant eine Einkaufsmeile mit 10.000 Quadratmetern, darüber Parkdecks mit etwa 500 Stellplätzen. Dass das Eisenacher Rathaus und die federführenden Stadtratsfraktionen das Projekt heute grundsätzlich überdenken und sogar in Frage stellen, dass Bürger eingebunden sind - das ist vor allem öffentlichem Druck geschuldet. Sonst wären Verträge schon in trockenen Tüchern, sagen nicht nur die Kritiker.

In beiden Städten wird ein Verdrängungswettbewerb in Gang gesetzt - zu Lasten der City, argumentieren die Händler. In zehn Jahren werde das in Eisenach geplante Einkaufszentrum nicht mehr existieren, weil sich das Einkaufsverhalten verändere. Eine Ruine bleibe zurück, blickten Ralf Schwager und kritische Köpfe voraus. Der Chef eines Kaufhauses in Eise­nach warnte davor, das Filetstück der Stadt preiszugeben.

"Zahl der Widersacher ist erheblich"

Gothas BI-Sprecher Michael Gerlach registrierte, dass Eise­nachs Oberbürgermeisterin im Gegensatz zu ihrem Gothaer Kollegen Knut Kreuch (SPD) den Centerplänen in ihrer Stadt kritisch gegenübersteht. Und dass die Zahl der Widersacher erheblich ist. In Gotha haben die Altstadtgalerie-Gegner zwar mehr als 3500 Unterschriften gesammelt, aber als diese dem Stadtratsvorsitzenden Martin Heinze übergeben wurden, versammelten sich nur fünfzig Gegner vorm Rathaus. Michael Gerlach hofft, dass sich noch mehr Leute trauen und Kritik anmelden, ehe das Kind in den Brunnen gefallen ist.

2211 Menschen hatten sich im Mai 2012 bei einer Bürgerbeteiligung in Gotha positioniert. 71 Prozent sprachen sich damals für den Bau eines Einkaufscenters aus, auch der Stadtrat votierte dafür.

In beiden Fällen wurden im Vorfeld teure Gutachten erstellt. Und in beiden Fällen wird dem Einkaufscenter darin eine Art Heilwirkung zugeschrieben. Obwohl die Verantwortlichen aus dem Eisenacher Rathaus gebetsmühlenartig wiederholen, dass das vom Investor bezahlte Gutachten der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung kein Gefälligkeitsgutachten war, sind die Bürger kritisch. In Wetzlar, Hameln, Siegen und anderswo sanken nämlich, kaum dass das vermeintlich segensreiche Center stand, ganze Straßenzüge in die geschäftliche Verwahrlosung ab.

Mit Käuferscharen aus Eise­nach, die in den Glitzerpalast strömen, brauchen die Gothaer nicht zu rechnen. "Sagen Sie das Ihrem Oberbürgermeister", gab Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf Gothas BI-Vertreter Gerlach bei einer Bürgerversammlung in Eisenach mit auf den Weg. Der Gothaer wollte wissen, wie in der Nachbarstadt mit dem ähnlich gelagerten Großprojekt verfahren wird. Er berichtete, dass man in Gotha damit rechne, dass Eisenacher nach Gotha zum Einkaufen kommen. Was er dafür erntete, war Gelächter. Gut 25 Kilometer entfernt von Gotha will die Investorengruppe OFB/Procom an der Bahnhofstraße Eisenach das "Tor zur Stadt" bauen. Die Ausmaße des Einkaufszentrums sind nur etwa halb so groß wie das Pendant in Gotha. Der Protest ist dafür umso stärker.

Dass die Shopping-Malls zusätzliche Arbeitsplätze bringen, wird in der Branche zunehmend bezweifelt. Ein Großteil davon verlagere sich nur aus den bestehenden Einzelhandelsläden in das neue Center und bringe insoweit keinerlei Zuwachs. Kritiker befürchten überdies sinkende Gewerbemieten und den Werteverlust innerstädtischer Immobilien in sogenannten ­1-A/B-Lagen.