Streit um Corona-Selbsttests an Kitas – Vorgehen der Landesregierung harsch kritisiert

Sibylle Göbel und Elmar Otto
| Lesedauer: 6 Minuten
Die Beschaffung der Corona-Selbsttests übernimmt das Land – anders als bei Schulen – nicht zentral für alle 1300 Kindergärten. Das wird von den Trägern kritisiert. Zumal wegen Lieferschwierigkeiten die vorgeschriebenen zwei Tests pro Woche kaum zu halten sind (Symbolbild).

Die Beschaffung der Corona-Selbsttests übernimmt das Land – anders als bei Schulen – nicht zentral für alle 1300 Kindergärten. Das wird von den Trägern kritisiert. Zumal wegen Lieferschwierigkeiten die vorgeschriebenen zwei Tests pro Woche kaum zu halten sind (Symbolbild).

Foto: Friso Gentsch / dpa

Erfurt.  Das Land will die Beschaffung von Corona-Selbsttests für Kindergärten nicht zentral übernehmen. Kita-Träger kritisieren katastrophales Management harsch. Erste Schulen machen wegen Infektionsfällen dicht.

Das Vorgehen der Landesregierung bei der Bestellung der Corona-Selbsttests für Kindergärten wird harsch kritisiert. „Dieses Management ist eine absolute Katastrophe“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer des Paritätischen, Steffen Richter, dieser Zeitung. Dem Landesverband gehören 65 Träger mit 230 Kitas an. Alle aktuellen Entwicklungen im Corona-Liveblog

Eine neue Verordnung sieht vor, dass Kitas zweimal pro Woche Tests vorhalten müssen. Beschafft werden sie von den Gemeinden und freien Trägern, die Kosten übernimmt der Freistaat. Allerdings gibt es Lieferschwierigkeiten. Das Land musste deshalb bereits in der vergangenen Woche eingestehen, die zugesagten zwei Tests pro Woche an etlichen Schulen zunächst nicht garantieren zu können.

Ministerium: Keine zentrale Beschaffung für 1300 Kindergärten

„Der Königsweg wäre die zentrale Beschaffung des Landes gewesen“, sagte Werner. Bei der nun vorgesehenen Sammelorder über die Landkreise, könne man nur halbwegs zufrieden sein. So stehe nicht fest, wie die Zeit bis zum Eintreffen einer ausreichenden Anzahl von Tests überbrückt werden solle.

Bildungsstaatssekretärin Julia Heesen habe den Kommunen geraten, in der Zwischenzeit Tests in der Apotheke zu kaufen, berichtete der Geschäftsführer des Gemeinde- und Städtebundes, Ralf Rusch. „Ich prophezeie, dass ein Bürgermeister, der so vorgeht, auf seinem Geld sitzenbleibt. Das Land macht sich zu Lasten der Kommunen einen schlanken Fuß“, sagte er. Beim Kauf über die Landkreise werde die Lieferung drei Wochen dauern.

Das Bildungsministerium forderte den Gemeindebund auf, zur Lösung der pandemiebedingten Probleme beizutragen. Das Ministerium könne nicht für 1300 Kindergärten in Thüringen die Beschaffung übernehmen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die viele Erzieherinnen vertritt, bemängelte die fehlende Gesamtstrategie des Landes. GEW-Landeschefin Katrin Vitzthum sprach sich für Schnelltests aus, die vor den Einrichtungen durchgeführt werden. Das Gleiche forderte der Thüringer Lehrerverband für Schulen.

Erste Schulen wegen Infektionsfällen dicht

Unterdessen sinkt in Thüringen die Bereitschaft von Eltern, ihre Kinder in der Schule testen zu lassen. Denn selbst einzelne Positiv-Ergebnisse können das vorläufige Aus ganzer Schulen bedeuten. So verfügte das Gesundheitsamt des Ilm-Kreises am Sonntag wegen eines einzigen Infektionsfalls die Schließung einer ganzen Grundschule mit 180 Kindern: Schulleiter Jürgen Lochner musste die Eltern noch am Abend darüber informieren, dass die Grundschule „Karl Zirkel“ in Ilmenau bis 29. April dicht bleibt, weil bei einem Kind eine Mutante des Coronavirus festgestellt worden war. In Quarantäne wurden zwar nur zwei Lehrkräfte und zwei Klassen geschickt. Trotzdem musste der Präsenzunterricht auch für sämtliche Schüler eingestellt und sogar die Notbetreuung gestrichen werden.

Diese weitreichende Maßnahme ist dem Landratsamt zufolge notwendig, weil trotz Hygienekonzepts eine Durchmischung der beiden Klassen mit anderen Schülern „nicht ausgeschlossen werden konnte, auch nicht von der Schulleitung“. Zudem sei die Mutation deutlich ansteckender, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Das zeige das Infektionsgeschehen auch in anderen Kindergärten und Schulen des Kreises: „Das Gesundheitsamt erlebt im Kindergarten-Bereich immer wieder, dass trotz Hygienekonzept und strenger Trennung von Gruppen das mutierte Virus auf andere Gruppen übergegriffen hat.“ Zudem würden in Zusammenhang mit der Mutation bei Kindern immer wieder schwere Krankheitsverläufe auftreten.

Ähnlich weitreichende Entscheidungen werden aber auch in anderen Landkreisen getroffen. So wurde im Weimarer Land am vergangenen Mittwoch das gesamte Marie-Curie-Gymnasium Bad Berka geschlossen, weil drei Schüler positiv getestet worden waren. Am Montag folgte die Pestalozzi-Regelschule Apolda, in der ebenfalls nur wenige bestätigte Infektionen auftraten.

Curie-Gymnasium Bad Berka schließt wegen Corona

Gesundheitsamt schließt Pestalozzi-Regelschule Apolda

Verband kritisiert Schulschließungen

„Wie soll die Akzeptanz für Testen, Maske tragen und Abstand halten erhalten bleiben, wenn dann trotzdem für alle Schüler kein Präsenzunterricht mehr möglich ist“, fragt der Verband kinderreicher Familien Thüringen. Aus seiner Sicht werden „Tests benutzt, um Schulschließungen zu begründen“, obwohl sie doch eigentlich dazu dienen sollten, Infektionsketten aufzudecken und zu unterbrechen. „Eine sehr merkwürdige Logik“, findet der Verband. Denn erneut blieben damit Schulen als Lernort für Kinder auf der Strecke.

157.472 Tests bei Schülern und 26.401 bei Personal durchgeführt

Die Zahl positiv getesteter Schüler und Lehrer an den Schulen des Freistaats ist bislang gering. Stand Montag, 15.30 Uhr, schlügen für die vergangene Woche 157.472 Tests für Schüler zu Buche, 26.401 für Personal, teilte das Bildungsministerium mit. Davon seien 375 Schüler sowie 27 Bedienstete positiv gewesen. Das entspreche einer Rate von 0,24 beziehungsweise 0,1 Prozent. 941 Schulen hatten Daten gemeldet. 33 Schulen fehlten.

Das Ministerium weist darauf hin, dass positive Schnelltests lediglich einen Verdacht auf eine Sars-CoV-2-Infektion begründeten. Jeder positive Schnelltest müsse durch einen PCR-Test kontrolliert werden. „Hierüber liegen uns allerdings keine Daten vor“, wird betont.

Aufgrund statistischer Unschärfen ließe sich derzeit keine Teilnahmerate benennen, so ein Ministeriumssprecher. Die Zahl der Tests entspreche rund 66 Prozent der Thüringer Schüler. Darin seien aber sowohl doppelte Tests pro Woche enthalten als auch Schüler, die in der betreffenden Woche nicht im Präsenzunterricht gewesen sind. Insofern sei diese Zahl nicht belastbar und mit äußerster Vorsicht zu betrachten.