Zahl gewalttätiger Übergriffe gegen Frauen dramatisch hoch

Erfurt  Nur noch zwölf Frauenhäuser gibt es in Thüringen, noch vor einem Jahr waren es zwei mehr. Von den 249 Betreuungsplätzen im Jahr 2007 gibt es heute thüringenweit gerade noch 141.

Jede dritte Frau erlebt in ihrem Leben mindestens einmal Gewalt durch den Partner oder sexualisierte Gewalt. Allein in Thüringen suchten im Vorjahr mehr als 400 Betroffene Zuflucht in einem Frauenhaus. Foto: Julian Stratenschulte

Jede dritte Frau erlebt in ihrem Leben mindestens einmal Gewalt durch den Partner oder sexualisierte Gewalt. Allein in Thüringen suchten im Vorjahr mehr als 400 Betroffene Zuflucht in einem Frauenhaus. Foto: Julian Stratenschulte

Foto: zgt

Nur noch zwölf Frauenhäuser gibt es in Thüringen, noch vor einem Jahr waren es zwei mehr. Von den 249 Betreuungsplätzen im Jahr 2007 gibt es heute thüringenweit gerade noch 141. Das Frauenhaus in Greiz wurde nun zu Jahresbeginn auch noch geschlossen, weil dort nur noch zwei von Gewalt bedrohte Frauen zeitgleich unterkommen können. Eine Finanzierung des Landes gibt es jedoch erst ab vier Plätzen. Und auch in Sonneberg wurde das Frauenhaus dicht gemacht – ebenfalls aus finanziellen Gründen. „Die Frauenhäuser, die überlebt haben, befinden sich an der Autobahn“, so Marjana Dunkel gegenüber dieser Zeitung. Sie ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Frauenhäuser in Thüringen.

Mehr als 400 Frauen und beinahe so viele Kinder suchten in einem der Häuser vor dem gewalttätigen Partner Schutz. Beratungen, die ebenfalls in diesen Häusern angeboten werden, sind nicht erfasst.

„Die Gewalt gegen Frauen ist unverändert vorhanden. Sie war es auch schon vor Köln, Täter sind zumeist deutsche Männer“, so Marjana Dunkel. Allerdings geht sie davon aus, dass in nächster Zeit auch Flüchtlingsfrauen Schutz vor häuslicher Gewalt suchen werden. „Diese Gewalt zieht sich durch alle Nationalitäten und gesellschaftlichen Kreise“, verweist sie auf bereits vorhandene Statistiken. „Das bemerken wir bereits. Es gibt mehr Flüchtlingsfrauen, die in den Frauenhäusern Schutz vor Partnerschaftsgewalt suchen“, so Marjana Dunkel. Perspektivisch werde es nur noch schwer möglich sein, dass eine Sozialarbeiterin acht Frauen begleitet. „Das wird nicht reichen“, weiß die Sozialarbeiterin.

Wie der Schutz betroffener Frauen konkret aussieht, ist heute in Erfurt auf dem Anger zu sehen. Dort macht ein Bus Station, der eine Fotoausstellung und auch einen Film aus dem Frauenhaus in Köln zeigt. Er tourt an 16 Tagen durch alle Bundesländer. „Wir wollen erreichen, dass die Finanzierung der Frauenhäuser bundesweit einheitlich ist und zugleich natürlich zeigen, welchen Blick wir als Betreuerinnen betroffener Frauen haben“, so Marjana Dunkel. Sie spielt damit auf die Silvesternacht in Köln an. „Kein vernünftiger Mensch wird über diese Nacht irgend etwas relativieren wollen. Die Täter gehören hart bestraft, und man hätte von Beginn an sagen müssen, dass mindestens die Hälfte der Täter Geflüchtete sind“, verweist Dunkel auf zunächst irritierende und nicht akzeptable Fehlinformationen. Zugleich aber macht sie deutlich, dass man lauter als bisher auf in Deutschland geborene Täter ohne Migrationshintergrund verweisen muss. Nach einer Statistik des Bundesgesundheitsministeriums ist mindestens jede vierte Frau im Laufe ihres Lebens von Gewalt oder sexueller Nötigung betroffen. Und nach einer europaweiten Studie ist in Deutschland sogar jede dritte Frau einmal in ihrem Leben Opfer von Partnerschaftsgewalt oder sexualisierter Gewalt geworden.

Am heutigen Donnerstag macht die Bundesländer-Tour der Frauenhäuser Station in Erfurt. Auf dem Anger gibt es von 11 bis 15 Uhr Redebeiträge, Aktionen, eine Ausstellung und einen Film. Eröffnen wird die Schirmfrau für die Tour-Station in Erfurt, Karola Stange, Sprecherin der Linksfraktion für Soziales, Gleichstellung und Behindertenpolitik.

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