Erfurt. Ablenkung, Kultur und menschliche Begegnungen helfen schwerkranken Menschen sehr. Was Erfurter Künstler wöchentlich und monatlich motiviert, Hilfe zu leisten.

„Ermutigungen“ heißt das Buch, aus dem Julia Maronde liest. Das Publikum der Schauspielerin besteht aus schwerstkranken Menschen und deren Angehörigen, Pflegekräften des Erfurter Hospizes und Mitarbeitern der Palliativstation des benachbarten Katholischen Krankenhauses.

Ablenkung und ein wenig Balsam für die Seele

Ermutigungen im Angesicht von Abschieden? „Ja“, sagt Julia Maronde. „Wenn man den Tod als Teil des Lebens begreift. Und wenn man auch in dieser Ausnahmesituation Sinn für Musik und lebenskluge Texte hat.“ Im besten Fall biete der Auftritt Ablenkung, ein wenig Balsam für die Seele, Kultur, gute Gedanken. Es sei ein menschlicher Grund-Auftrag, Anteil am anderen zu nehmen, etwas zu verschenken, findet sie. Eugen Mantu nickt. Der Musiker spielt oft Benefizkonzerte. „Ich bin Cellist im Philharmonischen Orchester des Theaters, ich habe jeden Monat Gehalt auf meinem Konto“, sagt er „Da kann ich auch unentgeltlich anderen eine Freude machen.“

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Erfurter Original war Ideenstifter für Hospiz-Auftritt

Die Anregung, im Hospiz aufzutreten, stammt von Volker Nienstädt, dem Kultur-Bürger, Betreiber des Speichers, dem Chef des Sommertheaters in der Barfüßer-Ruine. Schwer erkrankt, verbrachte er im Hospiz am Buchenberg mehrere Wochen und auch seine letzten Tage. Kürzlich fand unter großer Anteilnahme die Gedenkfeier in der Schotte statt.

Musik und Texte werden von den Künstlern spontan ausgewählt

„Das Hospiz ist ein besonderer Ort“, findet Eugen Mantu. „Hier herrscht eine freundliche Atmosphäre, die man spüren kann.“ Warme Farbtöne, Holzmöbel. „Auch in Altenheimen spiele ich gelegentlich, auch dort lassen sich Bewohner besonders berühren.“ Der Cellist entscheidet spontan, was er spielt. Bach, die Comedian Harmonists, Astor Piazzolla. Und auch die Schauspielerin Julia Maronde wählt die Texte je nach Situation. Sie greift mal zu Ringelnatz, mal zu Schiller, zu Gedichten der Lyrikerin Rose Ausländer, zu Erich Kästner oder Heinz Ehrhardt.

Der Wunsch nach mehr Wahrnehmung des Hospizes wird laut

Einmal im Monat wollen sie künftig hier auftreten. „Ich finde das ganz wunderbar“, sagt Carsten Habermann, Theologe und Seelsorger im Hospiz. „Solche Auftritte tun auch uns gut.“ Er findet es wichtig, dass das Hospiz in der Gesellschaft deutlicher wahrgenommen wird. „Es ist ein Ort, der Hilfe und Unterstützung bietet und auch Angehörige entlastet.“

Wer Kuchen möchte, bekommt Kuchen. Diesmal hat Carsten Habermann, der Seelsorger, selbst gebacken. Rosemarie Brennecke gehört zum Team der  Ehrenamtlichen im Hospiz.
Wer Kuchen möchte, bekommt Kuchen. Diesmal hat Carsten Habermann, der Seelsorger, selbst gebacken. Rosemarie Brennecke gehört zum Team der  Ehrenamtlichen im Hospiz. © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

Musikerin ist jede Woche ehrenamtlich mit ihrer Harfe im Erfurter Hospiz

Fast jede Woche ist die Harfenistin Sabine Lindner hier am Buchenberg, sie macht nicht viele Worte um ihr Ehrenamt. Die Themen Sterben und Tod begleiten sie, seit sie das Abitur ablegte und ein Theologie-Studium begann. Immer wieder waren Abschiede zu bestehen. „Wie wir in die Welt kommen, wissen wir. Aber wie kommen wir wieder heraus?“ Für sie ist der Tod das Rückwärtsgehen, dahin, woher wir gekommen sind. „Wenn ein Mensch in guter Weise gehen kann, herrscht tiefer Frieden im Raum.“

Ein Ort, an dem gelacht und geweint wird

Leider tabuisiere die Gesellschaft das Thema meist. Hinfälligkeit werde ausgelagert aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sabine Lindner sieht das Hospiz als einen Ort des Lebens, gefüllt mit Freundlichkeit und Nahbarkeit und Respekt. Einen Ort, an dem gelacht und geweint wird. „Musik ist für mich dabei ein Fenster zum Himmel.“

Spenden können Musiker und Künstler bei ihrer Arbeit unterstützen

Eugen Mantu möchte in der Musikhochschule Weimar junge Musiker ansprechen und ihnen Auftritte im Hospiz vorschlagen. Und er würde sich freuen, wenn ein paar Spenden flössen, um freien Künstlern wie Julia Maronde oder den Weimarer Studenten einige Euro für die Auftritte zu zahlen. Das wäre möglich gegen Spendenquittungen über den Hospizverein oder über den Erfurter Kammermusikverein. „Auch wir fänden es gut, wenn diese Auftritte honoriert werden könnten“, sagt Hospiz-Leiterin Fiene-Marie Goziewski. „Wir freuen uns schon auf die nächsten Konzerte.“

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