Domstufen-Premiere in Erfurt abgebrochen: „Der Name der Rose“ geht im Regen unter

Erfurt  Traurig, enttäuscht, zornig verließen am Freitagabend viele Besucher die Erfurter Domstufen-Festspiele. Wegen anhaltenden Regens musste die Uraufführungspremiere des Musicals „Der Name der Rose“ nach einer Stunde abgebrochen werden.

Probenszene zum Musical „Der Name der Rose“ auf den Erfurter Domstufen.

Probenszene zum Musical „Der Name der Rose“ auf den Erfurter Domstufen.

Foto: Sascha Fromm

Wie auf das Stichwort „Antichrist“ fielen die ersten Tropfen vom Himmel. Für die Darsteller wäre es viel zu gefährlich gewesen, auf den nassen Stufen weiterzuspielen. Nach 40 Minuten tropfnasser Zwangspause entschied sich Intendant Guy Montavon zum Abbruch. Vermutlich wird es – wie vor zwei Jahren bei Verdis „Trovatore“ – keine Erstattung der Eintrittsgelds geben. Ein offizielles Statement der Theaterleitung dazu stand kurz nach Vorstellungs-Abbruch naturgemäß aus. (Weitere Informationen: siehe unten)

Dabei ließ sich alles richtig prima an: mit einem gut aufgelegten Orchester und spielfreudigen Solisten auf der Bühne. Die Uraufführung des Musicals „Der Name der Rose“ nach dem fast 40 Jahre alten Erfolgsroman von Umberto Eco entführt in die mittelalterliche Welt der Klöster und Kirchen – wie geschaffen für die imposante Kulisse am Fuße von St. Marien und St. Severi. Und ebenso wie seinerzeit der Linguistik-Professor aus Bologna haben das norwegische Künstlerduo Gisle Kverndokk (Musik) und Øystein Wiik (Libretto) alles dafür getan, um an den damaligen Hype des Buchs und seiner Verfilmung (1986) anzuknüpfen.

Wie zur Warnung vor dem drohenden Ende der alten kirchlichen Ordnung liegen die bunten Trümmer eines geborstenen Heiligen-Mosaiks auf den Domstufen. Einige der Kacheln lassen sich wie Buchseiten aufklappen, andere wie ein Paravent beiseiteschieben (Bühnenbild: Frank Philipp Schlößmann). So öffnen sich die Räume in die Sphären des namenlosen Klosters, ins Refektorium, Skriptorium, in die Klause des Abtes oder in den Hort der achtsamst gehüteten Schätze, die Bibliothek. Letztere untersteht der Obacht des greisen, verschlossenen und blinden Jorge von Burgos (Jörg Rathmann), der Eminenz, die allein entscheidet, wer Zugang zu welcher Lektüre erhält. Zwischen aufgetürmten Bücherstapeln regiert er sein geheimes Reich des Wissens.

Die volle Wucht der ersten Liebe

Und hoch oben, im Schatten des Doms thront zwischen den Seiten einer prächtigen, übermannsgroßen Inkunabel, die Erzählerfigur, der alte Adso von Melk (Máté Sólyom-Nagy). Naturgemäß bleibt er blass gegen sein Alter Ego, den heldenhaft blonden Novizen Adso (Florian Minnerop), der als Adlatus des Franziskaners William von Baskerville (Yngve Gasoy-Romdal) einen Sturm der Gefühle durchlebt: zum einen die volle Wucht der ersten Liebe – ein armes Waisenkind (Eva Löser), das nur Italienisch versteht, hat ihn mit der Sprache des Herzens bezirzt; zum anderen eine Serie grausiger Todesfälle von frommen Insassen der Abtei, deren Gründe und Hintergründe William aufzuklären versucht. So war’s zumindest geplant. Doch schon mit der zweiten Leiche kam der Regen.

Sex & Crime sind die idealen Ingredienzien für populäre Genres, wie Umberto Eco bei seinem belletristischen Debüt nur zu gut wusste. Der Poeta doctus hat sein Buch äußerst planvoll konstruiert und den Plot um kirchenhistorische und philosophische Diskurse auf mehreren Ebenen erhöht. Da geht es um das Armutsgebot im Klerus und zumal im Orden der Franziskaner, aber auch um die päpstliche Machtpolitik. Mehr noch um die philologische Sensation, dass der greise Jorge von Burgos (eine Reverenz an Borges) angeblich im verborgensten Winkel die einzige Abschrift des verschollenen zweiten Teils der aristotelischen Poetik hüte, jener Abhandlung, die sich mit der Komödie – und ergo mit der entspannenden Kraft des Lachens – befasst.

Ist einem Mönch das Lachen gestattet?

Darin zu schmökern, scheint der todbringende Wunsch nicht gerade weniger Klosterbrüder zu sein. Darf sich ein Mönch der Heiterkeit hingeben? Diese skurrile Frage hat das Autoren-Duo des Erfurter Musicals offenbar ebenso interessiert wie den Regisseur Axel Köhler. Librettist Wiik hat zumindest versucht, einiges von diesen Tiefgang stiftenden Diskursen auf die Bühne zu retten. Doch bleibt das allzu kursorisch im Reigen der prallen Reize und geht für die meisten Besucher, die den Roman nicht in frischer Lektüre-Erinnerung haben, in der Wahrnehmung unter – ja: Es sorgt sogar für einige Längen. Wie schon bei den Proben zu sehen war, dem Premierenpublikum nun aber entging, birgt die szenische Umsetzung, dass Köhler die samtgrün gewandete Bruderschaft (Kostüme: Judith Adam) bei rhythmisch tanzbaren Klängen zum Mönchs-Ballett antreten lässt, ein schelmisch-parodistisches Vergnügen.

Sieben Tage, sieben Morde. Auch die Vorhersehbarkeit der Geschichte mit ihrer Wiederholungsstruktur erzeugt einen gewissen Ennui. Zumal die Komposition Gisle Kverndokks, der es an weiblichen Partien notgedrungen empfindlich fehlt, nicht durchgängig das Tempo und den zwingenden Drive entwickelt, den man sich im Musical wünscht. Der Norweger notiert sehr gefällig in einer süßlichen Melodik mit überaus wirkungsmächtigem Arrangement der Orchester-Begleitung. Das stellt weder die Erfurter Philharmoniker unter Jürgen Grimms Leitung noch die Solisten vor schwierige Aufgaben, sondern wird wie aus einem Guss mit Lust exerziert. Obwohl man nicht dem von Bernd Eichinger produzierten Film nacheifern wollte, klingt dieser fette Sound, der Anleihen bei Kirchenchorälen und sogar Verdis „Dies irae“ enthält, mehr nach Hollywood als nach Broadway. Die zuweilen etwas merkwürdige Prosodie mag der Übersetzung aus dem norwegischen Originaltext geschuldet sein.

Entsetzliches Inferno am Ende

Schwer einzuschätzen ist die Regiearbeit Axel Köhlers, der als ehedem sehr namhafter Countertenor nebenbei die kleine Partie des Bibliotheksgehilfen Malachia (bis zu dessen unnatürlichem Ableben), übernimmt. Doch aus den Proben weiß man: Es wäre ihm eine kluge, dem erwarteten Spektakel voll und ganz entsprechende Regie geglückt. Er nutzt die Arena am Fuß der Tribüne als Aufmarschgelände für die Statisterie, etwa für die armseligen, darüber verstörten Dorfleute, dass sie Tag für Tag makaber zugerichtete Mönchs-Leichen vor den Klostermauern finden. Der finstere Inquisitor (Rainer Zaun) blieb mit Kutsche samt Gefolge gleich in der trockenen Remise. Dieser Bernardo Gui hätte, da die Krise sich immer mehr zuspitzt, die Ermittlungen offiziell, zu leiten gehabt.

Er lässt, so das Libretto und die entsprechend Furcht einflößende Musik, Adsos Geliebte und den Bettelmönch Salvatore (Björn Christian Kuhn) peinlich befragen – und klar sieht William von Baskerville beider Schicksal voraus: „Sie werden brennen!“ raunt er seinem entsetzten Adlatus zu. Dessen grellbunte Phantasmagorie, sich in einer überirdischen Orgie – Sex mit der Hex‘! – mit der Unglücklichen zu verlustieren, bildet einen schrägen Höhepunkt der Produktion – leider erst im ausgefallenen zweiten Teil nach der Pause. Das Inferno gewinnt indes ungeahnte Dimensionen im Schlussbild: Als William dem gerissenen Jorge als Urheber der Giftmorde auf die Schliche kommt, brennt plötzlich die Bibliothek – ja: Der Dom steht in Flammen!

Bekenntnis zur Unterhaltung

Da denkt mancher Zuschauer unweigerlich an das Desaster von Notre-Dame de Paris oder an die Verheerung der Anna-Amalia-Bibliothek zu Weimar. Dieses Bild geht unter die Haut; nur weil man weiß, dass es eine Projektion ist, ist es erträglich. Ansonsten gibt das Musical „Der Name der Rose“ – im 26. Jahr der Domstufen-Festspiele – ein souveränes Bekenntnis zum Unterhaltungstheater ab. Solch ein brillant kandiertes Zuckerwatten-Vergnügen, gönnt, wer es mag, sich bei Eintrittspreisen von bis zu 86,50 Euro. Nur ging der große Effekt leider im Dauerregen unter – höhere Mächte waren am Werk. Der Intendant bat inständig um Verzeihung.

Für 20 weitere Aufführungen bis 1. September gab es am Premierentag nur noch geringe Restkartenbestände.

Zur Sache:


Das Theater Erfurt informiert auf seiner Homepage über das Prozedere bei einem möglichen Abbruch bei Regen: "Tritt schlechtes Wetter während der Vorstellung ein, ist das Theater Erfurt im Interesse seines Publikums bestrebt, die Open-Air-Vorstellung weiter durchzuführen. Die Aufführung kann konzertant oder in gekürzter Fassung zu Ende gespielt werden. Muss eine laufende Vorstellung abgebrochen werden, nachdem sie bereits 40 Minuten angedauert hat, gilt diese Leistung als erbracht und es besteht kein Anspruch auf Erstattung des Eintrittspreises oder auf den Besuch einer anderen Vorstellung. Soweit eine Absage der Vorstellung auf dem Domplatz infolge schlechten Wetters erforderlich ist, geschieht dies grundsätzlich am Veranstaltungsort kurz vor Vorstellungsbeginn. In diesem Fall ist die Eintrittskarte innerhalb von fünf Werktagen – unter Angabe der Anschrift und Bankverbindung – an die Verkaufsstelle (z. B. MGT, Reisebüro), von der die Karte erworben wurde, zur Erstattung des Eintrittspreises, zu senden. Die am Theater Erfurt erworbene Karte ist an das Theater Erfurt, Postfach 800554, 99031 Erfurt zu senden bzw. im Besucherservice im Theater Erfurt – Eingang Martinsgasse – zurückzugeben. Auf dem Veranstaltungsgelände kann keine Rückzahlung erfolgen. Eventuell angefallene Hotel- und Fahrtkosten oder Bearbeitungsgebühren werden nicht erstattet."

www.domstufen-festspiele.de

Erstmals musikalisch inszeniert: „Der Name der Rose“ auf den Erfurter Domstufen

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