Rollender Stein des Weisen – so war Bob Dylan in Erfurt

Erfurt  Bob Dylan erschafft sich und seine Songs immer wieder neu. Beim Konzert in Erfurt verneigt sich der 78-Jährige vorm Publikum.

Wie überall war auch beim Bob-Dylan-Konzert in Erfurt Fotografieren nicht erlaubt. Darum baten wir unseren Zeichner Nel, sich ein Bild vom singenden Nobelpreisträger zu machen. Er sah ihn mit und ohne Hut und packte beide Posen ineinander. Zeichnung: Nel (Ioan Cozacu)

Wie überall war auch beim Bob-Dylan-Konzert in Erfurt Fotografieren nicht erlaubt. Darum baten wir unseren Zeichner Nel, sich ein Bild vom singenden Nobelpreisträger zu machen. Er sah ihn mit und ohne Hut und packte beide Posen ineinander. Zeichnung: Nel (Ioan Cozacu)

Foto: Nel (Ioan Cozacu)

Hat er eben gelächelt? Das kann Einbildung sein. Man erkennt ja nur den schwarzen Hut hinterm Klavier, sein weißes Gesicht und die grauen Locken. „Things have changed“, singt er. Mögen sich die Dinge auch ändern, Bob Dylan bleibt sich treu. So auch am Dienstagabend beim Konzert in Erfurt: Keine Ansagen, keine Fotos, keine Leinwand, keine Background-Sänger, keine Show. Hier sitze ich und singe. Am Flügel, seinem Altersinstrument. Unter monströsen Scheinwerfern im rostrot-orangenen Bühnenbild. Herbstfarben. Viel Gold und ein klein wenig Patina.

So auch am Dienstagabend beim Konzert in Erfurt: Keine Ansagen, keine Fotos, keine Leinwand, keine Background-Sänger, keine Show. Hier sitze ich und singe. Am Flügel, seinem Altersinstrument. Unter monströsen Scheinwerfern im rostrot-orangenen Bühnenbild. Herbstfarben. Viel Gold und ein klein wenig Patina.

Nach jedem Titel wird es kurzzeitig Nacht. Da gestikuliert er mit seinen Musikern, als müsste er ihnen sagen, wie es weitergeht. Dabei folgen sie der Set-List. Als nächstes kommt ein Klassiker: „It Ain’t Me, Babe“.

Die Band muss sich erst warm spielen, und Dylans Stimme fehlt es noch an Geschmeidigkeit. Doch mit „Highway 61 Revisited“ nehmen sie Fahrt auf. Zu „Simple Twist of Fate“ erwacht nun auch die Mundharmonika, lebendiges Relikt aus frühen Folk-Zeiten. Die spielt der Meister immer noch lustvoll und virtuos. Zu „Cry a While“ steht er auf, wechselt an den Bühnenrand und schwenkt lässig den Mikrofonständer.

Erst jetzt sieht man das lange, weiße Glitzersakko, die weiße Krawatte und die dünnen Beine in der Zirkushose. Doch die kratzig-rauchige Stimme, die Dylan und seine Hörer zuletzt auch des Öfteren quälte, hat wieder an Volumen gewonnen. „Trying to get to Heaven“, schallt es kraftvoll durch die mit Tausenden Fans gefüllte Messehalle.

Apropos Heaven. 25 Jahre ist es her, da klopfte der Meister auf der Wiese vorm Gothaer Naturkundemuseum an die Himmelspforte. Damals zählte man mit 53 schon zu den Dinosauriern des Rock. Jetzt ist Dylan 78, Literatur-Nobelpreisträger und hat sich – scheinbar – kaum verändert. Vorsicht: Seine Beständigkeit liegt im steten Wandel.

Jahrzehnte lang hat man den größten Songwriter aller Zeiten solo mit der Akustik-Gitarre, dann mit der E-Gitarre und Band erlebt. Dann sang er plötzlich Sinatra. Jetzt singt er wieder Dylan, aber auf völlig neue, überraschende Weise. Er schafft es, die eigenen Titel so zu verfremden, dass man sie manchmal erst am Refrain erkennt. Das macht es den Zuhörern nicht leicht, mit ihm mitzugehen. Selbst bei „Like a Rolling Stone“ kommt die Erleuchtung erst spät. Dann aber mit Wucht. Bob-Senior hat seine Lebenshymne bravourös zu einer zeitlosen Jazzrock-Nummer umgewidmet.

Dafür gibt es reichlich Applaus. Vielleicht ist ja gerade das der Stein des Weisen, den der späte Dylan unermüdlich vor sich her rollt: Sich nie ausruhen auf dem Erreichten. Nie mehr auf der Woge des Publikums schwimmen. Sondern aus Bekanntem immer wieder Neues schöpfen. So bietet man der Nostalgie keine Chance. Kein Berauschen an bekannten, beliebten Tönen, kein Schwelgen in vergangenen Zeiten. Dylans Duktus ist vielmehr: Hört, wie das, was mal war, heute klingt!

„Blowin‘ in the Wind“ zum Beispiel, das sie als Zugabe spielen, setzt mit einem Geigensolo ein und sperrt sich gegen jede melodische Anknüpfung an das Original von 1963. Kein Mitklatschen, kein Mitsingen – wie auch. Im Grunde erkennt man Dylans Friedens- und Protestsong nur noch am Text: „The answer, my friend, is blowing in the wind...“

Man müsste alle seine Verse verinnerlichen, um Bob Dylans Kunst gerecht zu werden. Schließlich hat er den höchsten Literaturpreis der Welt für seine, wie es die Schwedische Akademie so herrlich steif formulierte, „neuen poetischen Ausdrucksformen innerhalb der großen amerikanischen Song-Tradition“ bekommen. Unbestritten ist, dass Dylan wie kein anderer Songwriter die Folk-, Blues- und Rockwelt geprägt hat. Auf der Pop-Skala des „Rolling Stone“ steht er hinter den Beatles auf Platz zwei. Wohin will er eigentlich noch? Im Rockhimmel ist er doch längst.

Einmal weicht der Sänger von der Set-List ab, stimmt, statt „Don’t Think Twice, It’s All Right“, ein wunderschönes, weniger bekanntes Liebeslied an. „Girl From The North Country“ begleitet er längere Zeit allein am Klavier, ehe die Bandmitglieder subtil einfallen. Dylans Stimme verliert für ein paar Momente ihre widerspenstige Kratzigkeit, wird rauchig und sanft. Auch dies ein kleiner Höhepunkt des erfrischend unkonventionellen und an Überraschungen reichen Konzerts.

Keine Ahnung, wann und wo diese seit Jahren andauernde „Never Ending Tour“ einmal endet. An diesem Abend in Erfurt jedenfalls nicht. Nach der zweiten Zugabe – dem bluesigen „Gotta Serve Somebody“ – tritt Bob Dylan ab und lässt ein geteiltes Publikum zurück.

Die einen sind begeistert, die anderen enttäuscht. Vor allem, weil sie ihn kaum gesehen haben. Hätte man nicht wenigstens zwei Leinwände aufhängen können? Gesagt hat der Meister wieder nichts. Doch Dylan hat mehr als anderthalb Stunden lang alles gegeben und sich am Ende vor seinem Publikum verneigt. Zweimal! Und hat gelächelt. Vielleicht.

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