Streit ohne Vorwürfe: Erfurter Mediationspraxis hilft schlichten

Ein großer ovaler Tisch und eine Pinnwand sind die wichtigsten Arbeitsutensilien in der Erfurter Mediationspraxis (emp). Am Tisch nehmen meistens vier Personen Platz: Zwei Mediatoren und zwei Menschen mit einem offenen Konflikt. In der Mediationspraxis wird Streit geschlichtet.

Streitschlichter: Petra Boss, Sven Ramdohr und Sabine Remy (von links) sind drei von zehn Mediatoren in der Erfurter Mediationspraxis in der Brühler Straße. Foto: Ann-Kathrin Brenke

Streitschlichter: Petra Boss, Sven Ramdohr und Sabine Remy (von links) sind drei von zehn Mediatoren in der Erfurter Mediationspraxis in der Brühler Straße. Foto: Ann-Kathrin Brenke

Foto: zgt

Erfurt. Gestritten wird in dem großen Raum mit grünem Anstrich um Häuser und Unterhalt, um Erbschaften und Arbeitsverhältnisse - und oft um Kinder. Besonders dann ist es wünschenswert, dass schnell Lösungen gefunden werden. Die Mediation hilft dabei.

Mediation ist keine Rechtsberatung, sondern ein begleitetes Streitgespräch. Eigenverantwortlich und außergerichtlich wird nach Lösungen gesucht. Der Weg zu den Mediatoren führt oft über die Gerichte oder das Jugendamt. Die Richter und Ämter können das Streitgespräch aber nur empfehlen. Mediation ist freiwillig.

Im Mai gründete sich die emp als gemeinnütziger Verein. Zehn zertifizierte Mediatoren gehören dazu. Das Team besteht aus Juristinnen, Pädagogen, Psychologen und einer Pfarrerin. Die Streitschlichter haben sich während ihrer Mediatorenausbildung an der Erfurter Fachhochschule kennengelernt.

Mediation soll allen Menschen zugänglich sein

Wichtig für die Mediation sind der geschützte Raum und die vertrauliche Atmosphäre. Die Suche nach einer geeigneten Räumlichkeit war nicht ganz einfach. In der Brühler Straße 52 fand sich der Sitzungsraum. Im gleichen Haus, in dem auch der Landesfilmdienst Thüringen sitzt. Melodramatisch und filmreif mag auch die ein oder andere Mediationssitzung sein. Erklärtes Ziel ist aber das Happy End. "Beide Seiten sollen hinterher das Gefühl haben, eine eigenverantwortliche Lösung gefunden zu haben", erklärt Sven Ramdohr, Gründungsmitglied der emp.

Mediation soll allen Menschen zugänglich sein, unabhängig von den Einkommenverhältnissen. Dafür setzt sich die emp ein. 120 Euro kostet eine Sitzung von 90 Minuten. Durchschnittlich werden sechs Sitzungen benötigt, um einen Konflikt zu lösen. Die Kosten kann nicht jeder aufbringen.

Bei Nachbarschaftsstreitigkeiten greift manchmal der Rechtsschutz, aber meistens müssen die Sitzungen aus eigener Tasche gezahlt werden. "Eine staatliche Mediationskostenhilfe wäre wünschenswert", sagt Petra Boss, Vorsitzende des Vereins. Doch eine finanzielle Förderung der Mediation wie die Prozesskosten- oder Verfahrenskostenhilfe gibt es derzeit noch nicht.

Das Mediationsgesetz gibt es seit Juli 2012

Bedürftige können beim Verein einen Antrag auf Kostenübernahme stellen. Hierfür stehen Stiftungsgelder bereit. Diese Initiative ist bislang bundesweit einmalig. Das erste Informationsgespräch bei der emp ist immer kostenlos. Hinterher entscheiden sich rund 75 Prozent der Ratsuchenden für eine Mediation. "Mediation befindet sich momentan in einer Aufbruchssituation," erklärt Sven Ramdohr, "sowohl in der Gesetzgebung, als auch in der Gesellschaft." Mediation als Möglichkeit der außergerichtlichen oder gerichtsnahen Konfliktbeilegung ist vielen Menschen noch immer unbekannt oder wird oftmals mit einer Therapie verwechselt. Das soll sich ändern.

Ein Mediationsgesetz gibt es seit Juli 2012. Das Gesetz gibt Rechtssicherheit und legt die Rahmenbedingungen für das Verfahren fest. In Verbindung mit einer Rechtsberatung ist die getroffene Vereinbarung am Ende einer Mediation rechtswirksam. Die Gerichtsverfahren selbst ruhen während einer Mediation und werden im besten Fall auch nicht wieder aufgenommen. "Gerade bei Familienstreitigkeiten ist es wichtig, dass die Leute rauskommen aus den Gerichten, weil eine Seite immer schlecht wegkommt", sagt Sven Ramdohr.

Mit hohem finanziellen und zeitlichen Engagement halten die Vereinsmitglieder die Erfurter Mediationspraxis am Laufen. Denn trotz der Fördergelder trägt sich der Verein finanziell derzeit noch nicht.

Anfang des Monats stellte sich die emp bei einer Informationsveranstaltung vor. Die Bundestagsabgeordnete Antje Tillmann (CDU), Vertreter vom Jugendamt und Mieterbund und mehrere Richter informierten sich über die Arbeit des Vereins. "Mediation muss an den Gerichten bekannter werden", sagt Juristin und Vereinsmitglied Sabine Remy. "Bei der Mediation geht es um langanhaltende Lösungen, die an den Gerichten oft nicht gefunden werden."

Am runden Tisch der emp gibt es Regeln: sich ausreden lassen, genau zuhören und Vorwürfe vermeiden. Die Sichtweise des anderen zu verstehen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer einvernehmlichen Lösung. An der Pinnwand werden alle Themen gesammelt, die in der Mediation zur Sprache kommen sollen. Die Bedürfnisse beider Parteien stehen in der Mediationspraxis im Mittelpunkt.

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