Wie das belgische Königspaar in Thüringen den Spagat zwischen Hochkultur und Gedenken schafft

Weimar/Gotha  Das belgische Königspaar besuchte am Dienstag Gotha und Weimar und zeigte sich dabei zugewandt und interessiert. Der Besuch führte die Königin Mathilde und König Philippe dabei zu ihren Wurzeln.

Das belgische Königspaar reiste bei seinem dritten offiziellen Besuch in Deutschland zuerst nach Thüringen, wo es auch seine Wurzeln hat.

Das belgische Königspaar reiste bei seinem dritten offiziellen Besuch in Deutschland zuerst nach Thüringen, wo es auch seine Wurzeln hat.

Foto: Sascha Fromm

Beim Besuch des belgischen Königspaares in Weimar kann Christa Schönemann (69) aus Dessau ihrer 96-jährigen Mutter einen Herzenswunsch erfüllen: Ehe Mathilde und Philippe das Neue Museum betreten und sich dort im Blauen Salon ins Goldene Buch der Stadt eintragen, überreicht die 69-jährige der Königin einen handgeschriebenen Gruß der in Weimar lebenden alten Dame. „Meine Mutter ist eine große Verehrerin der Royals, aber es ist ihr nicht mehr möglich, persönlich herzukommen“, sagt Christa Schönemann, die das Kuvert noch mit einem 3D-Sticker in Form eines Blumenarrangements verziert hat. Anneliese Schneider wünsche dem Paar Gottes Segen – „denn das ist doch das Wichtigste“, findet auch ihre Tochter, die in Weimar einst das Abitur gemacht hat und mit ihrem Schulenglisch im Gespräch mit den beiden Majestäten eine gute Figur abgibt. Jetzt ist sie überglücklich.

Gleich neben Christa Schönemann haben die knapp fünfjährige Theodora und ihre Großmutter Ingeborg Jakobsson Gelegenheit, die Königin persönlich zu begrüßen. Theodora hat ein üppig verziertes Diadem aus Plastik ins Haar geschoben und zeigt sich ein bisschen enttäuscht, dass König und Königin keine Krone tragen. Mathilde lacht herzlich und bedauert dann mitfühlend, das Kind enttäuscht zu haben. Sie trägt zu ihrem graublauen Etuikleid mit Cape-Kragen einen runden Fascinator in Grau, der den Blick auf ihr kunstvoll im Nacken zusammengestecktes Haar lenkt. Überhaupt sticht die 46-Jährige, die ihren Mann auf Heels beinahe überragt, an diesem Tag immer wieder aus dem Meer von dunklen Anzügen heraus.

Selbst über den ehemaligen Appellplatz der KZ-Gedenkstätte spaziert sie vor der Weimar-Visite auf Bleistiftabsätzen mit einer Grandezza, als wäre das Areal nicht mit Schotter belegt. Eine echte Königin eben. Noch dazu eine, die sich gemeinsam mit ihrem Mann anrühren lässt von dem, was Professor Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte, auf dem Weg vom Lagertor zum Gedenkstein „Block 17“ und zum historischen Kammergebäude erzählt. Im Nieselregen nimmt sich das Paar bei der Hand, als müsse es einander beistehen und Kraft schenken, als es von den Gräueln erfährt, die nach 1940 auch mehr als 4200 Belgier und mindestens 130 Belgierinnen im KZ Buchenwald und seinen Außenlagern erlebten. Andächtig schreiten die Gäste über das Lagergelände, bis plötzlich ein Kind auf die Königin zuläuft und ihr einen Feldblumenstrauß in die Hand drückt.

Gothaer können belgisches Königspaar treffen

Belgiens Königspaar in Thüringen – Verkehrseinschränkungen auf A4, in Gotha und Weimar

Mathilde und Philippe geben sich zugewandt und interessiert: Als sie im Kammergebäude auf die Familie des Buchenwald-Überlebenden André Simonart treffen, scheinen sie augenblicklich die Schar der Fotografen, der wegen des Zeitverzugs leicht nervös gewordenen Staatskanzlei-Mitarbeiter und der Personenschützer zu vergessen. Das freundliche „Bonjour“, mit dem Mathilde und Philippe ihre Landsleute begrüßten, klingt, als träfen sich gute alte Bekannte – und schon holt Hubert Simonart eine Schwarz-Weiß-Fotografie seines 1992 verstorbenen Vaters hervor, um die sich ein angeregtes Gespräch entspinnt.

Baron André Simonart, Professor für Pharmakologie, war während des Zweiten Weltkriegs in der Festung Breendonk und im KZ Buchenwald inhaftiert. 1960 wurde er von König Baudoin in den Adel erhoben, 1977 zum Baron ernannt. Gemeinsam mit seinem Sohn André-Emanuel überreicht Hubert Simonart dem Direktor der Gedenkstätte zwei wichtige Andenken an seinen Vater: ein gestreiftes Sträflingshemd und eine dunkelbraune Jacke. Beides trug Baron Simonart während seiner Inhaftierung. Und beides bewahrte seine Familie bis heute auf. Professor Knigge ist sichtlich bewegt: Behutsam legt er sich die beiden Kleidungsstücke über den linken Arm und dankt der Familie im Beisein des belgischen Königspaares in fließendem Französisch für die Schenkung. Hektisch klicken die Kameras der Fotografen: Dieser Moment ist der wohl berührendste des eintätigen Staatsbesuchs in Thüringen.

Gleichwohl zeigen sich die Gäste, die wenig später auf Hochkultur in Weimar umschalten müssen, auch angetan von Neuem und vom Bauhaus-Museum, zumal sie auch hier auf Landsleute wie Henry van de Velde beziehungsweise deren Werk treffen. Der Schreibtisch im Neuen Museum, auf dem das Goldene Buch der Stadt ausliegt, ist ein Entwurf van de Veldes – der Eintrag ins Goldene Buch, unter den die beiden Majestäten nacheinander nur noch ihre Vornamen setzen, indes bis auf die Schraffur der belgischen Flagge betont sachlich gehalten. Oberbürgermeister Peter Kleine, der zur Feier des Tages die schwere Amtskette umgelegt hat, erklärt dem Königspaar auf Deutsch, dass das kleine Weimar sehr viele Staatsgäste hat und sich das eben auch im Goldenen Buch niederschlägt.

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