Kimonomanie: Nordhausen feiert Puccinis emotional mitreißendes Melodram „Madama Butterfly“

Nordhausen  Anette Leistenschneider inszeniert Giacomo Puccinis Oper „Madama Butterfly“ am Nordhäuser Theater und ruft eine wahrhaftige Kimonomanie hervor.

Etwas schüchtern begegnet Cio-Cio-San (Hye Won Nam), genannt Butterfly, zuerst dem US-Marineleutnant F. B. Pinkerton (Kyounghan Seo), ihrem angetrauten Gemahl. Doch dann wogt die Magnolienpracht zur Liebesnacht

Etwas schüchtern begegnet Cio-Cio-San (Hye Won Nam), genannt Butterfly, zuerst dem US-Marineleutnant F. B. Pinkerton (Kyounghan Seo), ihrem angetrauten Gemahl. Doch dann wogt die Magnolienpracht zur Liebesnacht

Foto: Marco Kneise

Auf das tragische Ende dürfte man eigentlich gefasst sein. Anette Leistenschneider, die Regisseurin, hat es in Nordhausen symbolisch gelöst. Fest entschlossen setzt Cio-Cio-San sich die Klinge an den Hals, und in breiten Bahnen rinnt es rot von den halbtransparenten Wänden des Pavillons. Markant stiftet das Loh-Orchester wuchtige Schlussakkorde aus dem Graben, dann tritt ein Augenblick der schwärzesten, traurigsten Stille ein. Mählich löst sich die Schockstarre im Saal. Tröpfelnder Beifall schwillt bald zu tosendem Sturm, jetzt steht das Publikum, Bravo-Rufe gellen, minutenlang ist das ganze Haus im Tumult. „Madama Butterfly“ ruft eine wahrhaftige Kimonomanie hervor.

Recht haben die Leute, diese Puccini-Produktion derart zu feiern. Eine kluge, in sich stimmige Inszenierung mit ziemlich einfachen Mitteln, eine geschlossen gute Ensemble-Leistung und zwei gesanglich herausragende Protagonisten charakterisieren die jüngste Epiphanie des anhaltenden Nordhäuser Opernwunders. Trotzdem darf man sich einfach nicht daran gewöhnen, dass dieses Theater künstlerisch weit über seinen finanziell bescheidenen Verhältnissen agiert. Große Kunst, kleines Geld – das sagt sich so leicht; dahinter stecken harte Arbeit und schiere Leidenschaft. Wer Zweifel an der deutschen Stadttheater-Kultur hegt, sollte die 40.000-Einwohner-Musikmetropole am Harzrand besuchen.

Schauen wir zum Beispiel auf Birte Wallbaum. Intensiv hat die Kostümbildnerin sich mit traditioneller japanischer Kleidung befasst, und dann zaubert sie mithilfe der Hausschneiderei einen so geschmackvollen Farbrausch an Kimonos samt Haoris (Jacken), Obis (Gürteln) und Fächern auf die Bühne, dass den Zuschauern das Herz hüpft. Oder Wolfgang Kurima Rauschning, der für Bühnenbild und Videoprojektionen verantwortlich zeichnet. Er montiert den drehbaren Pavillon – weiße Schiebewände, rote Pfosten und Balken – einfach auf den Bühnenwagen, sodass bedarfsweise zwei Spielebenen entstehen – eine intime im Haus und eine öffentliche davor.

Oder eben Operndirektorin Leistenschneider. Sie lässt sich nicht hinreißen, die „Butterfly“ zum japanisch-amerikanischen Clash of Civilizations oder zur Feminismus-Etüde hochzustilisieren. Sondern erzählt – mit aller Finesse – schlicht die Geschichte einer einseitigen Amour fou. Cio-Cio-San ist ja erst 15 und Pinkerton in seiner strahlenden Marineoffiziers-Uniform ihre erste und unsterbliche Liebe. Ganz offensichtlich geht es der Regisseurin vordringlich ums Menschliche: um die übersteigerte, so folgenschwer betrogene Hoffnung der naiven Heldin, um die fatale Schnöseligkeit Pinkertons, ja ums brutale Geschäft eines durch die politischen Verhältnisse determinierten Beziehungsgefälles.

Kaum hat er einen festlichen Kimono angelegt, schon streckt der blasierte Ami die Füße auf den Tisch. Da ist er zwar mit dem Kuppler handelseinig, aber noch gar nicht „verheiratet“. Ohnehin wird er die Ehe nach japanischem Recht nie als solche betrachten. Später, im dritten Akt, als er am Arm seiner amerikanischen Ehefrau zurückkehrt, um das mit Cio-Cio-San gemeinsame Kind abzuholen, erkennt er, was er angerichtet hat – und nimmt hilflos Reißaus in den Alkohol. Verzeihen kann höchstens, wer Kyounghan Seo diese Partie singen hört. Der schmächtige Koreaner gibt den Schuft mit einer solch verführerischen Sinnlichkeit und warmen Geschmeidigkeit, dass er jede(n) im Saal für sich betört. Den Namen merken wir uns: Da geht ein neuer Stern auf am Nordhäuser Firmament.

Hye Won Nam, ebenfalls Koreanerin, entpuppt sich als geradezu ideale Butterfly. So oft sie diese Rolle bereits ausgedeutet hat, so diszipliniert und alle Empathie auf sich fokussierend interpretiert sie sie nun. Große Klasse, wie sie singt. Dazu demütige Trippelschritte, um Pinkerton gefällig zu sein, ihr heiliger Ernst bei der Konversion zur „amerikanischen“ Religion, ihr liebevolles Spiel mit dem Knaben in extremer Gefühlslage: All das kennzeichnet ihre famose Spielfreude. Leistenschneider zeigt Cio-Cio-Sans Hoffnungsvisionen als Videoprojektion auf den Pavillonwänden, und als US-Konsul Sharp­less von der Möglichkeit spricht, dass Pinkerton nicht wiederkomme, da zittern die Bilder.

Leider zählt Hye Won Nam nicht zum Ensemble; ihre elegant konturierte Sangeskunst macht sie zur Butterfly-Wanderarbeiterin. Ebenfalls als Gast tritt der wuchtige, recht steife und rücksichtslos überhaltende Jaco Venter als Sharpless auf. Carolin Schumann gibt die Dienerin Suzuki zurückhaltend, doch sehr achtbar und soll stellvertretend für alle kleinen Nebenrollen – den papageibunten Yamadori (Philipp Franke), den unverschämten Kuppler Goro (Marian Kalus), die Familie (Thomas Kohl, Yavor Genchev u.a.) – gelobt sein.

GMD Michael Helmrath dirigiert das grosso modo konzentrierte, in den Streichern unterbesetzte Loh-Orchester vollkommen seriös mit anstrengend weitem Temporegime und verzichtet auf allzu üppige Effekte – nicht zuletzt im Schlagwerk. Als gelte es immer noch, Puccinis zu Herzen gehendes Melodram vom Kitschvorwurf zu befreien. Dennoch badet das Publikum in erdenklichen Wechselfällen der Emotionen.

Etwa wenn zur ersten Liebesnacht Cio-Cio-Sans Lampions vom nachtschwarzen Bühnenhimmel herunterwachsen. Oder später, zur Rückkunft des US-Kanonenboots, voll trügender Hoffnung in der Bucht dümpeln. Ach, wie bittersüß ist diese Liebesgeschichte...

Weitere Vorstellungen: 11., 19. u. 27. Oktober, 30. November, 5. Jan.