Höhenflug in der Heimat: Erfurter Radsportler führt überraschend die Bundesliga an

Der Erfurter Radsportler John Mandrysch führt überraschend die Bundesliga an.

John Mandrysch ist der Bundesliga-Spitzenreiter.

Foto: Marcel Hilger

Manchmal bedarf es eines Ausfluges in die Ferne, um zu begreifen, was einem die Heimat bietet. Vier Jahre spulte John Mandrysch unzählige Kilometer in vier verschiedenen Mannschaften ab. Aber erst die Rückkehr nach Erfurt verhalf dem 22 Jahre alten Radsportler zu jenen Erfolgen, an die er selbst kaum noch geglaubt hat. „Ein wenig bereue ich, dass ich diesen Schritt nicht eher gegangen bin. Aber jetzt freue ich mich, dass ich mich belohnt habe“, sagt Mandrysch, der angesichts eher mäßiger Resultate in den vergangenen Jahren überraschend die Gesamtwertung der Bundesliga-Wertung anführt.

Mit seiner neuen Mannschaft, dem Thüringer Team P&S-Metalltechnik, darf er – sozusagen als die Krönung einer bislang außerordentlich erfolgreichen Saison – nun sogar an der Deutschland-Tour teilnehmen. „Darauf freuen wir uns. Wir wissen, dass es als Kontinental-Team nicht einfach wird. Aber wir wollen uns dort ordentlich präsentieren“, sagt Mandrysch. Als zusätzliche Motivation für ihn und seine Kollegen endet die im vergangenen Jahr wiederbelebte Rundfahrt am 1. September mit der Schlussetappe von Eisenach nach Erfurt in seiner Heimatstadt.

Kältekammer bei minus 110 Grad

Mit der Rückkehr nach Thüringen in die Mannschaft um Manager und Trainer Lars Wackernagel tauchte er fast schon in eine andere Welt ein. Als er einst als junger Radsportler im Alter von 18 Jahren auszog, fühlte er sich immer wieder auf sich alleine gestellt. Ob beim Training oder den Fahrten zu den Rennen. „Das war nicht immer einfach. Da habe ich mir viel zugemutet“, sagt Mandrysch beim Blick zurück.

Daran gemessen klingt es fast schon idyllisch, wie der Erfurter sein Leben neu geordnet hat. Gerade kam er mit Freundin und seinem Hund von einem entspannten Urlaub an der polnischen Ostsee zurück. Und auch sportlich passen offenbar alle Mosaiksteine, um erfolgreich zu sein.

Mit Lars Wackernagel hat er einen Trainer gefunden, der sich in mancher Einheit sogar selbst noch auf das Rad setzt. Viel wichtiger aber ist die Tatsache, dass der Chef der Mannschaft auch zuhören und Tipps geben kann – im direkten Gespräch, auf Augenhöhe. „Diese mentale Unterstützung ist ungeheuer wichtig“, sagt Mandrysch, der im Training viele neue Impulse setzt. Ob es die Einheiten im Rückenzentrum am Hirschgarten sind, Übungen mit dem Theraband oder der Gang in die Kältekammer bei minus 110 Grad.

Richtig aufgetaut ist Mandrysch schon im ersten Bundesligarennen in Düren, als er hinter seinem Sömmerdaer Teamkollegen Robert Jägeler Zweiter wurde. Als er schließlich bei der schweren Erzgebirgsrundfahrt erstmals seit Langem Platz eins bei einem wichtigen Radrennen belegte, durfte er endlich wieder von ganz oben grüßen. „Ich war unheimlich glücklich. Diese Leistung war aber nur möglich, weil der Teamgeist in der Mannschaft stimmt und alle mich perfekt unterstützt haben“, sagt der 22-Jährige.

Faszination am Radsport

Dass er bei der deutschen Bergmeisterschaft vor drei Wochen in Linden auf den letzten Metern noch abgefangen und Zweiter wurde, konnte er nach der ersten Enttäuschung gut verschmerzen. „Dieser zweite Rang ist mein wichtigstes Ergebnis überhaupt“, sagt Mandrysch, für den das Fernstudium an der Universität in Ansbach ein weiterer wichtiger Baustein und gleichzeitig das Grundgerüst für die Zukunft nach dem Radsport ist.

Der Erfurter möchte in der zweiten Saisonhälfte die Bundesliga-Führung ebenso behaupten wie seine Mannschaft den ersten Platz in der Team-Wertung. „Das ist unser Ziel. Und dafür sind wir gut aufgestellt“, sagt der Radsportler, der sich einst auch im Gerätturnen, Triathlon und Fußball probierte. Als er endlich groß genug war, um auf ein Rennrad zu steigen, ließ ihn die Faszination am Radsport nicht mehr los.

Nun freut er sich auf die Deutschland-Tour. Nicht nur, weil die in Thüringen endet. Auch deshalb, weil er noch eine Rechnung offen hat. Vor einem Jahr rollte er im Rundfahrt-Tross mit und schaffte zum Auftakt einen beachtlichen 18. Platz. Auf der letzten Etappe jedoch stieg er entkräftet vom Rad. „Diesmal will ich mit einer ordentlichen Leistung unbedingt ins Ziel kommen“, sagt Mandrysch, dessen Freundin, die Familie und Wegbereiter ihn in Erfurt erwarten werden. Was es heißt, in die Heimat zurückzukehren, hat er in diesem Jahr erleben dürfen. Also braucht ihn zur Deutschland-Tour auch niemand mehr zu motivieren.

Zu den Kommentaren