Wie ein Erfurter die Deutschland-Tour nach Thüringen holte

Erfurt  Gerade mal zwölf Zeilen waren der Auslöser. Wie der Erfurter Gunnar Retzlaff den Anstoß gab, die Deutschland-Tour durch Thüringen rollen zu lassen.

Der Erfurter Gunnar Retzlaff ist ein großer Radsport-Fan und freut sich, dass die Deutschland-Tour in diesem Jahr in Thüringen endet.

Der Erfurter Gunnar Retzlaff ist ein großer Radsport-Fan und freut sich, dass die Deutschland-Tour in diesem Jahr in Thüringen endet.

Foto: Sascha Fromm

Am Anfang stand vor mehr als einem Jahr eine Mail, zwölf Zeilen lang. Gunnar Retzlaff schickte die Nachricht den Organisatoren der Deutschland-Tour, man möge doch bitte Erfurt für die Auflage im Sommer 2019 als Etappenort des Radsport-Großereignisses berücksichtigen und unterbreitete als konkreten Vorschlag, im Jubiläumsjahr des Bauhauses ein Zeitfahren von Weimar in die Landeshauptstadt.

Ein paar Tage später bekam der Erfurter tatsächlich eine Antwort – und hatte damit den entscheidenden Anstoß gegeben, dass nun am 1. September die finale Etappe der Rundfahrt von Eisenach durch den Thüringer Wald nach Erfurt rollt.

Auf der Internetpräsenz der Deutschland-Tour konnten die Fans im vergangenen Jahr per Mausklick eine Stadt auswählen, wo denn die bedeutendste Landesrundfahrt Station machen sollte. „Ich hatte meine Zweifel, dass dieser einzige Klick etwas bewirken könnte. Deshalb habe ich mich entschlossen, eine Mail zu schreiben“, sagt Retzlaff.

2000 Vorschläge gingen beim Veranstalter ein

2000 Vorschläge gingen beim Veranstalter ein, der des Erfurter Radsport-Enthusiasten aber keineswegs unter. „Mit dieser Mail sind wir in der Tat auf die Idee gebracht worden, die Route auch durch Mitteldeutschland zu führen“, sagt Matthias Pietsch, Projektleiter der Deutschland-Tour bei der Gesellschaft zur Förderung des Radsports. Die Fans hätten viele Wünsche gehabt. Ob es nun eine bestimmte Gemeinde gewesen ist, die Etappenziel oder einfach nur Durchfahrtsort sein sollte, oder es wurden Radsport-Prominente genannt, die man in die Veranstaltung einbinden kann.

Gunnar Retzlaff ließ nicht locker. Denn allein das Interesse der Tour-Organisatoren reichte nicht, um die Weltklasse des Radsports nach Thüringen zu holen. Der 67-Jährige, der sich einst für die Friedensfahrt begeistern konnte und die Tour de France aufmerksam verfolgt, schrieb unter anderem auch an Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee.

„Die Tour kommt live im Fernsehen. Mehr Werbung geht ja nicht für die Stadt und das Land“, sagt Retzlaff. Tatsächlich dürfen sich die Thüringer Radsport-Fans auf eine unglaubliche Kulisse freuen. Im vergangenen Jahr hatten 125.000 Zuschauer das Fahrrad-Festival in den Etappenorten Koblenz, Bonn, Trier, Merzig, Lorsch und Stuttgart besucht. Hinzu kamen Hunderttausende, die jeden Tag die Rennatmosphäre der vier Etappen entlang der Strecke genossen haben.

Für Erfurt eine Reise in die Vergangenheit

ARD und ZDF haben inzwischen angekündigt, täglich live von der Tour zu berichten. Im vergangenen Jahr verfolgten weltweit 15 Millionen Zuschauer weltweit die Übertragungen des Radsport-Ereignisses. Hinzu kommen die Nutzer der App- und Stream-Angebote.

Fabian Wegmann ist unterdessen froh, dass sich die Radsport-Anhänger in Deutschland so viele Gedanken machen. „Dass sich die Fans bei uns melden, hilft uns ungemein. Denn es kommen immer wieder Tipps von den Fans, auf die wir gar nicht kommen würden“, sagt der Ex-Profi, der als sportlicher Leiter des Profirennens verantwortlich zeichnet. Schon bei der Wiederbelebung der Rundfahrt gehörte es zum Konzept, dass man die Menschen in den Regionen des Landes in die Planung mit einbezieht.

Wenn die Deutschland-Tour nun am 1. September nach Erfurt kommt, ist es für die Landeshauptstadt zugleich eine Reise in die Vergangenheit. Als die Rundfahrt im Jahre 1911 aus der Taufe gehoben wurde und unter dem Namen „Quer durch Deutschland“ die Premiere feierte, endete hier der zweite, stolze 301 Kilometer lange Abschnitt mit Start in Dresden, bevor die Radsportler tags darauf nach Nürnberg weiterfuhren. Zuletzt gastierte die Deutschland-Tour im Mai 2001 in Erfurt, als Erik Zabel an der Messehalle im Sprint triumphierte.

Enorme logistische Herausforderung

Gunnar Retzlaff, der 2008 von Berlin nach Erfurt zog, fiebert der Deutschland-Tour entgegen, zumal solche Stars ihre Teilnahme angekündigt haben wie zum Beispiel der Franzose Julien Alaphilippe, der bei der Tour de France zwei Wochen im Gelben Trikot des Gesamtführenden fuhr. Ebenso im Fokus steht Emanuel Buchmann, der als Gesamtvierter nur um 25 Sekunden das Podium verpasste.

Vor allem aber freut sich der gebürtige Berliner, dass seine Wahl-Heimat so etwas wie Hauptstadt-Flair versprüht: „Am Tour-Wochenende laufen in Erfurt ja noch die Domfestspiele und Herbert Grönemeyer gastiert im Steigerwaldstadion. Das ist eine enorme logistische Herausforderung. Dass die Stadt diese Chance nutzt, ist mutig. Aber ich bin mir auch sicher, dass Erfurt das schaffen wird.“

Tour-Etappenplan:

Donnerstag: Hannover - Halberstadt (167 km)

Freitag, 30. August:Marburg – Göttingen (199 km)

Samstag, 31. August:Göttingen – Eisenach (177 km)

Sonntag, 1. September:Eisenach – Erfurt (159 km)

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