Wie Marcel Kittel sein neues Leben nach dem Rücktritt als Radprofi organisiert

Ichtershausen  Alles auf Anfang: Nach seinem Karriereende geht Marcel Kittel nun seinen eigenen Weg abseits des Leistungssports.

Marcel Kittel hat den Radsport hinter sich gelassen.

Marcel Kittel hat den Radsport hinter sich gelassen.

Foto: Martin Hoffmann/Imago

John Degenkolb reagierte mit Respekt, aber auch einem Augenzwinkern auf den Rücktritt von Radprofi Marcel Kittel. Er sei neidisch, schrieb der gebürtige Geraer in den sozialen Medien, schließlich könne sein ehemaliger Trainingskollege nun mehr Eis essen, als die Fahrer im Peloton. Als der einstige Weltklasse-Sprinter am Wochenende zum ersten Mal nach der Bekanntgabe seines Karriereendes am 23. August in seine Thüringer Heimat zurückkehrte, blieb aber für Kittel keine Zeit, bei seinem Lieblings-Eisladen auf der Erfurter Krämerbrücke vorbeizuschauen. Der Radsport bestimmte – vorerst ein letztes Mal – seinen Tagesablauf.

Auf den Etappen der Deutschland-Tour in Göttingen und Erfurt hatte der 31-Jährige das ZDF bei den Liveübertragungen als Experte unterstützt. Vor allem aber freute er sich auf eine kleine Runde auf der Erfurter Radrennbahn, zu der er Wegbegleiter seiner Karriere eingeladen hatte. „Es war kein trauriges Abschiedsfest, sondern ich wollte einfach mal Danke sagen all denen, die mich in 20 Jahren meiner Radsport-Karriere unterstützt haben“, sagt Kittel, der sogar mit Helmut Böttner einen seiner ersten Übungsleiter begrüßen konnte. Jene persönlichen Kontakte sind ihm wichtig, nach dem Ende seiner Karriere mehr denn je. „Als ich noch Profi war, hat es manchmal ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich verabredet habe, weil immer etwas dazwischen gekommen ist.“

Ein enttäuschender 99. Platz beim Scheldepreis am 10. April steht als letztes Resultat in der sportlichen Vita von Marcel Kittel. Danach saß er wochenlang nicht mehr auf dem Rad. Inzwischen hat ihn der Sport wieder. Mit Schmerzen. Von seiner Schweizer Wahlheimat Kreuzlingen aus fährt er ins benachbarte Konstanz, wo sich Kittel zum Cross-Training angemeldet hat. Bei den umfassenden Kraft- und Konditionsübungen betätigte er sich unter anderem beim Klimmziehen. „Einen Tag danach hatte ich solchen Muskelkater in den Armen, dass ich nicht einmal ein Glas Wasser ruhig halten konnte und ich meine Verabredung zum Schwimmen abgesagt habe.“

Allerdings lässt ihn seine gerade beendete Karriere noch nicht los. Gefreut habe er sich über das Feedback vieler Menschen, die ihn nach der Verkündung seiner Entscheidung bestärkt haben, nun seinen eigenen Weg abseits des Leistungssports zu gehen. Geärgert hat er sich aber auch über einen Bericht der Neuen Zürcher Zeitung, die ihm einmal mehr Faulheit unterstellte und vorwarf, sein Talent verschwendet zu haben. „Es ist schlicht falsch, dass ich unprofessionell gearbeitet habe. Das habe ich ja unter anderem mit 14 Etappensiegen bei der Tour de France bewiesen“, sagt Kittel, dem sogar einmal bei der Dubai-Tour der berühmte argentinische Fußball-Weltmeister Diego Maradona zum Sieg gratulierte.

Dass er sich auch von bitteren Niederlagen nicht unterkriegen lässt, hatte der Thüringer schließlich oft genug bewiesen. Andernfalls wäre er nie einer der besten Sprinter der Welt geworden. In seinem ersten Profijahr – damals im Trikot von Skil-Shimano – sollte er bei einer Etappenfahrt in Malaysia im Januar 2011 für seinen Teamkollegen Kenny van Hummel den Sprint anfahren. „Ich habe gar nicht gewusst, was ich machen soll. Da ging alles schief“, erinnert sich Kittel. Van Hummel reagierte pragmatisch. Kittel soll um den Sieg sprinten, er werde ihm zeigen, wie man sich als Anfahrer zu verhalten hat. „Prompt habe ich das Rennen gewonnen und das Eis war gebrochen“, sagt der Thüringer beim Blick zurück.

Marcel Kittel ist inzwischen wieder auf das Rad gestiegen – zum Abtrainieren. Im Mittelpunkt seines Lebens aber steht längst die Familie um seine niederländische Freundin, die Volleyballspielerin Tess van Piekartz, die er vor fast fünf Jahren kennengelernt hat. Im November erwarten beide einen Sohn. „Ich will da sein, wenn der Kleine auf der Welt ist. Das ist mir sehr wichtig“, sagt der werdende Vater, der bislang als Profi mindestens 200 Tage im Jahr überhaupt nicht zu Hause war.

Aber so lässig Kittel nun im Garten seiner Eltern in Jeans und schwarzem T-Shirt über seine Zukunft philosophiert, so ernsthaft hat er sich längst um seine berufliche Zukunft gekümmert. Bei der Tour de France für die ARD und zuletzt bei der Deutschland-Tour in Diensten des ZDF, hat Kittel als TV-Experte eine neue Welt kennengelernt. Im Oktober allerdings startet endgültig für ihn ein neuer Lebensabschnitt. An der Universität in Konstanz beginnt er ein Studium der Wirtschaftswissenschaften und kehrt damit zurück zu den Wurzeln. Einst begann er an der TU Ilmenau ein Informatikstudium, das er später aber für seine Profikarriere wieder aufgab. „Da werde ich mich ganz schön reinhängen müssen. Aber ich freue mich darauf“, sagt der Thüringer.

Den Weg zur Uni will er auf die für ihn typische Weise meistern – mit dem Fahrrad. „Wenn es aber schneien sollte, nehme ich lieber den Bus“, sagt Marcel Kittel lächelnd. Bei Wind und Wetter im Sattel sitzen? Von jenem Leben hat er sich schließlich gerade verabschiedet.

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