SWG Eisenach plant Wohnbau auf Fischweide 1-Areal

"Von mir aus kann die Villa jetzt noch 100 Jahre stehen bleiben", hatte Karl-Heinz Jäger, Beauftragter des AWE-Liquidators Metzler 1998 getönt, als man die Erschließungsstraße zum geplanten Wohngebiet an der Hörsel anderweitig anlegte. Dem benachbarten Automobilwerk war die Fischweide 1 jahrzehntelang ein Dorn im Auge.

In diesem Nebenflügel der Fischweide 1 wurde ursprünglich eine Zigarrenfabrik betrieben. Später wurden daraus Wohnungen. Foto: Jensen Zlotowicz

In diesem Nebenflügel der Fischweide 1 wurde ursprünglich eine Zigarrenfabrik betrieben. Später wurden daraus Wohnungen. Foto: Jensen Zlotowicz

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Eisenach. In der DDR versuchten Staat und Automobilwerk Eisenach (AWE) vergeblich, das durch sie "totgeweihte" Anwesen Fischweide 1 platt zu machen. Dagegen hatten sich die 1986 in den Westen übergesiedelte Eigentümerin Irmgard Siedentopf († 1988) und danach der letzte Bewohner Peter Markert erfolgreich zur Wehr gesetzt. Markert wollte die baufällige Villa kurz vor der Wende sogar kaufen. Bekam sie aber nicht.

Die wechselhafte und ereignisreiche Geschichte des um 1870 errichteten Anwesens hatte unsere Zeitung im Teil 102 der Serie "Villen in Eisenach" im November 1998 ausführlich erzählt - in drei Folgen.

Die Zukunft der an zwei Töchter der letzten Eigentümerin rückübertragenen und seit 1992 denkmalgeschützten Immobilie stand damals noch in den Sternen. Pläne der Stadt Eisenach gab es freilich. Dagegensprechende Probleme aber auch. Fakt war nur: die vom Zigarrenfabrikanten Heinrich Wilhelm Fleischhauer erbaute Villa war marode und in einem traurigen Zustand.

Nun gibt es Klarheit über die Zukunft des gesamten Areals. Gerade wird es von Wildwuchsbefreit. Vermesser waren tätig. In der nächsten Woche liegen ihre Ergebnisse bei der Städtischen Wohnungsgesellschaft (SWG). Diese hatte die Immobilie samt etwa 6000 Quadratmeter Fläche und Nebengelassen vor etwa zwei Jahren "günstig" ersteigert. "Der Kaufpreis lag unter 100"000 Euro", weiß SWG-Geschäftsführer Wilhelm G. Wagner. Die SWG will die Fischweide 1 stückweise entwickeln, will insgesamt etwa ein Dutzend Baugrundstücke zu etwa 500 Quadratmeter schaffen. Die hochwasserrechtlichen Belange spielen beim Areal an der Hörsel allerdings eine entscheidende Rolle und sie bremsen die zügige Entwicklung.

Die ehemalige Fabrikantenvilla und die umliegenden ehemaligen Fabrikgebäude, die ab den 30er Jahren teilweise zu Wohnungen umgebaut worden waren, sollen abgerissen werden, sagt Wagner. Die Villa sei wegen ihres Zustandes mittlerweile ja von der Denkmalliste gestrichen worden, behauptet der SWG-Chef. Die Denkmalschutzbehörde führt das Gebäude aber noch als Einzeldenkmal, hieß es auf Anfrage aus der Stadtverwaltung.

Über der Fläche an der Fischweide liegt ein Bebauungsplan. Das Areal ist als Mischgebiet ausgeweisen. Die Stadt hatte schon Mitte der 90er Jahr vor, dort Wohnhäuser zu schaffen. Die Eigentumsverhältnisse machten die Lage aber lange Zeit kompliziert, die Siedentopf-Erben waren uneinig, finanziell mit der Immobilie überfordert, wollten aber nicht verkaufen. Sie spekulierten. So verfiel das Denkmal mehr und mehr. Es zu retten wäre aus ökonomischer Sicht heute ein enormer Kraftakt. Schon Ende der 80er Jahre war die Villa baupolizeilich gesperrt worden, damals allerdings mehr unter dem Aspekt der geplanten "Freilenkung", schließlich wollte AWE das Areal nutzen. Die Fischweide sollte gar Werkstraße werden.

Peter Markert wehrte sich

Eigentümerin Irmgard Siedentopf hatte der benachbarten Automobilbaufirma seit den 30er Jahren scheibchenweise Land verkauft, den ehemaligen Villengarten, den früheren Tennisplatz, den Obstgarten und anderes mehr. EMW wollte dort eine Poliklinik bauen. Die DDR-Behörden stuften die Fischweide 1 schlielich als "Schrumpfungsgebiet" ein und zogen mit AWE an einem Strang. Allein Peter Markerts Sturheit und seinen Eingaben bis zur höchsten staatlichen Stelle, war es zu verdanken, dass es nie so weit kam. Als 13-Jähriger war er 1954 mit seiner Mutter in die Villa eingezogen, auf eine Etage mit Irmgard Siedentopf. Nun erlebt er mit bangen Gefühlen mit, wie es seinem ehemaligen Wohnhaus an den Kragen geht.

Er wohnt (mietfrei) in einer der Baracken nebenan, die AWE zur DDR-Zeit für die Kampfgruppen des Betriebes errichtet hatte. Schon zu DDR-Zeiten hatte er alle Wohnungsangebote der Stadt ausgeschlagen. Er ist mit dieser Scholle verwurzelt. "Mal schauen, wie wir Herrn Markert unterkriegen", sagt SWG-Geschäftsführer Wilhelm Wagner. Er weiß, dass sich der 72-Jährige Rentner mit schmalem Geldbeutel nur schwer "verpflanzen" lässt.

In einem ersten Bauabschnitt will die SWG etwa die Hälfte der geplanten Bauplätze schaffen. Dazu soll die derzeit nur ein paar Meter lange Moritz von Schwind-Straße verlängert werden. Sie bleibe Sackgasse, erläutert der SWG-Geschäftsführer.

Einfamilienhäuser im Gebiet saufen ab

Der entlang der Hörsel noch fehlende Schutz gegen das "Jahrhunderthochwasser" sorgt dafür, dass das Areal nicht in einem Ruck entwickelt werden kann. Überdies darf in einem Mischgebiet nicht ausschließlich Wohnbau angesiedelt werden. Die Einfamilienhäuser, die im Hinterland der Fischweide bereits an der Hörsel neu gebaut wurden, saufen im Falle beim Jahrhunderthochwasser übrigens ab, weiß der SWG-Chef.

Es habe bei der SWG Überlegungen gegeben, die Villa als Ruine zu belassen und im Inneren etwas neues zu bauen. Aber das funktioniere ob der fragilen Holzdecken nicht, sagt der SWG-Chef. Die massiven Nebengebäude blieben noch bis zu einer B-Planänderung stehen. Sie seien für die Hochwasserausgleichmaßnahmen noch relevant.

Vom einstigen Glanz der Villa ist kaum noch etwas zu entdecken. Vandalismus und Diebe haben ihr neben Wasserschäden in den vergangenen 20 Jahren zugesetzt. Nicht nur Decken sind eingebrochen. Selbst die Vermesser wollten sich eine Zierkachel von der Fassade mitnehmen (die meisten sind wie vieles mehr gestohlen), erzählt Peter Markert. Die Kachel mussten sie auf sein Geheiß hin wieder rausrücken.

Der Großherzog nannte die Villa einmal ein "Palais'chen". Rudimente der antikisierenden Wand- und Deckenmalereien sind in der ruinierten Veranda noch zu entdecken. Um die Villa zu retten, hätte man vor 20 Jahren tätig werden müssen. Nun ist sie hin. Miteigentümerin Margot Schmidt wollte sie einem Liebhaber sogar "zum Nulltarif" anbieten, erzählte sie 1998. Als die Stadt den Eigentümern damals 100.000 D-Mark geboten hatte, winkten diese dagegen ab.

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