Verdi-Kritik am Logistiker: Zalando sieht sich zu Unrecht am Pranger

Die Gewerkschaft Verdi fühlt sich herausgefordert. Erfurts riesiger Schuh- und Kleiderschrank, das Logistikzentrum des Internet-Händlers Zalando, mag Arbeit an den Standort gebracht haben, doch so recht zufrieden ist Verdi-Vertreterin Marlen Schröder damit nicht.

Probleme werden abgestellt: An der großen Lagerhalle in Erfurt laufen noch Verbesserungen. Verdi hatte gegenüber unserer Zeitung einige Probleme angesprochen. Foto: Marco Kneise

Probleme werden abgestellt: An der großen Lagerhalle in Erfurt laufen noch Verbesserungen. Verdi hatte gegenüber unserer Zeitung einige Probleme angesprochen. Foto: Marco Kneise

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Erfurt. Im Gespräch mit unserer Zeitung monierte Schröder zuletzt eine ganze Reihe von Vorgehensweisen des Unternehmens. So würden etwa Beschäftigte willkürlich durchsucht und damit indirekt schikaniert, um Diebstähle zu verhindern. Zalando-Sprecher Boris Radke wollte es so allerdings nicht verstanden wissen. Durchsuchungen erfolgten nach dem Zufallsprinzip und seien branchenüblich, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung.

Diebstähle seien aber im Bereich von Kleidung und Schuhen kein relevantes Problem. Kriminalisieren wolle man die Beschäftigten auf keinen Fall. Zudem könnten - bis auf ein Zalando-T-Shirt - Mitarbeiter ihre eigene Kleidung tragen.

Hitzefrei ist nicht unmöglich

Den Verdi-Vorwurf, in der Halle seien Mitarbeiter kollabiert - vor allem während zweier Hitzewellen in diesem Sommer - kontert der Sprecher ebenfalls. Das sei in der Tat vorgekommen, allerdings habe das bei 1500 Mitarbeitern auch nicht immer mit Hitze zu tun. Dass es mit der Halle als solche allerdings Probleme gebe, räumt er ein: "Es hat auch teilweise noch hineingeregnet." Klimaanlagen würden installiert, man überprüfe auch die Lüftungsmöglichkeiten. "Zudem tun wir alles für ausreichend Ruhepausen und gute Ernährung". Ab bestimmten Temperaturen seien auch häufigere Pausen oder sogar eine Art Hitzefrei möglich.

Grundsätzlich sei man als wachsendes Unternehmen noch im Lernprozess. "Wenn wir feststellen oder uns die Beschäftigten sagen, dass etwas richtig schief läuft, dann passen wir uns an und stellen das ab." Generell findet er nicht in Ordnung, dass ohne wirklichen Hintergrund Anschuldigungen gegen andere Unternehmen einfach auf Zalando übertragen würden, als pauschale Online-Schelte.

Immerhin habe man aus der Arbeitslosigkeit seit der Inbetriebnahme des Standortes in Erfurt 1500 bis 1600 Menschen rekrutiert, davon seien etwa 1200 noch dabei und die ersten sogar entfristet. "Wenn die Gewerkschaft sagt, Entfristungen beträfen nur die Leute im Büro, dann stimmt das einfach nicht", sagt Radke.

Staatlich finanzierte Bildungsgutscheine

Doch nicht nur die flotte Geschäftsidee hat dem Unternehmen geholfen, schnell zu wachsen, sondern auch der Staat hat mit einer Reihe von Fördertöpfen seinen Anteil daran. 22,5 Millionen Euro Investitionszulage gab es für das Logistikzentrum vom Land - und zahlreiche Arbeitslose werden mit Hilfe von staatlich finanzierten Bildungsgutscheinen in Schulungen fitgemacht, um anschließend bei Zalando oder anderen Unternehmen der Branche in und um Erfurt zu arbeiten.

Dass es eine Häufung von Maßnahmen zugunsten etwa von Zalando gebe, bestreitet exemplarisch die Erfurter Agentur für Arbeit. Die Qualifizierung orientiere sich an den Bedürfnissen der Kunden und den Chancen des regionalen Arbeitsmarktes, heißt es in einer schriftlichen Auskunft. Und: "Die vermittelten Kenntnisse sind am allgemeinen Arbeitsmarkt verwertbar und nicht nur in einem Unternehmen."

Nicht für kritikwürdig hält Sprecher Radke die Ein-Jahres-Befristung für zunächst alle Mitarbeiter des Firma. Es werde sich kaum ein Konkurrent finden, der das anders handhabe. Dass bei der Förderung der Investition von Dauerarbeitsplätzen die Rede ist, hat nichts mit der Dauer der Arbeitsverhältnisse zu tun. "Die Förderung setzt die Schaffung von betriebsangehörig Beschäftigten voraus, eine Unterscheidung zwischen befristet und unbefristet gibt es (...) nicht. Die Dauerarbeitsplätze müssen am Ende des Investitionsvorhabend geschaffen und besetzt sein (...)", schreibt das Ministerium auf Anfrage unserer Zeitung.

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