Mütter mit Migrationshintergrund: Individuelle Betreuung beim Einstieg in den Beruf

Erfurt  In Thüringen helfen fünf Kontaktstellen Müttern mit Migrationshintergrund, im Erwerbsleben Fuß zu fassen. Ein Bundesprogramm ist nun in die zweite Phase gestartet.

Mütter mit Migrationshintergrund drücken die Schulbank, um ins Berufsleben einzusteigen.

Mütter mit Migrationshintergrund drücken die Schulbank, um ins Berufsleben einzusteigen.

Foto: Patrick Lux/dpa/Archiv

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Medine Yilmaz‘ Mutter ist ein Beispiel dafür, welche Fehler früher bei der Integration von Frauen mit Migrationshintergrund gemacht wurden: Obwohl die Türkin seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, kam sie nie in den Genuss eines Sprachkurses oder weiterer Bildungsangebote. Die Chance auf den Einstieg ins Berufsleben blieb ihr verwehrt, die Kindererziehung neben dem Haushalt ihre einzige Aufgabe.

„Das hat sich Gott sei Dank geändert“, sagte Medine Yilmaz als Moderatorin gestern zum Auftakt einer zweitägigen Konferenz in Erfurt, mit der Kontaktstellen, die Mütter mit Zuwanderungsgeschichte beim Einstieg ins Berufsleben begleiten, offiziell in die zweite Förderphase des Bundesprogrammes „Stark im Beruf – Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein“ (SIB) starteten.

Die erste Phase begann 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, die zweite Anfang 2019. Insgesamt stehen dafür bis zum Jahr 2022 aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds 37 Millionen Euro bereit. Der Bund fördert damit bundesweit knapp 90 Kontaktstellen, fünf davon in Thüringen: je zwei in Jena und Erfurt und eine in Eisenach. Jede Kontaktstelle erhält maximal 75.000 Euro – vorausgesetzt, sie kann diese Mittel kofinanzieren. In den neuen Ländern liegt der Kofinanzierungsanteil bei nur 20 Prozent.

Aufgabe der Kontaktstellen ist es, Mütter mit Migrationshintergrund zu allen arbeitsmarktrelevanten Fragen und zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu beraten und sie von der beruflichen Orientierung über Praktika bis hin zur Probezeit zu begleiten. Es genüge dabei nicht, den Frauen Bildungsangebote zu unterbreiten und sie in die Wirtschaft zu vermitteln, betonte Petra Mackroth, Abteilungsleiterin im Bundesfamilienministerium. Wichtig sei auch, sie davon zu überzeugen, dass Kinderbetreuung hierzulande etwas völlig Normales sei. Denn erst wenn die Frauen, in deren Kulturkreis Fremdbetreuung eben keine Selbstverständlichkeit sei, ihre Kinder in guten Händen wüssten, seien sie auch offen für Bildung und Arbeit.

Das Programm SIB sei ein Erfolgsmodell, sagte Mackroth: Von den 11.000 Frauen, die es bisher erreichte, hätten 37 Prozent eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Ein weiteres Drittel befinde sich in Ausbildung, Praktika oder einer Weiterqualifizierung. „Man muss lange suchen, um eine solche Erfolgsquote zu finden.“ Seit Beginn der zweiten Förderphase würden 1700 Frauen begleitet. Die Mütter, so Mackroth, brennen nicht nur darauf, auf eigenen Beinen zu stehen. Deutschland könne es sich angesichts des Fachkräftemangels auch gar nicht erlauben, dieses Potenzial ungenutzt zu lassen: Erst die Hälfte der rund 2 Millionen Mütter mit Migrationshintergrund sei berufstätig.

Ganz besonders große Chancen bieten sich ihnen im Handwerk, unterstrich Jan Dannenbring vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Das Handwerk, das aktuell bereits 18.600 Flüchtlinge ausbilde, sei ein Integrationsmotor. Dass der Frauen­anteil dabei noch relativ klein sei, liege nicht nur an Rollenklischees in den Herkunftsländern in Beruf und Familie, sondern auch an mangelnder Kenntnis über die Perspektiven und die Möglichkeiten – etwa eine Ausbildung in Teilzeit.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.