Ein Putz für den besten Schutz: die Eisenacher Clemenskapelle

Der Putz ist rissig und aus kirchengestalterischer Sicht in manchen Augen auch unpassend, aber die Verputzung sei die zweckmäßigste, die die Clemenskapelle aufgrund ihres traurigen Zustandes vor der Sanierung bekommen konnte.

Der Putz an der Clemenskapelle ist zwar hart und auch zementhaltig, aber er besitzt gute Diffusionseigenschaften, um die Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk zu entlassen. Foto: Norman Meißner

Der Putz an der Clemenskapelle ist zwar hart und auch zementhaltig, aber er besitzt gute Diffusionseigenschaften, um die Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk zu entlassen. Foto: Norman Meißner

Foto: zgt

Eisenach. "Es ist ein Sanierputz, er ist offenporig", verteidigt der Wintersteiner Architekt Hans-Peter Deutsch seine kürzlich kritisierte Arbeit. Er enthält zwar Zementanteile, aber ein reiner Kalkputz wäre an der Kapelle fehl am Platze. Dabei denkt er beispielsweise an eine Kirche in der Eisenacher Weststadt. Dort seien schon nach nur drei Jahren neue Salzschäden zu Tage getreten.

Viele Jahre habe sich Hans-Peter Deutsch ganz intensiv mit der Sanierung der kleinen Kapelle an der Langensalzaer Straße befasst. Wenn Eisenachs vermutlich ältestes Gotteshaus im Jahr 2003 nicht umfassend und mit Fingerspitzengefühl instand gesetzt worden wäre, stünde heute dort nur noch eine baufällige Ruine, ist sich der Architekt sicher. "Es war nichts da, was die Kapelle noch zusammengehalten hätte", erzählt Deutsch. Die Giebelseiten drohten wegzubrechen. Extrem stark waren die Risse im Gemäuer und der Echte Hauschwamm machte sich zudem breit. Lange Gewindestangen durch das Mauerwerk halten die Kapelle heute statisch zusammen. "Die statischen Risse sind nicht wieder aufgetreten", freut sich der Fachmann.

Auch wenn der erst vor etwas mehr als zehn Jahren aufgebrachte Putz wieder Risse aufweist, sei dies zwar ärgerlich, aber keinesfalls tragisch. Eigentlich müssten beide Straßen um die Kapelle für den Verkehr voll gesperrt werden, um das historische Gebäude vor Erschütterungen zu bewahren. Deutsch weiß aber, dass sich diese Denkmalerhaltungsmaßnahme keinesfalls umsetzen lässt. "Während der Dachsanierung habe ich im Gebälk gesessen, von jedem Lkw habe ich die Vibrationen enorm gespürt", erinnert er sich. Aber nicht nur die Erschütterungen sind für die nun aufgetretenen Risse verantwortlich. Ein nur geringer Dachüberstand und die nicht exakt lotrechten Mauern bieten eine große "Angriffsfläche" für Feuchtigkeit aber auch für extreme Temperaturwechsel. Die neuen Putzrisse sind noch recht schmal - sie müssten weiter geöffnet und mit dem gleichen zertifizierten Sanierputz geschlossen werden. Dies zieht Ute Lieske durchaus in Betracht. "Geld wäre da", spricht Eisenachs einstige Kulturdezernentin über das Stiftungsguthaben. Seinerzeit "erbte" sie mit diesem Amt auch den Vorsitz der Clemensstiftung, in deren Besitz sich die Kapelle befindet. Auch wenn Lieske den Stiftungsvorsitz an ihre Nachfolgerin abgeben musste, schlägt ihr Herz noch immer für die kleine Kapelle in der Oststadt.

Liebend gern hätte Architekt Hans-Peter Deutsch die Fassade nach dem Vorbild alter, historischer Ansichten ohne Putz steinsichtig gelassen, aber die Klüfte in den Mauern ließen dies nicht mehr zu. "Es war nicht mal eine steinfühlige Putzschicht möglich", erklärt der Sanierungsexperte.

Bei der Errichtung der Kapelle wurden innen und außen Steine hochgemauert und der Zwischenraum mit allem greifbaren Baustellenmaterial und Findlingen sorglos verfüllt. Verbliebene Hohlräume mussten jetzt mit einem speziell ausgewählten Mörtel vorsichtig verpresst werden. Ähnliche Mauerwerksprobleme hatte Deutsch auch bei der Sanierung des Hellgrefenhofes zu meistern. "Die Kemenate ist ähnlich gebaut wie die Clemenskapelle", so der Architekt. Auch mit den unterschiedlichsten Salzeinlagerungen hatte Deutsch zu kämpfen - beispielsweise mit Salpeter, da die Kapelle lange Zeit als Ziegenstall genutzt wurde. Der aufgetragene Putz ist nach den Anforderungen eines wissenschaftlich technischen Arbeitskreises (WTA) geprüft. Er zieht auch Salze bis zu einem gewissen Grad aus dem Mauerwerk. Der Putz "entlässt" zudem Feuchtigkeit ins Freie, denn Lüften ist in der Kapelle nur über die Tür möglich und die künstlerisch gestalteten Original-Fenster blieben drin. Sie lassen sich nicht öffnen.

Das Fundament reicht 80 bis 90 Zentimeter tief ins Erdreich. Auf der Seite zu den Gleisanlagen steht die Kapelle auf Lehmboden. "Wir mussten uns für das Fällen der Pappeln entscheiden, sie haben dem Lehm zu viel Wasser entzogen", sagt der Architekt. Ausgetrockneter Lehm hätte der Standsicherheit geschadet. Ringsherum ist die kleine Kirche mit Drainagesteinen vor Feuchtigkeit geschützt. Dies hat sich Deutsch bei einigen Villen der Eisenacher Südstadt abgeschaut. Der Platz zwischen dieser Drainage und dem Fundament wurde mit kleinen Kügelchen, sogenannten Knotten, verfüllt, die Wasser abfließen und Feuchtigkeit empor steigen lassen.

Bild 1: Der Putz an der Clemenskapelle ist zwar hart und auch zementhaltig, aber er besitzt gute Diffusionseigenschaften, um die Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk zu entlassen.Foto: Norman Meißner

Bild 2: Gern hätte der Architekt die Fassade der Kapelle zur Sanierung 2003 steinsichtig gelassen. Das zerklüftete Mauerwerk lies es nicht zu.

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