Nach tödlicher Bissattacke: Tierschützer fordern Hunde-Führerschein in Thüringen

Nickelsdorf/Erfurt.  Nach der tödlichen Bissattacke in Nickelsdorf, bei der eine Frau ums Leben kam, fordern PETA-Tierschützer nun einen Hunde-Führerschein in Thüringen.

Drei Hunde lernen gemeinsam mit ihren Haltern in einer Hundeschule in Nordhausen den Umgang miteinander.

Drei Hunde lernen gemeinsam mit ihren Haltern in einer Hundeschule in Nordhausen den Umgang miteinander.

Foto: Marco Kneise / Marco Kneise / Thüringer Allgemeine

Am 19. Juni 2020 wurde in Nickelsdorf im Saale-Holzland-Kreis eine Frau von einem Labrador-Hundemix attackiert und verstarb an den dabei erlittenen schweren Verletzungen. Der Hund gehörte zu einer Familienangehörigen der Verstorbenen.

Nach dem Vorfall war das Tier zunächst in einem Heim in Erfurt untergebracht gewesen. Hier wurde der Vierbeiner schließlich eingeschläfert. Die Tierrechtsorganisation PETA macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass sich Beißvorfälle oft im Familienkreis ereignen. Angesichts der Attacke in Nickelsdorf fordern die Tierrechtler umgehend die Einführung eines Hundeführerscheins für Thüringen.

„Der tragische Vorfall in Nickelsdorf kostete einer Frau und einem Hund das Leben. Er zeigt jedoch erneut: Hunde, die falsch gehalten oder behandelt werden, können zu einer Gefahr für Mensch und Tier werden – unabhängig davon, ob der Hund einer bestimmten ‚Rasse‘ angehört oder einem ‚Mix’ entstammt“, sagt Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner. „Beißvorfälle im Familienkreis sind keine Seltenheit. Meist liegt das Problem jedoch nicht beim Hund, sondern am anderen Ende der Leine, nämlich beim Halter“, so Hoger weiter. Viele Halter können ihre Vierbeiner nicht richtig einschätzen oder deuten Signale falsch, ist sich die Fachreferentin sicher; weshalb für sie die wahre Ursache für Beißattacken nicht beim Tier zu suchen ist.

Der Hundeführerschein sieht vor, dass künftige Halter bereits vor Aufnahme eines Hundes einen Theoriekurs absolvieren, in welchem sie das notwendige Fachwissen über artgerechte Haltung und wichtige Aspekte wie Kommunikation und Bedürfnisse von Hunden erwerben. Anschließend folgt für Halter und Hund noch ein gemeinsames obligatorisches Praxisseminar an einer Hundeschule. Laut PETA kann ein solcher Nachweis sicherstellen, dass Menschen sachkundig mit einem Hund umgehen und deren Signale richtig deuten.

Absolvieren eines Hunde-Führerscheins wird belohnt

Seit Juli 2013 gilt im Bundesland Niedersachsen ein Hunde-Führerschein und ist für Hundehalter verpflichtend. Hier ereigneten sich laut PETA in den vergangenen drei Jahren nachweislich weniger Beiß-Vorfälle mit Hunden. Wer in Berlin einen Hund neu bei sich aufnimmt, ist seit dem 1. Januar 2017 verpflichtet, einen Hunde-Führerschein nachzuweisen.

Aber, künftige Hundehalter werden nicht nur in die Pflicht genommen, denn wer in München einen Hunde-Führerschein erfolgreich abgeschlossen hat, kann sich seit dem 1. Mai 2014 ein Jahr lang von der Hundesteuer befreien lassen. In Mannheim wird man als Hundehalter seit dem 1. Januar 2016 sogar zwei Jahre lang von der Hundesteuer befreit.

Laut PETA hat ein verpflichtender Hunde-Führerschein noch einen weiteren Vorteil: Er kann Menschen, die sich noch nicht ausführlich mit der Hundehaltung auseinandergesetzt haben, von einem eventuellen „Impulskauf“ abhalten. Jedes Jahr gelangen nämlich nach Angaben der Tierschützer rund 80.000 Hunde in deutschen Tierheimen, viele davon waren demnach „unüberlegt angeschafft“ worden.

Tierrechtler von PETA setzen sich gegen Speziesismus ein – eine Weltanschauung, die den Menschen als allen anderen Lebewesen überlegen einstuft.