Am Sonntagnachmittag spaziere ich zur Herzoglichen Orangerie, denn der Verein der Orangerie-Freunde öffnet die Pforten. Als ich den Saal betrete, finde ich keinen Sitzplatz. Und wie zwischen den herrlichen selbstgebackenen Kuchen entscheiden, die weggehen wie warme Semmeln?

Stadtschreiberin Gotha
Wenn die Orangerie-Freunde zu Kaffee und Kuchen einladen, dann bleibt selten ein Platz frei.© Dorothee Eva Herrmann

„Nimm alle“, zischt es von einer der Säulen herab. Herrjeh!

„Mehr als drei Stück gibt es nicht“, flüstere ich zurück, „was sollen die Leute denken?“

Freundlicherweise wird mir extra ein Tisch in einer Ecke aufgebaut. So kann ich den Süßdrachen heimlich füttern.

„Eigentlich wollte ich ja hier arbeiten“, flüstere ich.

„Babäten?“, sagt der Drache mit vollem Mund, „am Sonntag?“

„Autoren haben niemals frei“, seufze ich, verzweifelt und stolz zugleich, die übliche Freiberuflermischung.

Vor der Tür bildet sich eine Menschentraube um Matthias Hey, der uns in der barocken Anlage herumführen wird. Als alle das Lorbeerhaus wieder verlassen, kreist über den Palmen „mein“ Drache, mit einem Lorbeerkranz gekrönt.

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„Raus hier, Cäsar!“ schimpfe ich und wedele ihn mit meinem Schal hinaus. Wir finden die Gruppe im Kamelienhaus wieder, einem europaweit einzigartigen Neubau, aus Spenden realisiert.

Stadtschreiberin Gotha
Gothas Stadtschreiberin Dorothee Eva Herrmann hat die Orangerie-Freunde besucht und, begleitet von ihrem Drachen, an einer Kamelienführung mit Matthias Hey teilgenommen.© Dorothee Eva Herrmann | Illustration

Ob wir bereits einmal Kamelie getrunken hätten? Köpfeschütteln. Oh doch, werden wir eines Besseren belehrt, denn Camellia sinensis ist Grüntee. Ah ja! Der Drache nickt begeistert, denn den schüttet er literweise in sich rein. Wer den kocht? Dreimal dürfen Sie raten! „Wer nach Höherem strebt, sich mit Grüntee belebt“, sagt Balthasar dann stets, doch ich bleibe bei meinem geliebten Kaffee, basta!

Zurück zu den Kamelien. Zwar dezimierte vor ein paar Jahren ein Virus die Gothaer Bestände. Doch inzwischen ist ein Steckling der berühmten Pillnitzer Kamelie eingezogen sowie andere Schmuckstücke, die sich an historisch nachgewiesenen Sorten orientieren. Ein Hauch von herzoglicher Leichtigkeit, verbreitet mit nur zartem Duft und Farbenpracht! Und erstaunlich kühl ist es hier, die Kamelie braucht es nicht warm. Das steht ganz im Gegensatz zu meiner Person!

Aus einem Busch ragt eine lila Pfote, die sich eine Blüte schnappen will. Ich greife zu einem Stück Kuchen, welches ich für zu Hause eingepackt hatte und drücke es Balthasar ins Gesicht. Der Drache leckt sich nur genüsslich das Maul und sagt: „Na, na, du Kameliendame!“

Übrigens, am 26. April findet der nächste Kamelien- und Kaffeenachmittag statt, mit oder ohne Kuchenschlacht.

Dorothee Eva Herrmann ist Gothas Stadtschreiberin 2026. In ihren Kolumnen berichtet die Märchenschreiberin „DoroFee“ über sagenhafte Begegnungen in der alten Residenzstadt.