„Mein Leben ist ein schönes Märchen“, sagte Hans Christian Andersen. Wenn ich gefragt werde, ob ich mich eingelebt hätte (von Gothaern) und ob denn was los sei (von Freunden und Familie), lächele ich. Ob was los ist? Andauernd! Ich lebe in einem Märchen!

Sie wissen ja, wo ich bin, ist der Drache nicht weit, egal, wie eindringlich ich ihn warne, er muss seine schuppige Nase einfach in alles reinstecken! So auch in die zahllosen Veranstaltungen, die ich besuche.
„Eine Hans-Christian-Andersen-Lesung!“, rufe ich, nun bereits vor einigen Wochen.
„Der Dichter, der über das Däumelinchen geschrieben hat?“, fragt Balthasar. „Die hab ich fast mal gefressen! Aus Versehen natürlich!“
Vom Glück und Unglück eines Gänseblümchens
Der Freundeskreis der Stadtbibliothek öffnet die Türen und Herr Kehmeier berichtet, dass er bereits ungefähr 33-mal in Andersens Wohnhaus weilte. Die Schauspielerin Cora Chilcott trägt bekannte und unbekanntere Märchen des berühmtesten Dänen vor. Von einem Mistkäfer, denn niemand ist zu klein, nicht auch Großes zu vollbringen – oder das zumindest zu glauben! Von Feder und Tintenfass, die einander die Tinte missgönnen. Vom Glück und Unglück eines Gänseblümchens.
Kurz vor Ende fliegt der Hut vom Tisch und die Dänemark-Fahne wandert davon. Frau Chilcott singt routiniert weiter, während das Fähnchen durchs Winterpalais wedelt – ja, Sie ahnen es, in den Pfoten meines Drachens!
Hänsel und Gretel retten sich mit GPS
Eines anderen Abends bin ich eingeladen in die Villa Brehm am Arnoldiplatz zur Schreibgruppe. Diese wurde von einer meiner Vorgängerinnen, Agnes Hammer, gegründet und wortwerkelt bereits seit 15 Jahren! Unterwegs berichte ich Balthasar: „Sie verfassen gerade moderne Märchen!“
„Klingeling“, antwortet der Drache, „genau dein Ding!“
Und siehe da: Hans im Glück findet selbiges auf ungewöhnlichen Wegen, die Regentrude bekommt eine Umweltretterinnenrolle, Hänsel und Gretel finden per GPS ihren Weg und das dicke Ende kommt gewiss über die silberne Brücke … Balthasar, der sich vor der Terrassentür versteckt, kringelt sich vor Lachen. Als das nächste Thema besprochen wird, flüstert er: „Draaachengeschichten!“
Und tatsächlich, der Beschluss ist gefasst!
„Das hast du schön eingefädelt!“, sage ich später und knuffe ihn „und so uneitel!“ Balthasar grinst. Es beginnt zu tröpfeln. „Die Regentrude“, sage ich, „versaut uns gerade den Mai.“
Der Drache spannt seine Flügel auf, damit ich nicht nass werde, und sagt: „Regen bringt Pflegen! Aber das, das war mein Cousin, der Wolkendrache!“
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