Kommentar: Identitätsstiftung und Inspiration

Maria Hochberg über Familienforschung in Thüringen.

Maria Hochberg.

Maria Hochberg.

Foto: Sascha Fromm

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Es beginnt mit dem Fund alter Familienfotos, der Tagebücher des Großvaters oder der Liebesbriefe an die Urgroßmutter: Die Frage nach den eigenen Wurzeln packt im Laufe ihres Lebens viele Menschen.

Die Rekonstruktion von Familiengeschichten und Biografien kann eine Arbeit von Monaten oder sogar Jahren sein – schnell wird sie zur Lebensaufgabe. Immer tiefer steigt man ein in die faszinierende Welt vergangener Generationen, ihrer Lebensumstände und Alltagsrealitäten.

Es kann beispielsweise spannend sein, herauszufinden, dass man aus einer Künstlerfamilie stammt und selbst kreativ veranlagt ist.

So hält der Lebenslauf der Vorfahren nicht nur zahlreiche Inspirationen für den individuellen Lebensweg bereit, sondern kann auch offene Fragen zur eigenen Zukunft beantworten. Doch Identitätsstiftung ist nur ein Teil der genealogischen Forschung.

Menschheitsgeschichte war immer auch Migrationsgeschichte. Bis in die Gegenwart bewegen wirtschaftliche, soziale oder religiöse Gründe Einzelpersonen, aber auch ganze Familien und Ortsgemeinschaften, zur Auswanderung aus ihren angestammten Siedlungsgebieten. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, Vorfahren und Verwandte auf der ganzen Welt zu finden.

Die Genealogie kann dadurch nicht nur verloren geglaubte oder bisher unbekannte familiäre Beziehungen offenbaren, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur interkulturellen Verständigung leisten.

Dass die Familienforschung jedoch auch unschöne Erkenntnisse zutage fördern kann, ist nicht von der Hand zu weisen. Besonders bei der Aufarbeitung von Familiengeschichten in der NS-Zeit stoßen vielen Menschen auf historische Abgründe.

Doch das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Niemand ist für die Taten seiner Vorfahren verantwortlich – das Leugnen der eigenen Familiengeschichte ist in solchen Fällen der falsche Weg.

Stattdessen bietet die Genealogie ungeahnte Möglichkeiten der kritisch-historischen Aufarbeitung. So können wir in der Gegenwart aus den Fehlern früherer Generationen lernen und uns umso aktiver für eine bessere, gerechtere Zukunft einsetzen.

Was auch immer wir in unseren Nachforschungen herausfinden, eines sollten wir stets bedenken: Unsere Vorfahren sind die Menschen, denen wir unser Dasein verdanken.

Wenn sich auch nur einer von ihnen auf seinem Lebensweg einmal anders entschieden hätte, würde es uns heute womöglich nicht geben.

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