Tagung zum „Entjudungsinstitut“: Mitarbeiter blieben nach 1945 in evangelischer Kirche unbehelligt

Eisenach  Forscher aus ganz Deutschland referierten und diskutierten auf der Wartburg zu Geschichte und Rezeption des kirchlichen Antisemitismus

Bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939 bis 1945“ im Eisenacher Lutherhaus. Almuth Heinze (rechts) und Anna Fuchs-Merten spielten.

Bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939 bis 1945“ im Eisenacher Lutherhaus. Almuth Heinze (rechts) und Anna Fuchs-Merten spielten.

Foto: Peter Rossbach

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Mit einem aktuellen Appell zur konsequenten Aufarbeitung und Ächtung jeglicher Form von ideologischen wie theologischen Antisemitismus ist am Freitag auf der Wartburg eine dreitägige wissenschaftliche Tagung zu Geschichte und Nachwirkungen des berüchtigten „Entjudungsinstitutes“ in Eisenach zu Ende gegangen. Antijudaismus und Antisemitismus seien über mehrere Generationen wie Gift in den Körper der Kirche eingedrungen, die Entgiftung dauere lange und sei erst partiell gelungen, sagte der emeritierte Historiker und Direktor Emeritus am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, Hartmut Lehmann. Gewarnt wurde vor latentem Antisemitismus in Form von Israelfeindlichkeit.

Als Reaktion auf die antijüdischen Pogrome in der sogenannten Kristallnacht vom November 1938 hatten elf evangelische Landeskirchen 1939 das pseudowissenschaftliche „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ mit Hauptsitz in Thüringen eingerichtet. Erklärtes Ziel war es, Kirchengebäude, Bibel, Katechismen und Gesangsbücher von hebräischen Symbolen und Begriffen zu „säubern“. Wissenschaftler aus Deutschland und den USA stellten in Eisenach drei Tage lang ihre Forschungsergebnisse zu Wurzeln und Wirken des Institutes sowie zu dessen Akteuren vor. Dabei ging es vor allem um die Verstrickungen von Kirchenmitarbeitern in das NS-System. Nazitreue Protestanten sammelten sich damals unter dem Dach der Deutschen Christen.

Am Beispiel des Umgangs mit den Konzentrationslagern legte die Münchner Kirchenhistorikerin Rebecca Scherf dar, wie Kirche auch an und auf der Seite des nationalsozialistischen Staates stand und sich bis hinein in die KZ etwa bei der Seelsorge als dessen loyalen Partner verstand. Die Verfolgung, Inhaftierung und Ermordung von Pfarrern habe nach anfänglichen Protesten viele Geistliche in Passivität versetzt, die bis Kriegsende anhielt. Dirk Schuster, Professor für Christentum an der Uni Potsdam, belegte die aktive Regimetreue und antisemitische Instrumentalisierung von ,Religionswissenschaft‘ durch das ,Entjudungsinstitut‘.

„Grundmann war Nazi aus Überzeugung“

Thema des letzten Tagungstages waren die antisemitischen Haltungen der Institutsmitarbeiter sowie deren größtenteils verharmlosender Umgang mit den eigenen Verstrickungen nach 1945 in Ost und West. So habe sich beispielsweise der Jenaer Institutsleiter Walter Grundmann im Nachhinein als Opfer dargestellt und als jemanden, der lediglich in schwerer Zeit das Überleben des Christentums sichern und die Kirche gegen die Nazis verteidigen wollte. Anhand zahlreicher Zitate und Überlieferungen wies die US-amerikanische Antisemitismus-Forscherin Susannah Heschel jedoch nach, dass sich Grundmann als gottgesandter Propheten und aktiven Teil der Judenverfolgung verstand. „Grundmann war Nazi aus Überzeugung. Er war ein alter Kämpfer, der 1933 in NSDAP eintrat und sich mit dem SS-Abzeichen an der Jacke danach sehnte, zur Nazielite zu gehören“, sagte Henschel. Vieles an seiner Geschichte sei für sie absolut bestürzend und aufwühlend, so die Wissenschaftlerin. Wie er hätten sich nach 1945 die meisten Beteiligen in Schweigen gehüllt. Selbst da, wo Schuldbekenntnisse geäußert wurden, seien die Verbrechen gegen Juden ungenannt und die Beteiligung am „Entjudungsinstitut“ heruntergespielt worden. Die Existenz des Institutes blieb so viele Jahrzehnte weitgehend unbekannt.

Widerstände bei Erforschung des Institutes durch die Kirche

Ausführlich schilderte Henschel die Widerstände, auf die sie bis in die 1990er Jahre bei der Erforschung des Institutes auch in Thüringen stieß. Seitens der Thüringer Kirchenleitung habe man Anfang der 1990er von ihr ultimativ die Herausgabe aller Notizen und Informationen gefordert, verbunden mit der Drohung, ihr anderenfalls den Zugang zu Kirchenarchiven zu verwehren. „Theologie und Ideologie des Institutes lebten nach Krieg weiter, wurden sogar exportiert und unter anderem dazu benutzt, um die Apartheid in Südafrika zu rechtfertigen“, sagte Susannah Henschel.

Kirchenfeindliches Klima unter dem SED-Regime

Jochen Birkenmeier und Michael Weise vom Eisenacher Lutherhaus verwiesen in ihren Vorträgen darauf, dass sich Mitarbeiter des „Entjudungsinstituts“ nach dem Krieg auch in der damaligen sowjetischen Besatzungszone bzw. später in der DDR nicht nur nicht rechtfertigen mussten für ihr Tun, sondern vielfach weiter im kirchlichem Dienst tätig blieben. Ein Grund dafür sei das kirchenfeindliche Klima unter dem SED-Regime gewesen, das eine Aufarbeitung erschwerte. „Man war wenig erpicht darauf, an die Tätigkeit und Verantwortung erinnert zu werden und wollte keine Angriffsfläche bieten“, sagte Jochen Birkenmeier.

Zudem galten nach dem „Gesetz zur Überprüfung der Pfarrerschaft und der Verwaltung der Thüringer evangelischen Kirche“, kurz „Reinigungsgesetz“ vom 12. 12. 1945, Mitgliedschaften in NS-Organisationen nicht primär als belastend. Durchgängige Erklärungsmuster in den Stellungnahmen gegenüber den Spruchkammern, sei das apologetische Argument gewesen, man habe nur das Christentum retten wollen. Entlassen wurden nur wenige. Am Beispiel von Herbert von Hintzenstern, Mitarbeiter am „Entjudungsinstituts“ und Doktorand bei Walter Grundmann, zeigte Jochen Birkenmeier, dass sich an dessen Haltung bis in die 1990er Jahre so gut wie nichts änderte.

Antisemitische Angriffe ab 1950 im gesamten Ostblock

Hinsichtlich der Entwicklung des jüdisch-christlichen Verhältnisses nach 1945 in der DDR verwies die Siegener Theologin Veronika Albrecht-Birkner darauf, dass eine anfangs wohlwollende Haltung gegenüber den Juden im Osten Deutschlands schon ab 1950 durch antisemitische Angriffe im gesamten Ostblock abgelöst wurde. In Thüringen seien in den 1970ern von einzelnen Jugend- und Studentenpfarrern noch ohne Unterstützung der Kirchenleitung jüdisch-christliche Initiativen ausgegangen und 1987 schließlich ein Arbeitskreis Kirche und Judentum gegründet worden. Wichtiger Impulsgeber für die Annäherung war der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Raphael Scharf-Katz.

Sonderausstellung eröffnet

Im Rahmen der jüdischen Achava-Festspiele war am Donnerstagabend im Lutherhaus in der Wartburgstadt eine Sonderausstellung mit dem Titel „Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche ,Entjudungsinstitut‘ 1939 bis 1945“ eröffnet worden. Anwesend waren Vertreter der Landesregierung und der Jüdischen Landesgemeinde. Gewürdigt wurde dabei auch eine Ausstellung von Eisenacher Schülern, die das Thema bereits vor einigen Jahren in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte. Gäste der Eisenacher Tagung waren der neue Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, sowie dessen Vorgängerin Ilse Junkermann. Letztere sagte unserer Zeitung am Freitag, sie sei stolz darauf, wie sich ihre Kirche dem Thema „Antisemitismus“ wissenschaftlich und kritisch stelle. Als Bischöfin hatte sie die Aufarbeitung der Eisenacher Einrichtung maßgeblich begleitet und unterstützt.

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