Die Einsamkeit der toten Nachbarin – Ein trauriges Bild der Corona-Pandemie

Weimar.  Es ist für mich, in meinem Umfeld, das mit Abstand traurigste Bild der Corona-Pandemie: die Wäsche auf dem Balkon einer alten Nachbarin, nur drei Eingänge weiter.

Blick auf den Balkon der toten Nachbarin.

Blick auf den Balkon der toten Nachbarin.

Foto: Sibylle Göbel

Am Morgen des 6. April hat Frau J. sie aufgehängt. Akkurat wie immer, die kleinen Teile nach vorn, die großen nach hinten. Am Ende dieses Tages aber war die alte Nachbarin tot. Ganz plötzlich ist sie in ihrer Wohnung verstorben – und es fiel nur deshalb sofort auf, weil ihre Hündin ununterbrochen bellte. Noch am gleichen Abend wurden der Pudel und sein totes Frauchen abgeholt. Das Problem: Ich habe dieses Foto erst jetzt aufgenommen, fast drei Monate später. Noch immer hängt die Wäsche draußen auf der Leine. Niemand hat sich ihrer angenommen, und auch niemand bislang die Wohnung ausgeräumt, in der Frau J. viele Jahre allein lebte.

Jeder im Viertel kannte sie, weil sie mehrmals täglich mit ihrem Hund Gassi ging, so sehr ihr auch die Knie zu schaffen machten. Und egal auch, wie das Wetter war. Frau J. drehte unerschütterlich ihre Runden, wobei sie gern kurz anhielt, um mit diesem oder jenem Passanten ein Schwätzchen zu halten. Meist bloß über das Wetter, selten über ihre gesundheitliche Malaisen, eher noch über die ihrer in die Jahre gekommenen und etwas zu gut genährten Hundedame.

Nachbarin wollte offenbar keinem zur Last fallen

Als die Corona-Krise kam und die Menschen mit Hamsterkäufen begannen, schien das Frau J. extrem zu verunsichern. Sie wirkte, wenn sie angesprochen wurde, ängstlich und verwirrt. Einige haben ihr – auch vorher schon – Hilfe etwa bei den Einkäufen angeboten. Denn seit sie sich vor einigen Jahren von ihrem Auto getrennt hat, erledigte die Nachbarin das Einkaufen mit einem Hackenporsche. Das hat sie sichtlich angestrengt, zumal sie den Hund währenddessen allein in der Wohnung lassen musste. Aber sie nahm so gut wie nie Hilfe an, wollte offenbar keinem zur Last fallen. Selbst die großen Fenster ihrer Wohnung putze sie, auf der Klappleiter stehend, noch selbst. Ein einziges Mal, Mitte März, durfte ich für sie eine kleine Besorgung erledigen. Das war unsere vorletzte Begegnung: Als ich klingelte und sie öffnete, schoss sofort ihr Hund aus der Wohnung und bellte mich vom Treppenabsatz aus an. Sie selbst war dankbar, dass ich ihr die Lauferei abgenommen hatte.

Als ich sie danach noch einmal auf der Straße sah, nickte sie mir nur kurz zu. Sie sah eingefallen und blass aus, ging einfach wortlos weiter. Wenige Tage später war sie plötzlich tot, wobei ihr Tod nicht in erster Linie etwas mit dem Virus zu tun hat, das die Menschen für Wochen in ihre Wohnungen verbannte und auf sich selbst zurückwarf. Indirekt aber vielleicht doch: Denn obwohl sie ans Alleinsein gewöhnt war, schienen die allgemeine Verunsicherung, die plötzlich leer gefegten Straßen, die Abschottung Frau J. in besonderem Maße zuzusetzen. Womöglich hat sie sich, selbst gesundheitlich angegriffen, aus Angst vor einer Infektion auch nicht zum Arzt getraut.

Keine Trauerfeier und keine Anzeige in der Zeitung

Es gab keine Trauerfeier und keine Anzeige in der Zeitung. Niemanden, der sichtbar um sie trauert, für Frau J. eine Blume niederlegte oder ihren Angehörigen eine trostspendende Karte schrieb. So einsam sie zuletzt im Leben war, so einsam ist sie auch im Tod. Wobei: Ob sie sich wirklich einsam fühlte oder gut mit dem Alleinsein zurechtkam, das wissen wir natürlich nicht. Ich habe mit ihr nie darüber gesprochen. Geklagt hat sie jedenfalls nie.

Ein April, so schön wie kaum einer vorher, ist vorübergegangen, ebenso der Mai mit teils extrem kalten Nächten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten. Der Wind hat Frau J.s Wäsche gezaust, die kleinsten Teile vielleicht schon fortgeweht. Irgendwann, wenn es – wie in solchen Fällen üblich – einen Nachlasspfleger gibt und der Vermieter die Wohnung räumen darf, werden die Textilien vom Balkon verschwunden sein. Genauso wie Frau J. und ihr Hund verschwunden sind. Leise, aber eben doch nicht unbemerkt.

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