Vier Frauen und ein Idol

Weimar  Das Klenke-Quartett widmet seine „Auftakt“-Konzertreihe dem Komponisten Ludwig van Beethoven ganz allein.

Yvonne Uhlemann, Annegret Klenke, Ruth Kaltenhäuser und Beate Hartmann (von links) bilden seit mehr als einem Vierteljahrhundert das Klenke-Quartett.

Yvonne Uhlemann, Annegret Klenke, Ruth Kaltenhäuser und Beate Hartmann (von links) bilden seit mehr als einem Vierteljahrhundert das Klenke-Quartett.

Foto: Irene Zandel

Auf Reisen befindet sich derzeit noch das Weimarer Klenke-Quartett. Doch pünktlich zum Auftakt ihrer gleichnamigen Konzertreihe am Sonntag auf Schloss Ettersburg sind die vier Frauen zurück. Dienstagmorgen erreichten wir die Primaria Annegret Klenke auf der Zugfahrt kurz hinter der österreichischen Grenze; am Vorabend hat das Quartett im slowenischen Maribor sein Bauhaus-Programm musiziert. Abends in Wels mit dem alten Weimarer Freund und Pianisten Daniel Heide – und schon widmen sich die Frauen dem nächsten Jubilar: Ludwig van Beethoven.

Dessen 250. Geburtstag am 16. Dezember 2020 wird in dieser Spielzeit kräftig vorausgefeiert; gilt doch der Bonner „Titan“ als Meister des Streichquartetts schlechthin. Alle 16 plus „Großer Fuge“ haben die Vier sich nicht vorgenommen. Diese Arithmetik wäre in sechs Weimarer „Auftakt“-Konzerten auch nicht zu schaffen. Stattdessen nähern sich die Klenkes dem Klassiker aus multiplen Perspektiven mit harmonischer Lust und dialektischem Eifer. „Wir wollen ihn dem Publikum mit allen Sinnen zugänglich machen“, sagt die Gei­gerin.

„Beethoven sprechen“ heißt es daher jetzt zur Sonntagsmatinee im Gewehrsaal, und außer Peter Gülke, dem Dirigenten, Musikwissenschaftler und Pädagogen, ist ein unsichtbarer Sechster zu Gast: Goethe. Diesen bringt Gülke mit, er ist ja als Vulpius-Nachfahre mit dem „Ur-Schwager“ gleichsam verwandt und wird dessen minutiöse Auffassung, was ein Quartett sei, trefflich zu erläutern verstehen: „Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Discursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen.“ Auf dem Programm stehen das frühe B-Dur-Quartett op. 18/6 aus der Bonner Zeit und das 2. Rasumovsky-Quartett op. 59/2 aus Wien.

Weiter geht’s im November mit „Beethoven sehen“, anschließend darf man ihn fühlen, treffen, spielen und feiern. Mal ist die Musikwissenschaftlerin Julia Ronge aus Bonn zu Gast, um anhand von Skizzen und Autografen zu veranschaulichen, wie der Komponist arbeitete, mal bringt der Musikpädagoge Raphael Amend im Kinderkonzert den jungen Hörern das Harfenquartett nahe. „Er stellt es mit ganz einfachen Mitteln den Kindern vor“, sagt Klenke. „Danach hören sie ganz anders.“

Beim Stichwort „Treffen“ im Januar steht die einzige persönliche Begegnung zwischen Goethe und Beethoven 1812 in Teplitz im Zentrum. Dem ambivalenten Verhältnis der beiden forscht Jochen Golz, langjähriger Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, nach. Im März verhilft Camilla Köhnken am Hammerflügel den hiesigen Hörern zu dem seltenen Genuss des C-Dur-Klavierquartetts WoO 36/3, und zum Abschluss im Mai kommen der Bratscher Harald Schoneweg und das Auryn-Quartett, um mit den Klenkes gebührend zu feiern: mit dem C-Dur-Quintett op. 29 und Mendelssohns Streichoktett op. 20.

Aus allen Beethovenschen Schaffensperioden haben die Klenkes ihr Repertoire ausgewählt: aus der frühen, in der man den Haydn-Schüler die Form mit eigener Handschrift ausloten hört, aus der mittleren, in der er mit aller Finesse und Komplexität den dialektischen Streit in vierstimmigem Selbstgespräch übt. Aber auch aus der rätselhaften späten: „Selbst wenn man jahrelang darin forscht, findet man immer wieder was Neues“, gesteht Annegret Klenke. „Es ist eine nicht enden wollende Entdeckungsreise.“

Das Tourneeprogramm der vier Frauen ist diese Saison vor allem mit Terminen in Deutschland gespickt. Im November geben sie ihr Debüt in der Elbphilharmonie.

Sorgen macht sich Annegret Klenke nur um die große Reise in den Iran. Ob dort Ende Oktober die deutsche Kulturwoche in Shiraz stattfinden kann, sei angesichts der politischen Lage recht fraglich.

Sonntag, 29. September, 11 Uhr Schloss Ettersburg. Tickets und Informationen unter der Telefonnummer 03643/7450 oder im Internet unter www.beethoven-erleben.de

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