Werden Hinweise zu gewaltbereiten Fußballfans von Thüringer Fußballvereinen ignoriert?

Erfurt/Jena  Stadionverbote erneut im Fokus: Das Ministerium ist der Meinung, dass die Vereine die Möglichkeiten nicht umsetzen. Der FCC-Sprecher nennt die Vorwürfe „schlicht unzutreffend“. Bei RWE ist phasenweise niemand für das Thema zuständig.

Beim Spiel gegen Chemie Leipzig wurde im Erfurter Fanblock Pyrotechnik gezündet.

Beim Spiel gegen Chemie Leipzig wurde im Erfurter Fanblock Pyrotechnik gezündet.

Foto: Sascha Fromm

Ein Satz wie ein Donnerschlag für den Thüringer Fußball: „Es ist jedoch festzustellen, dass die im Rahmen von Fußballspielen erfassten Straftaten nahezu konstant blieben und die Vereine die Möglichkeit, gegen bekannte Straftäter Stadionverbote auszusprechen, nicht entsprechend umsetzten.“

Eigentlich sollte sich bei der Zahl der Straftaten ein anderes Bild ergeben. Denn waren 2016 noch 19 Personen aus Thüringen mit einem bundesweiten Stadionverbot belegt, sind es aktuell fünf. Zwei betreffen Anhänger von Rot-Weiß Erfurt, drei des FC Carl Zeiss Jena. Ein Stadionverbot gegen einen Fan von Wismut Gera existiert auf lokaler Ebene. All das dokumentiert das Thüringer Innenministerium in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Raymond Walk, die dieser Zeitung vorliegt – und wirft unweigerlich die Frage auf: Ignorieren die höherklassigen Fußballvereine in Thüringen die Hinweise der Polizei zu gewaltbereiten Fußballfans?

85 Empfehlungen der Thüringer Polizei

Aus Sicht des Innenministeriums könnten Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena konsequenter gegen gewaltbereite Fans vorgehen. 85 Empfehlungen für Stadionverbote hat die Thüringer Polizei zu Jahresbeginn 2018 an die Vereine herangetragen. Umgesetzt wurde seither genau eines, das – zur Bewährung ausgesetzt – nicht in Kraft trat. Die Voraussetzungen für bundesweite Stadionverbote waren, heißt es in dem Papier, in allen 85 Fällen gegeben. Denn gegen die Personen liefen jeweils Ermittlungsverfahren. In der Richtlinie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten werden in Paragraf 4 Absatz 3 insgesamt 21 Punkte aufgezählt, die zum Aussprechen eines bundesweiten Stadionverbotes führen sollen – zum Beispiel Straftaten gegen Leib und Leben, aber auch Abbrennen von Pyrotechnik.

FCC-Sprecher Andreas Trautmann weist die Vorwürfe, dass seit 2018 kein Stadionverbot ausgesprochen worden sei, als „schlicht unzutreffend“ zurück. Beim Fußball-Viertligisten Rot-Weiß Erfurt ist nach der Insolvenzanmeldung im Bereich der Zuständigkeit für die Stadionverbote offenbar einiges durcheinander gegangen.Der Sicherheitsbeauftragte des Vereins, David Ehrhardt, erklärte, dass es eine Phase gab, „in der niemand für das Thema zuständig war“. Die Antwort des Innenministeriums legt nahe, dass das nach wie vor so ist: Beim Erfurter Verein gebe es „keinen Stadionverbotsbeauftragten und keine Stadionverbotsanhörkommission“. Das, sagt Ehrhardt, sei nur „für eine kurze Phase nach der Insolvenzanmeldung“ zutreffend. Jetzt sei das aber geklärt.

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