Aufarbeitung von Fußball-Randale in Jena stockt

Jena.  Im Mai 2019 kam es beim Spiel gegen 1860 München zu heftigen Ausschreitungen. Das Ministerium verteidigt die Ermittlungen.

Im Vorfeld des Spiels des FC Carl Zeiss Jena gegen den  1860 München kam es im Mai 2019 am und vor dem Ernst-Abbe-Sportfeld zu Auseinandersetzungen zwischen Jenaer Fans und der Polizei, die auch Wasserwerfer einsetzte. Kritik gab es damals auch am Vorgehen der Beamten.

Im Vorfeld des Spiels des FC Carl Zeiss Jena gegen den 1860 München kam es im Mai 2019 am und vor dem Ernst-Abbe-Sportfeld zu Auseinandersetzungen zwischen Jenaer Fans und der Polizei, die auch Wasserwerfer einsetzte. Kritik gab es damals auch am Vorgehen der Beamten.

Foto: Christoph Worsch via www.imago-images.de

Begeisterte Fußballfans werden von diesem 18. Mai 2019 ihren Enkeln noch erzählen. Vor allem jene, die Anhänger des Drittligisten FC Carl Zeiss Jena sind. Denn: Sportlich krönt dieser Tag eine einzigartige Aufholjagd, mit der sich die Fußballer am Ende den Verbleib in der 3. Liga durch einen 4:0-Heimerfolg über 1860 München gesichert haben.

Der Tag wird noch aus anderer Sicht lange für Gesprächsstoff sorgen. Denn es werden seither unzählige Ermittlungen durch die Polizei geführt und auch im Thüringer Landtag hatten sich Mitglieder des Innenausschusses mehrfach mit dem Spiel zu befassen – besser gesagt: Mit den Vorfällen, die stattgefunden haben, bevor der Ball rollte.

Polizei geht mit „harter Hand“ vor

Bilder von Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei haben sich eingebrannt. Klar: Zumindest national waren sie in den darauffolgenden Tagen auf jedem Bildschirm zu sehen. Deutlich wurde auch, dass die Polizei mit „harter Hand“ vorgegangen ist, was allein schon der Einsatz des Wasserwerfers dokumentiert.

Mehr als ein Jahr später stockt die Aufklärung allerdings. Das hat eine mündliche Anfrage der Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss (Linke) schon in der Mai-Landtagssitzung deutlich gemacht. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) sprach von 157 im Zusammenhang mit dem Fußballspiel geführten Verfahren. Fünf richteten sich gegen Polizeibeamte. Die Bilanz nach einem Jahr: Vier der fünf Verfahren gegen Polizisten sind eingestellt. Bei den übrigen Ermittlungsverfahren sind 148 noch offen – obwohl die Untersuchungen längst als abgeschlossen gelten.

Und hier beginnt die Kritik: „Nicht unweigerlich kommt die Vermutung auf, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.“ So wird es in einer aktuellen Mitteilung der Blau-Gelb-Weißen Hilfe formuliert. Sprich: Fußballfans hätten aus Sicht der Fans einen wesentlich strengeren Umgang zu erwarten, als Polizeibeamte.

Landtagsabgeordnete kann Kritik der Fans nachvollziehen

Innenpolitikerin Katharina König-Preuss (Linke) vermag dieser Sichtweise nicht zu widersprechen. Die Landtagsabgeordnete aus Jena sagt auf Anfrage: „Die Kritik der Fanhilfe kann ich nachvollziehen.“ Sie geht aber noch einen Schritt weiter und sieht in den Ermittlungen ein offenbar strukturelles Problem, das aus ihrer Sicht eine Begründung für das gestörte Vertrauensverhältnis zwischen Jenaer Fanszene und Polizei darstellt. „Dieselbe Arbeitsgruppe der LPI Jena, die über 150 Ermittlungsverfahren gegen die Fanszene führt, bekam die Ermittlungen wegen Körperverletzung im Amt gegen fünf Polizeibeamte übertragen“, sagt König-Preuss. Sie spricht von einem offenkundigen „Interessenskonflikt“. Der trete schon zu tage, wenn Beamte gegen Beamte ermitteln müssen, im Fall Jena „wird es richtig problematisch“, wenn das sogar Beamte der eigenen Dienststelle seien, die gegen ihre Kolleginnen und Kollegen die Untersuchungen führen.

Die so in den Fokus gerückte Landespolizeiinspektion Jena lässt sich auf Anfrage dieser Zeitung zur Kritik an ihrer Ermittlungsarbeit nicht ein. Sie gibt lediglich die bereits aus der Landtagssitzung bekannten Zahlen zu den Verfahren wider. Dass Beamte der LPI Jena gegen die eigenen Kolleginnen und Kollegen ermittelt hätten, wird in einem kryptischen Satz indirekt bestätigt. Eine Sprecherin teilt mit: „Die Bearbeitung erfolgte weisungskonform nach Abstimmung mit den entscheidungsbefugten Stellen und unter Berücksichtigung der dienstlichen Stammdienststellen der beschuldigten Beamten durch die LPI Jena.“ Aus dem Thüringer Innenministerium heißt es auf Anfrage dazu, dass das möglich gewesen sei, weil die betreffenden Beamten allesamt der Bereitschaftspolizei angehört hätten.

Innenministerium gibt sich wortkarg

Wie geht es jetzt aber weiter mit der Aufarbeitung? Katharina König-Preuss kündigt gegenüber dieser Zeitung an, dass die nächste „Kleine Anfrage“ an die Landesregierung auf dem Weg sei. Das Thüringer Innenministerium gibt sich eine Woche nach einer entsprechenden Anfrage dieser Zeitung wortkarg. Die Kritik der Fanhilfe kenne man nicht. „Unbenommen dessen werden die einzelnen Ermittlungsverfahren mit der gebotenen Sorgfalt und in enger Abstimmung mit der zuständigen Staatsanwaltschaft bearbeitet.“

Die Fanhilfe aus Jena ist es übrigens gewesen, die zunächst dafür gesorgt hat, dass überhaupt eine Aufarbeitung ins Rollen gekommen ist. 30 anonyme Berichte von Augenzeugen wurden dem Innenausschuss zugeleitet und deren Protokolle Monate später wohl auch bei einer Hausdurchsuchung gesucht. Einzig, heißt es in der aktuellen Mitteilung, angefragt zu den Protokollen wurde die Fanhilfe selbst nie.

Staatsanwaltschaft verfügt nicht über Daten

Juristisch wird der 18. Mai 2019 so schnell überdies nicht zu den Akten gelegt werden können. Denn die zuständige Staatsanwaltschaft Gera kann derzeit überhaupt keine Aussage darüber treffen, wann und in welcher Form die übrigen 148 Verfahren überhaupt eröffnet oder abgeschlossen werden. Ein Sprecher der Behörde erklärt gegenüber dieser Zeitung, er könne über die Zahl der bei der Staatsanwaltschaft Gera anhängigen und noch nicht abgeschlossenen Verfahren zu diesem Komplex nichts aussagen. Gleichwohl ergänzt er, dass die „Aussagekraft dieser Zahl verschwindend gering“ sei, weil weder klar ist, wann die Akten der Anklagebehörde zugegangen sind noch, ob diese weiterführende Ermittlungen eingefordert hat.