Debes‘ Zwischenruf: Dit is jut

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Martin Debes über das Wandern.

Das ländliche Brandenburg gilt manchen als griesgrämiger Appendix von Berlin und Potsdam, als eine zuweilen hübsche, aber doch insgesamt langweilige Ansammlung von Sand, Kiefern und Wasserstellen, zwischen denen sich DDR-graue Dörfer zuverlässig entvölkern, sodass in ihnen schlussendlich nur Alte, Minderbemittelte und Neonazis übrig bleiben.

Dieses Stereotyp ist, wie es Stereotypen so an sich haben, nicht gänzlich falsch, aber doch überwiegend arrogant und dumm. Es sagt mehr über jene, die es pflegen, als über jene, auf die es zutreffen soll.

Sowieso stehen Vorurteile stets in ihrer Tradition. Lange bevor Preußen als Lexikoneintrag für kriegslüsterne Deutschtümelei endete und Brandenburg für 40 Jahre auf der falschen Seite der Geschichte landete, wurden die dort wohnhaften Menschen zur Inkarnation des Provinzlers, Zurückgebliebenen und Abgehängten herabgelächelt, während sich die zugehörige Landschaft bestenfalls für einen sommerfrischen Ausflug eignete.

Im Vorwort zur zweiten Auflage seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schrieb der eingeborene Theodor Fontane: „Wer in der Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu ‚Land und Leuten‘ mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muß den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche tot zu machen.“ Es ist ein Satz, der sich, einschließlich des schönen Wortes „krittlich“, ohne Umstände ins Heute übersetzen lässt.

Und so machte sich Cornelius Pollmer auf nach Brandenburg, um dort, wo andere bloß noch Schlechtes vermuten wollen, mit der nötigen Liebe das Gute zu finden. Er nahm sich dafür eigens frei von seiner Redakteursanstellung bei der Süddeutschen Zeitung, für die er Texte über seine zunehmend schwierige Heimat Sachsen und den zunehmend schwierigen Rest des Beitrittsgebietes verfasst.

Seine Wanderungen begannen selbstverständlich in Neuruppin, wo Fontane vor nunmehr 200 Jahren zur Welt kam, ein Mann im Übrigen, der nie wirklich wusste, was er zuerst sein wollte, Journalist oder Schriftsteller - der aber, im angenehmen Unterschied zu den meisten anderen Angehörigen dieser prekären Doppelzunft, das Beste aus beidem zu machen verstand.

Dies lässt sich auch über Pollmer behaupten, dessen neues Buch eine kluge, sympathische und komische Mischung aus Dokumentation, Bildungsroman und Essaysammlung ist. Der Wanderer folgt Fontane, und er folgt ihm nicht. Er durchleidet Bustouren nach Wustrau, er betrinkt sich mit Troppi nebst der Dorfjugend auf dem Reiterball im spreewäldischen Werben, und er besucht den aktuellen Freiherr von Knesebeck, der unweit seines Schlosses in Karwe eine Hundepension betreibt, in der ein Parson Terrier Russell namens Paul, der Iris Berben gehörte, eben erst verstorben ist. Er lernt, dass sich mit „Dit is jut“ und „Dit is nich jut“ das brandenburgische Universum umfassend einordnen lässt, dass bestimmte Seen bevorzugt splitternackt zu erfahren sind und dass es manchmal einen wie Schniepa braucht, um sich ganz und gar fallen zu lassen.

Mit der DDR ging die Enge, aber auch die Ruhe

Wenn der Wanderer müde ist, klopft er mitunter an eine Tür, hinter der dann Gabi wohnt, die ihren Reinhard Schnuffelchen nennt und die davon erzählt, wie sie beide nach 1990 ein Geschäft für Haushaltsgeräte eröffneten, das so lange gut lief, bis das Internet kam, weshalb sie jetzt nicht wissen, wie lange ihnen noch das Haus gehört.

Bei solchen Gelegenheiten kondensiert Cornelius Pollmer die ostdeutsche Wirklichkeit in so etwas wie Wahrheit: „Die DDR verging. Mit ihr ging die Enge, ja, aber auch die Ruhe und eine Armut an Möglichkeiten, die bereichernd sein kann. Weil sie zwangsweise Raum für Wesentliches lässt, Freunde, die Familie, Gespräche. Die neue Welt brach auf. Mit kam die Freiheit, ja, aber auch eine Dynamik, die etwas Bedrohliches in sich trug, im Kleingedruckten ihrer Allgemeinen Geschäftsbedingungen.“

Eine andere seiner klugen Beobachtungen lautet: „Es gibt eine hinderliche Bescheidenheit im Osten, die über ein gesundes Charaktermaß hinausgeht.“ Und weil dies so ist, sei in Vertretung des beschämten, mit dem Kolumnisten bekannten Wanderers dreist empfohlen, das kürzlich im Penguin-Verlag erschienene Buch „Heut ist irgendwie ein komischer Tag“ zu erwerben. Es zählt 240 Seiten, besitzt einen strandfesten Hardcovereinband und kostet 20 Euro.