Zwischenruf: Der G 2000 FSB und der Sozialismus

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Martin Debes Foto: Marco Kneise

Martin Debes Foto: Marco Kneise

Foto: Marco Kneise

Martin Debes über seine kurze und erfolglose Karriere als Bandarbeiter.

Der real existierende Sozialismus war voller Vielfalt. Es gab Vita-Cola, Club-Cola und Korn-Cola. Es gab Trabant, Wartburg und Lada. Es gab Marx, Engels und Lenin.

Es gab Ferienlager, in denen wir in maroden Baracken unsere erste Liebe erlebten, und es gab Wehrlager, in denen wir mit voller Montur, Gasmaske und ungeladener AK 47 den Berg hinaufrannten und danach unter Absingen schmutziger Lieder wieder hinuntermarschierten.

Und es gab die „Lager für Arbeit und Erholung“, die Ferienvariante von PA (Praktische Arbeit) und ESP (Einführung in die sozialistische Produktion). Ich zum Beispiel durfte einige Sommerwochen der DDR-Dämmerung im VEB EGS verbringen. Für Zugezogene und Nachgeborene: im Volkseigenen Betrieb Elektrogerätewerk Suhl, der zusätzlich die Bezeichnung Kombinat trug, weil noch etliche andere Betriebe dazugehörten.

Dort wurde zentral und fünfjahresgeplant produziert, was der Arbeiter- und Bauernstaat an Staubsaugern und Föhnen benötigte. Mein Arbeitsplatz für den Frieden befand sich am Band, an dem der AKA Electric G 2000 FSB entstand, ein Grillgerät, in dem später sozialistisch gefestigte Persönlichkeiten ihren Broiler, den Schaschlik oder auch nur das Zonentoast Hawaii (Salami statt Schinken, Apfel statt Ananas) zubereiten konnten.

Am Ende wurde wahrscheinlich darin trotzdem Ananas gegrillt. Der Großteil der Produktion, das erzählte die werktätige Bevölkerung, ging an den Klassenfeind im Westen. Ohne sogenannte Beziehungen war bei uns ein G 2000 FSB so schwer zu bekommen wie ein Bravo-Starschnitt von Nena.

Ich wusste damals, mit 15, nicht viel von Staatssicherheit oder politischen Gefangenen. Wenn ich Scherereien mit der Obrigkeit bekam, dann nicht, weil ich kein guter Pionier sein wollte, sondern weil ich immerzu sprechen und widersprechen musste, eine Eigenschaft, mit der ich heute noch meine armen Mitmenschen nerve.

Ich fand, weil ich es so gelernt hatte und noch jung genug war, die Idee vom Sozialismus im Grunde gut. Nur demokratisch sollte er bitte sein, mit Wahl- und Reisefreiheit, vor allem aber mit Milka, Commodore 64 und BASF-Kassetten. Irgendwo zwischen DDR-Sozialismus und BRD-Kapitalismus musste es doch diesen geheimnisvollen, in Prag verschütteten dritten Weg geben, in ein Land mit sicherer Arbeit, Tagesschau und Mallorca-Urlaub. Schließlich existierte ja auch im Westen eine Partei, die den Sozialismus im Programm hatte; nicht die DKP, die nahm selbst in der DDR keiner ernst, sondern die SPD. Sie schien wie ich zu finden, dass dieser Marx zumindest mit seiner Analyse einfach recht hatte. War nicht das PE an PM, das Privateigentum an Produktionsmitteln, der Kern allen kapitalistischen Übels? Und gab es nicht sogar in der westlichen Überflussgesellschaft, die sich soziale Marktwirtschaft nannte, Ausbeutung, Arbeitslosigkeit und Armut? Na also.

Das Dumme war nur, dass sich in der DDR die Praxis der Theorie verwehrte, dass die damalige Alternative für Deutschland so gar nicht funktionierte. Für diese Erkenntnis musste ich nicht einmal neugierig mit dem Moped an die Grenze des Sperrgebiets fahren und deshalb fast von einem rüden Vopo verhaftet werden. Ich musste auch nicht einem öligen Oberleutnant gegenübersitzen, der einem drei Jahre NVA-Kasernierung abverlangte, um das Abitur machen zu dürfen.

Nein, ich musste nur den G 2000 FSB montieren, der dann von Quelle unter Wert und anderem Namen für ein paar Westmark verhökert wurde. Das Band stoppte immer mal, weil etwas kaputt war oder wieder irgendein Teil fehlte. Aber so konnten wenigstens die Besitzer des Volkseigentums ihre stündliche Karo rauchen.

Selbstverständlich vermag der Kapitalismus eine sehr ungerechte Angelegenheit sein. Wird er nicht kontrolliert, eingehegt und gezähmt, setzt sich sein Urtrieb durch – und das ist die Maximierung des Profits, unter Ausbeutung von Menschen und Ressourcen.

Das Grundgesetz bietet hier, eigentlich, einen sehr vernünftigen Rahmen, freiheitlich, flexibel und fair. Es definiert Eigentum, auch das an Produktionsmitteln, als Grundrecht. Aber es verpflichtet gleichzeitig zu einem Gebrauch, der „dem Wohle der Allgemeinheit“ dient, was schon fast wie die DDR-Losung vom „Wohl des Volkes“ klingt. Und, falls das Allgemeinwohl verletzt wird, sind sogar Enteignungen zulässig, gegen Entschädigung, unter „gerechter Abwägung der Interessen“ und der Beachtung der Rechtsweges.

Dieses Prinzip klingt wirklich klug, jedenfalls im Vergleich zu dem, was die jüngere Zivilisationsgeschichte sonst so vorzuweisen hat, von Manchesterkapitalismus über Zwangskollektivierung bis hin zum VEB EGS. Man müsste es nur einhalten.

Und das ist das, was ich zum Kevin Kühnert der Woche zu sagen hätte.