Zwischenruf: Der letzte Sommer

Martin Debes über die Freiheit, die er meint.

Martin Debes.

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Foto: Mediengruppe Thüringen

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Vor 30 Jahren, im August 1989, durften mein Vater, meine Mutter und meine Schwester in die BRD reisen. Die Westoma, schon jenseits der 60, heiratete ihren langjährigen Freund: Dieser Anlass erschien den staatlichen Organen ausreichend genug, um 75 Prozent meiner Familie die Westreise zu gestatten. Wir vermochten es kaum zu glauben.

Ich jedoch musste daheim bleiben, obwohl ich natürlich auch einen Reiseantrag gestellt hatte. Wir alle ahnten, dass ich das 17-jährige Pfand war, aber ein bisschen Nölen wollte ich mir gönnen. Als also der amtliche Bescheid kam, ging ich zur Meldestelle der Volkspolizei und stellte die rhetorische Frage: Warum, bitte schön, sollte ich als Einziger hierbleiben?

Der Genosse Polizist antwortete: Weil ich noch nicht den Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee abgeleistet hätte. Was? Diese Logik, sagte ich darauf, erschließe sich mir eher nicht. Da wurde der Polizist amtlich: Das sei jetzt so entschieden, basta.

Es war der letzte Sommer der alten DDR. Im Garten der Prager Botschaft stapelten sich die stonewashvokuhilatragenden Ossis, die damals noch Zonis hießen, während die Blickigen gleich mit ihren Trabbis gen Ungarn weiter knatterten, um des Nachts nach Österreich rüber zu machen.

Jeder spürte, dass sich gerade etwas grundlegend veränderte. So wie der Volkspolizist in der Meldestelle geriet der ganze Staat in die Defensive und wirkte dabei, ja: ungewohnt hilflos.

Doch trotz aller Auflösungserscheinungen blieb ich vorsichtig, auch mit pseudowilden 17. Den Stabü-Lehrer fertigmachen, weil er nicht wusste, wie er das „Sputnik“-Verbot begründen sollte: Das war das eine. Den Staat offen angreifen, dessen Existenz ich im Übrigen gar nicht infrage stellen wollte: Das andere.

Ich hatte in der DDR gelernt, dass es Möglichkeiten gab, meine (oft arg unreflektierte) Meinung kundzutun, in der Familie, unter Freunden. Und ich hatte gelernt, dass es besser war, diese Meinung nicht in der Schule zu sagen, wenn man, zum Beispiel, noch sein Abitur machen wollte.

Eine dieser Meinungen hatte ich von meinem Vater geklaut, sie war eine der sympathischeren Illusionen der neueren Menschheitsgeschichte: Es musste, irgendwo da draußen, diesen demokratischen Sozialismus geben, mit Wahl-, Meinungs- und, das vor allem, Reisefreiheit, aber ohne Arbeits- und Obdachlose.

Aber diese Meinung behielt ich zumeist hübsch für mich. Denn selbst in der kommodesten Phase der kommoden Diktatur, welche die DDR für die meisten ihrer Insassen war, überwog die Angst vor dem, was geschehen könnte. Und es geschah ja auch.

Am 7. Oktober, nach der FDJ-Fete zum sogenannten Republikgeburtstag, bildete sich eine Demonstration, die ich, mit Hormonen und Restalkohol geschwängert, mopedschiebend begleitete. Als ich die Polizisten sah, wie sie mit ihren W50 warteten, drehte ich schnell ab. Die Gummiknüppel durften andere spüren.

Es war eben, kommod hin oder her, eine Diktatur, auch wenn es ordentlichen Matheunterricht gab, dazu Polikliniken und Kindergärten - und Konsumgummibrötchen für fünf Pfennige das Stück. Da sollte man sich, bei allem, was tatsächlich oder angeblich nicht schlecht war, nichts vormachen.

Auch in dem Land, in dem ich seit fast 30 Jahren lebe, gibt es trotz allem Wohlstand schwer zu ertragende Ungerechtigkeiten, gerade in dem Teil, der damals beitrat, anstatt wiedervereinigt zu werden. Aber es ist keine Diktatur, sondern ein freie, offene Gesellschaft - freier und offener jedenfalls, als es die DDR je war.

Es ist ein Land, in dem jeder seine Meinung äußern kann, und in dem jeder, auch das will gelernt sein, andere Meinungen ertragen muss. Zuweilen, das stimmt, laufen auch hier manche Debatten nach dem unguten Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber niemand wird deshalb eingesperrt oder bekommt seinen Abschluss verwehrt. Sowieso vertut sich das nach einer Weile, weil Studenten revoltieren oder Parteien entstehen, die Grünen, die Linke oder die AfD. Das ist der Lauf der Demokratie.

Wenn also manch Alternativobere meinen, sie könnten so tun, als seien sie die letzten Bürgerrechtler, wenn sie vorgeben, sie hätten, obwohl sie aus NRW stammen, schon 1989 in der ersten Reihe gestanden, und wenn sie behaupten, dass es sich wieder so anfühle wie damals: Dann ist das von einer derart dreisten Lächerlichkeit, dass jeder, der trotzdem auf diesen unhistorischen Hokuspokus hereinfällt, mit mindestens einem SED-Parteilehrjahr bestraft werden sollte.

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