Zwischenruf: Die Spaziergänger von Gera

Martin Debes über ganz normale Bürger.

Martin Debes

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Foto: Andreas Wetzel

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Bürger Schmidt hatte für den vergangenen Samstagnachmittag – so wie bereits eine Woche zuvor – einen ganz „privaten Spaziergang an der frischen Luft“ durch seine schöne Heimatstadt Gera angekündigt. Natürlich, schrieb er fröhlich auf Facebook, fordere er niemanden auf, ihn zu begleiten. Aber: „Als freundlicher Mensch freue ich mich über jede nette Begegnung (brav mit gebotenem Abstand).“

Auf Facebook lässt sich auch nachlesen, dass Bürger Schmidt das, was gerade im Namen des Infektionsschutzes passiert ist, für ein großes Unrecht hält. Nur Schweden sei vernünftig mit der Corona-Pandemie umgegangen, schreibt er. Und Weißrussland.

Bürger Schmidt ist Unternehmer und Mitglied des regionalen CDU-Wirtschaftsrates, das ist ein der Union nahestehender Verein. Der Partei selbst gehört er aber nicht an. Sagt jedenfalls die Partei.

CDU oder nicht: Bürger Schmidt dürfte jedenfalls bekannt sein, dass Pegida ihre Dresdner Aufmärsche von Anbeginn „Spaziergänge“ nennt. Auch ist der Umstand, dass sein Aufruf im Netz von Leuten verbreitet wurde, die dort mit Rechtsradikalen und Reichsbürgern sympathisieren, kaum zu übersehen.

Ebenso offenkundig ist, dass die AfD für die Versammlung mobilisierte. Die Partei wirkt in Gera besonders stark, fast hätte sie den Oberbürgermeister gestellt. Wie schon in der Woche zuvor erschien also auch der Geraer Bürger Brandner, im Nebenberuf Bundestagsabgeordneter und Bundesvize der Partei, öffentlichkeitswirksam zum Spaziergang von Bürger Schmidt. Im Internet präsentierte er Videos und Fotos eines Infostandes, der eigens für aufklärungsbedürftige Spaziergänger in der Innenstadt errichtet worden war.

Anfangs hatte die AfD in ihrer Mehrheit die meisten Einschränkungen mitgetragen und später eher dazu geschwiegen. Vielleicht, man weiß ja nie, sorgten sich tatsächlich auch einige Vertreter der Partei ein wenig um ihre Omas.

Dann aber, als endlich die Stimmung in den bevorzugten Zielgruppen (männlich, mittelalt, maximal wütend) zu kippen schien, ließ sich endlich auch mit dieser Krise das anstellen, was Populisten, Extremisten und andere Scharlatane schon seit Ewigkeiten mit jeder ordentlichen Krise anstellen: Sie denken sich irgendwelche Schuldige aus, die vorgeblich lauter finstere, schädliche und volksfeindliche Absichten verfolgen – und bekämpfen sie dann mit großem Geschrei.

Gemäß dieser Logik der Unlogik wurde die Eurokrise von den gierigen Südländern, dem internationalen Finanzkapital und Juden wie George Soros genutzt, den deutschen Staat abzuwickeln. Die sogenannte Flüchtlingskrise diente vor allem dazu, die Islamisierung nebst Bevölkerungsaustausch durchzusetzen. Und die Corona-Krise wurde eingeleitet, um endgültig die Diktatur zu errichten.

„Wir als AfD fordern ein Ende der Willkür!“, rief der Landesvorsitzende Björn Höcke am Freitag im Landtag. Wer, wenn nicht seine Partei müsse die „Fackel der Freiheit“ hochhalten. Schon vorher hat er im Netz behauptet, dass Thüringen die Versammlungsfreiheit nur wegen des Ramadan wiedereingeführt habe.

Wer so drauf ist, den stört ein rationaler Gedanke nur. Dass kein Regierender, der wiedergewählt werden will, ein Interesse daran haben kann, sein Land in eine historische Rezession zu steuern: egal. Dass das öffentliche Leben in Deutschland nie so eingeschränkt war wie in Spanien, Italien oder Frankreich: Wen interessiert es. Dass seit Wochen eine Art unerklärter Wettlauf um die schnellste Liberalisierung läuft und dass in wenigen Tagen wieder fast alles geöffnet sein wird, was im März geschlossen wurde: Na und?

Der Wesenskern jeder Verschwörungstheorie ist die Abwesenheit der Vernunft. Je absurder die These, desto besser funktioniert sie; deshalb heißt der 45. US-Präsident auch so, wie er heißt.

Ob der Bürger Kemmerich über all das mal kurz nachdachte, bevor er am Samstag mit den Bürgern Schmidt und Brandner am sogenannten Spaziergang teilnahm und in seiner Funktion als FDP-Vorsitzender von Thüringen eine Rede hielt? Aber nein, sagte er später, nachdem sich seine halbe Partei von ihm distanziert hatte: Wie habe er denn wissen können, dass da die AfD mitlaufen würde.

Klar, man muss ihm das glauben. Schließlich konnte der arme Bürger Kemmerich ja schon am 5. Februar nicht ansatzweise ahnen, dass ihn die böse AfD zum Ministerpräsidenten wählen würde.

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