Zwischenruf: Plopp

Martin Debes spielt 1, 2 oder 3.

Martin Debes.

Martin Debes.

Foto: MGT

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Ich wage es ja gar nicht zu sagen, aber bis in mein Teenageralter hinein hatten wir daheim keinen Fernseher, weshalb ich, nachdem Jules Verne und „Die Söhne der großen Bärin“ dreifach ausgelesen waren, einfach das konsumierte, was in den Bücherregalen meiner Eltern herumstand, unabhängig davon, ob ich etwas davon begriff. Fernsehen, vor allem Westfernsehen, gab es bei Verwandten und daheim bei den Jungs, die ich, in verzweifeltem Optimismus, als meine Freunde bezeichnen wollte.

Wir schauten „Peter Pan“, „Colt Seavers“ und „Knight Rider“, oder die üblichen Nachmittagsshows für Kinder. Im ZDF war – natürlich insgeheim – „1,2 oder 3“ meine Lieblingssendung, die auf dem Kinderkanal bis heute durchzuhalten scheint. Der damalige Moderator war Michael Schanze, der es auch mit Singen und Schauspielern ausprobiert hatte, und den ich, auch insgeheim, besonders nett fand.

Das Ganze war eigentlich bloß ein Quiz zum Hüpfen. Es gab eine Wissensfrage und dann mussten sich die angereisten Schulklassen zwischen drei Lichtfeldern entscheiden. Der Dramatik halber blinkte es ganz aufgeregt, während die Kinder ebenso aufgeregt herumliefen und Schanze sagte: „1, 2 oder 3… Du musst Dich entscheiden, 3 Felder sind frei…“

Nachdem er rief, „Aufgepasst auf mein Plopp, denn Plopp heißt Stopp“, nahmen die Schüler ihre finale Position ein und Schanze erzeugte mittels Fingerschnippen aus der Mundhöhle das Plopp-Geräusch. Es folgten der Satz „Ob ihr recht habt oder nicht, sagt euch gleich das Licht“, Auflösung und Punkteverteilung.

Das Schöne an dem Spiel war, zu sehen, wie sich die Kinder beim Herumhüpfen gegenseitig beobachteten, um herauszufinden, wie sich die Mehrheit entscheiden würde. Denn die Mehrheit, so funktioniert ja auch der Publikumsjoker bei Günther Jauch, hat nicht immer, aber doch des Öfteren mal recht. Oder gar nicht.

Nun ist eine demokratische Wahl in einem deutschen Bundesland keine Quizshow, sondern eine ernste Angelegenheit. Aber dennoch ist es so, dass es an diesem Sonntag, um 18 Uhr, in Thüringen nach einigem Wählergehüpfe und Umfragengeblinke ganz laut Plopp machen wird. Danach sollten wir wissen, wie sich die vielleicht 1,2 oder 1,4 Millionen Menschen, die sich an der Landtagswahl beteiligen, sortiert haben. 1, 2 oder 3?

Variante 1: Es reicht noch einmal knapp für eine Mehrheit von Linke, SPD und Grünen. Voraussetzung dafür ist wohl, dass es die FDP nicht in den Landtag schafft; dann würden Rot-Rot-Grün wie vor fünf Jahren 46 Prozent der Zweitstimmen reichen.

In diesem Fall, und das ist keine Meinung, sondern eine Feststellung, dürfte alles eher leicht voran gehen. Noch am Wahlabend würden sich alle drei Parteien, in Kongruenz zu ihren Wahlaussagen, grundsätzlich zur Fortsetzung der gemeinsamen Regierung bekennen – was aber nicht unbedingt bedeutet, dass die Koalitionsverhandlungen kurz ausfallen. Wie 2014 werden vor allem die Grünen allerlei Extrawünsche haben, für den Klimaschutz, den Weltfrieden und ein richtig großes Umweltministerium.

Deutlich komplizierter wäre Variante 2: Es reicht nicht für Rot-Rot-Grün – aber stattdessen für ein Bündnis von CDU, SPD, Grünen und FDP. Eine solche Viererkombination hat es noch nicht in Deutschland gegeben. Wenn man es, wie es modisch geworden ist, flaggentechnisch ausdrücken will, addieren sich Kenia und Jamaika zu Simbabwe oder Ghana.

Wahrscheinlich werden sich auch hier – mangels Alternative, die nicht AfD heißt – die Beteiligten am Ende irgendwie zusammenraufen. Aber es könnte nicht schön anzusehen sein. Es wären sehr viele schwierige Fragen zu beantworten sein, inhaltliche, persönliche, machtpolitische, ohne dass aus der jetzigen Sicht Antworten absehbar sind.

Und dann ist da noch Variante 3: Es gibt keine Mehrheit, weder unter linker noch unter christdemokratischer Führung, die nicht die AfD inkludiert oder auf ein von beiden Seiten ausgeschlossenes CDU-Linke-Bündnis hinausläuft. Dann wird Bodo Ramelow, geschäftsführend, so lange Ministerpräsident bleiben, bis sich irgendeine Minderheitsregierung mit irgendeiner bisher ausgeschlossenen Tolerierungsvariante gefunden hat, mit wem auch immer an der Spitze.

Auf eine Neuwahl des Landtags jedenfalls werden die gerade gewählten Abgeordneten, die ja darüber zu entscheiden hätten, eher wenig Lust haben. Denn der nächste Plopp könnte ohrenbetäubend sein.

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