Zwischenruf: Über die sozialen Netzwerke und den Wahlkampf

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Martin Debes.

Martin Debes.

Foto: Marco Kneise

Martin Debes schaut sich an, wie Politiker mit Twitter und Facebook Stimmung erzeugen.

Soziale Netzwerke sind das, was sie heißen, und sie sind es auch wieder nicht. Sie verbinden die Gesellschaft und sie teilen sie. Sie stiften Gemeinsinn und sie nähren Zwietracht. Sie produzieren Nutzen und verursachen Schaden.

Facebook ist so etwas wie eine virtuelle Stadt, in der es schöne Ecken gibt, wo Familienfeste stattfinden, und üble, in denen sich der Mob organisiert. Instagram beschränkt sich auf ein Luxusviertel, mit Boutiquen, Reisebüros, Modenschauen, Ausstellungen und Schaufenstern, in denen sogenannte Influencer ihre Waren feilbieten.

Twitter dient als Jahrmarkt, für Neuigkeiten und Eitelkeiten. Man trifft dort kluge Menschen und dumme Trolle, passive Beobachter und hyperaktive Dauerredner. Vor allem politikaffine, egofixierte Menschen treiben sich hier herum, mit Hang zum Narzissmus, also Politiker, Journalisten und politische Werbetreibende.

Die Welt in ihrer Vielfalt sehen – das ist anstrengend

Wie sehr Facebook, Twitter, Instagram oder auch WhatsApp und natürlich Google unsere Kommunikation, unser Miteinander, unsere Gesellschaft, ja unser gesamtes Dasein verändern, beginnen wir gerade erst zu begreifen. Alles findet gleichzeitig statt. Freunde finden sich. Familien halten Kontakt. Unternehmen werben. Vereine vereinen. Parteien propagieren. Medien informieren. Und manchmal beginnen Revolutionen.

Wer mag, bastelt sich seine eigene, kleine Echokammer, in der er Bestätigung findet und seine Aggressionen ab- oder aufbauen kann, egal, welchen Wahrheitsgehalt die geteilten, sogenannten Informationen haben.

Auch wenn das Netz noch so unermesslich weit erscheint: Wer sich nur in einer Straße einer Stadt aufhält, wer sich nur mit bestimmten Menschen befreundet, bekommt auch nur das mit, was dort gesprochen wird. Er könnte die Welt sehen, in ihrer Vielfalt und Unbegreiflichkeit, aber das wäre womöglich ja anstrengend.

Hinzu kommt die gezielte Desinformation – von Parteien, fremden Mächten, Interessengruppen, Einzelpersonen. Fake News, Hacks, Lecks, social Bots, Microtargeting: Die Instrumente werden immer ausgefeilter.

Für die Politik ist all dies eine wachsende, sich ständig verändernde Herausforderung, an der sie bisher hauptsächlich scheiterte. Seit mehr als 20 Jahren wird prognostiziert, dass künftige Wahlkämpfe vor allem im Internet stattfinden. Und mehr als 20 Jahre lang wurden sie dann doch wieder eher auf der Straße, im Fernsehen und den Zeitungen ausgetragen.

Stimmung ist online schnell erzeugt

Doch nun scheint es langsam so weit zu sein. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass inzwischen fast alle Politiker und ihre Stäbe multimedial durch das Internet senden. Es liegt daran, dass sich die sozialen Netzwerke eine Art Gewächshaus für populistische und extremistische Triebe bauen.

Nirgendwo anders lassen sich derart effektiv und schnell Stimmungen erzeugen und verfestigen. Die AfD organisiert sich vor allem über Facebook, während die äußere Linke ihre Jagd auf echte oder vermeintliche Nazis und Rassisten auf Twitter austrägt.

Die Massentauglichkeit der Strategie bewies die Wahl von Donald Trump vor zweieinhalb Jahren. Ja, er wurde US-Präsident, weil ihn das quotengetriebene Kabelfernsehen dauersendete, er Massenrallyes veranstaltete, die richtigen Staaten bereiste, eine elitär wirkende Technokratin als Gegnerin hatte und es als Milliardär aus Manhattan schaffte, sich als Rächer der Entrechteten von Ohio und Wisconsin zu gerieren. Aber er wurde auch Präsident, weil das Internet für Populisten wie ihn wie geschaffen ist, und weil er die Aggressivität des Netzes für sich nutzte und weil er Cambridge Analytica hatte.

Klicks generieren durch Beleidigungen und Lügen

Er appellierte nicht an die mündigen Bürger, sondern an ihre niedrigen Instinkte. Und er kaufte nicht Klicks, er generierte sie, durch Profanität, durch Beleidigungen, durch Lügen. Russland hat keine Bots losschicken müssen, um Fake News zu verbreiten: Das tat der Kandidat alles selbst.

Die Gefahren sind offensichtlich, für das Gemeinwesen, die Demokratie. Und dennoch, auch wenn frühe Hoffnungen trogen, bietet sich noch immer die Chance einer neuen, breiten, fruchtbaren Interaktion. Außerdem, es ist ja nun mal da, dieses verrückte Neuland. Deshalb ergibt es auch keinen Sinn, wie Robert Habeck halb auszusteigen, weil er sich zu oft bei Twitter verstolperte. Das Netz muss es schaffen, frei zu bleiben und sich zu zivilisieren, mit Regeln, aber auch durch einen Common Sense und etwas weniger Atemlosigkeit.

Damit ließe sich – und jetzt kommt er noch, der regionalzeitungspflichtige Regionalbezug – auch im übersichtlichen Thüringen üben. Der zumeist freundliche Ministerpräsident, der im Netz so nahbar zu sein vermag wie kaum ein anderer Politiker, der aber dort zuletzt wieder herumrüpelte wie ein Trump, er könnte in diesem Wahljahr ja mal damit anfangen.