Zwischenruf: Wem die Axt schlägt

Martin Debes über den Thüringer Waldretterwettstreit.

Martin Debes.

Martin Debes.

Foto: Sascha Fromm

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Der Justizminister, den wir bisher an dieser Stelle und auch sonst immer nur loben mussten, weil er eine ausgezeichnete Arbeit verrichtete, hat ausnahmsweise versagt. Da verfügt Dieter Lauinger über ein ganzes Ministerium mit Hunderten, zumeist juristisch vorgebildeten Bediensteten, da gebietet er über Gerichte, Gefängnisse und Gemeinschaftsunterkünfte. Und trotzdem hat er noch nichts dazu gesagt, wie er den Wald retten will. Nichts, kein einziges Wort!

Ach, der Minister besitzt auch keinen Aktionsplan und kein 23-Punkte-Papier. Und er hat auch keinen Buchenwurzelfonds aus nicht abgerufenen Flüchtlingsgeldern vorgeschlagen. Ja, Lauinger kam nicht einmal auf die naheliegende Idee, die Häftlinge in den Forst zu schicken, damit sie dort mal hübsch aufräumen. Und das, bitte schön, soll ein Grüner sein?

Einige Kollegen im Kabinett haben immerhin gemerkt, was die Axt geschlagen hat. Die linke Infrastrukturministerin Birgit Keller, von der man viereinhalb Jahre bestenfalls etwas hörte, wenn die Bauern bespaßt werden mussten, läuft nun furchtlos, aber vorschriftsmäßig behelmt, zwischen einstürzenden Fichten umher und will jetzt binnen zehn Jahren 200 Millionen Bäume pflanzen, mindestens. Seit ihr irgendjemand gesagt hat, dass sie auch für den Forst zuständig ist, kann sie nichts und niemand mehr bremsen, auch nicht diese superanstrengende Kollegin, die ständig irgendwelche Naturstationen auf grünen Bändern errichtet.

Tatsächlich ist die Situation etwas blöd für Anja Siegesmund, die selbst ernannte Forstministerin der Herzen, die immer noch gar sehr unter Phantomschmerz leidet, weil ihr damals, in den Koalitionsverhandlungen, die Waldabteilung einfach wegamputiert wurde. Aber als echte Grüne ist die Umweltministerin nun mal für alles zuständig, was grün ist, oder, im Fall der armen Fichten, einmal war. Deshalb hatte Anja Siegesmund ja auch Birgit Keller dazu genötigt, fünf Prozent der Thüringer Reviere zu Urwald zu erklären.

Dies führt zwar jetzt aus Sicht mancher Forstleute dazu, dass in diesen Regionen der Wald umso ungehinderter und schneller sterben kann. Aber, hey, dann ist der Waldumbau eben erst einmal ein Abbau, dem dann der großartige Wiederaufbau folgt, und zwar ganz natürlich, mit ganz viel supergesundem Totholz und so. Falls es währenddessen mancherorts aussieht wie auf dem Mond, dann müssen wir jetzt da eben gemeinsam für Klima und Greta durch: Unsere Enkel werden einen supertollen Wald haben. Oder die Enkel der Enkel.

Außerdem hat Anja Siegesmund selbstverständlich – Hallo, Herr Lauinger – einen Tipptopp-Aktionsplan vorgelegt, mit zehn ökologisch wertvollen Punkten, um den „klimaresistenten Wald“ mit einer „klimagerechten Waldpolitik“ zu sichern. Und weil wir ja 30 Jahre nach 1989 sind, soll es jetzt einen Runden Tisch geben, auf dem dann alle Vertreter der Wissenschaft, Vereine, Verbände, „forstwirtschaftlichen Akteure und Institutionen“ beisammen sitzen. Der Aktionsplan, der dort basisdemokratisch entsteht, wird dann 100 Punkte haben.

Und dann ist da noch der wackere Sozialdemokrat Georg Maier. Seit er als Wirtschaftsstaatssekretär öffentlichkeitswirksam den Rennsteig abwanderte, ist er der eigentlich Oberwaldschrat der Landesregierung. Als Innenminister kämpft er nun, jedenfalls gefühlt, mit den Kameraden von der Feuerwehr an vorderster Front gegen jeden Waldbrand. Und weil er ja auch der allerliebste Gemeinde- und Städteminister ist, den Thüringen je hatte, will er als Regenersatz den Waldcent über die verdorrten Kommunalwälder regnen lassen.

Die Opposition mag beckmessern, dass die Regierung das mit dem Waldsterben früher hätte wissen müssen, dass die meisten Maßnahmen zu spät kommen und dass die Koalition die Ferien vor allem damit rumbrachte, sich gegenseitig beim Thema Wald madig zu machen. Aber da hat sie, alter Fehler, nicht mit dem Mann gerechnet, der ab heute das Ganze chefsachenmäßig übernimmt.

Denn Bodo Ramelow kann niemand eine Fichte für eine Douglasie vormachen. Der einzige linke Ministerpräsident auf deutschem Boden hackt vor seiner Blockhütte im Ostthüringischen das Käferholz immer noch selbst. Deshalb gibt es jetzt den einzig wahren Masterplan.

Wer dann immer noch dreist behauptet, die rot-rot-grüne Geschäftigkeit habe mit dem Landtagswahlkampf zu tun, der wird von Bodo Ramelow persönlich in den Urwald geschickt. Und zwar ohne Helm.

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