Ein Salon

Du kriegst die Tür nicht zu

| Lesedauer: 4 Minuten
Henryk Goldberg freier Autor

Henryk Goldberg freier Autor

Foto: ta / TA

Henryk Goldberg feiert die Befreiung eines alten weißen Mannes.

Also, es ist doch so. Wir, wir alten weißen Männer sind geprägt von unseren Erfahrungen, die haben in uns ein Gefühl für Autoritäten und Hierarchien herausgebildet, das verliert sich nicht. Und dann werden die Verhältnisse, wie man so sagt, von der Zeit zum Tanzen gebracht und wir haben einige Mühe, damit Schritt zu halten.

Für mich zum Beispiel ist in dieser Woche ein fest gefügtes hierarchisches Verhältnis zusammengebrochen. Und wenn wir dann so staunend dastehen, dann murmeln wir mitunter so überrascht wie irritiert „Du kriegst die Tür nicht zu!“ Ich habe diesen Satz zwar nicht gesagt, aber ich habe ihn, sozusagen, erlebt. Denn ich kriegte die Tür tatsächlich nicht zu. Nämlich, die des Geschirrspülers.

Das ist eine großartige Erfindung der Menschheit, von der ich als Kind nicht einmal träumen konnte. Dabei, der Gedanke daran wäre tröstlich gewesen, wenn ich, die Mutter für uns arbeitend aushäusig, nach der Schule nicht nur den süßen Dackel Schlumpi auszuführen hatte, sondern ebenfalls, ehe die kleine süße Schwester vom Kindergarten abzuholen war, das Geschirr spülen und trocknen musste. Auch so wuchsen kleine weiße Männer auf, kann sein, dass sie sich auch deshalb zu Fasching gern die Federn indigener Völker ansteckten, wild und frei.

Also, die Tür ließ sich jedenfalls nicht schließen, ich fummelte hier, ich drückte dort, nichts. Dann rief ich W. an, unsere Wunderwaffe in so gut wie allen technischen und handwerklichen Fragen. Ja, sagte er, das muss dieses Teil da sein und das kostet ungefähr ein Drittel des Neupreises.

Upps. Wenn sie es ernst meinen mit der Nachhaltigkeit, dann sollte die Reparatur eines knapp vier Jahre alten Gerätes sich nicht in finanzieller Sichtweite eines neuen bewegen, aber sie denken bei Nachhaltigkeit wohl an die ihrer Bilanzen. Also, W. und ich beschlossen einen Neukauf und er zeigte mir einige Geräte im Netz. Okay, sagte ich, das klingt gut, und es hat auch eine bessere Energieeffizienz (Das habe ich nicht wirklich gedacht, aber ich fühle mich dazu verpflichtet gegenüber der jungen Dame des Hauses, die den unnachhaltigen Neukauf aus der Ferne benörgelte.).

Nun gut, sagte W., aber wir sollten erst Elena fragen. Ich fühlte mich schmerzlich betroffen, meine Wahrnehmung als einer, der ein selbstbestimmtes Männerleben führt, war doch schon etwas beeinträchtigt. Nun gut, W. ist in Russland aufgewachsen und hat ein Empfinden für Autorität und Hierarchien sehr stark verinnerlicht. Ich insistierte, da es sich hier um ein technisches Gerät handelt, würde die Dame alte Rollenklischees bedienen und mich entscheiden lassen, zumal die Farbe als relevante Größe nach dem Einbau in die Küche nicht mehr zu sehen sein wird.

Seitdem, es geht schon die ganze Woche so, spüle und trockne ich das Geschirr per Hand, jeden Tag. Und das wiederum ist keine Last, es ist vielmehr, im Gegenteil, eine Befreiung. Befreiung von einem hierarchischen Machtverhältnis, dem ich Jahrzehnte unterworfen war, das mir, sozusagen, erschien wie auf Steinguttafeln gegossen.

Denn wie war es denn immer? Es war immer so, dass die Inhaberin, das ist jetzt kein generisches Femininum, das ist Wirklichkeit, dass die Inhaberin der Befehlsgewalt in der Küche, die jeweils anwesende Frau, gleich ob es sich um die Mutter oder andere unverzichtbare Persönlichkeiten handelte, dass diese Persönlichkeit also das Geschirr nass machte, wohin-gegen der Sub, also ich, mit seiner Trocknung beauftragt war. Sie arbeitete im Wasser, ich musste das Ganze dann sozusagen in trockene Tücher bringen.

Ein schönes Bild für die Hausarbeit, die, ein Lieblingszitat der Dame, die Wiederherstellung des Status quo ist. Niemand weiß, warum das so ist, aber das weiß man ja bei vielen Machtverhältnissen nicht.

Und jetzt, ich verzehre die Rente, die sie erarbeitet, jetzt also bin ich allein in der Küche und führe dort ein selbstbestimmtes Männerleben, ich wasche und trockne nach Herzenslust, frei von Unterdrückung.

Das ist ein schönes Exempel für die Befreiung des alten weißen Mannes.

Und ich ahne, was jetzt manche junge Frau im weißen akademischen Kontext denkt: Du kriegst die Tür nicht zu!