Goldberg: Aus

Henryk Goldberg über die Frage, warum Fußball ein Herz braucht.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: Andreas Wetzel

Oberliga? Da war doch mal was?

Und zwar 2009, da kaufte jemand die Startberechtigung des SSV Markranstädt in der Oberliga Nordost. Der Käufer hieß Red Bull GmbH, der neue Klub RB Leipzig. Heute ist das der Spitzenreiter der Bundesliga.

Erfurter Fußballfans mag diese Geschichte auf die Nerven gehen. In der kurzen Zeit, da beide Mannschaften in der gleichen Liga spielten, führten sie die Leipziger unter dem verachtungsvollen Namen „Brause“. Nur, dass Brause eben oben stand und das urige Thüringer Quellwasser unten.

Diese Mannschaft, sagten Fans aller Traditionsclubs, sei ein künstliches Konstrukt, ohne Tradition. Nur, dass dieses Konstrukt inzwischen eine Tradition ist für viele Fans, und die Tradition Rot-Weiß-Erfurt ein Konstrukt, das bald nur noch als Phantom-Schmerz existiert.

Sicher, Geld, heißt es so schön, schießt keine Tore. Aber ganz ohne Geld werden Tore in der Freizeit geschossen, Profifußball ist Arbeitszeit, übrigens nicht nur für die Spieler. Es muss ja nicht so sein wie in Leipzig, wo einige Spieler mit einem Jahresgehalt die in Jahren angehäuften Schulden des Erfurter Clubs bezahlen könnten, einschließlich der laufenden Kos-ten. Aber es müsste wohl so ein, dass da ein paar Leute arbeiten, und damit sind nicht die Spieler gemeint, die zum einen wissen, dass Zahlen etwas Rationales sind und sich eher nicht beschwören lassen – und dass zum anderen so ein Fußballclub nicht nur Spieler braucht, die für die entsprechende Liga taugen, sondern, nun ja: ein Herz. Ein Herz, das in der Stadt schlägt und für die Stadt.

Sicher, Fußball ist auch Glück. Ein Abseits hier, ein Lattenschuss da, ein fehlender Zentimeter dort. Aber Glück, heißt es so schön, hat auf Dauer nur der Tüchtige. Und das gilt, das zu Ändernde geändert, auch für das Pech. Ein Präsident hier, ein Sportmanager da, ein Insolvenzverwalter dort. Ein Insolvenzverwalter, der es schafft, sich mit den letzten tollkühnen Investoren zu verkrachen, nun ja.

Ich, zugegeben, habe kein wirkliches Herz für den Fußball, ich neige mehr zur Radrennbahn. Dieses Desinteresse ist ein glücklicher Umstand, es kann keine Freude sein, wenn einer ein Erfurter ist und ein Fußballfan dazu. Da kann er nur Rot sehen und bleich werden. Aber weil ich diese Stadt liebe, würde ich schon wollen, dass es ihren Fußballern gut geht.

Aber ich kenne sie nicht. Und dass liegt nicht nur daran, dass mich Fußball nicht so wahnsinnig interessiert, das war schon immer so. Dennoch erkannte ich vor einigen Jahren Ronny Hebestreit, den ich nie auf dem Platz gesehen hatte, als er in kleiner Runde nett zu seiner Freundin war. Dennoch be-merkte ich vor einigen Jahren auf einer Party, dass einer der Gäste Wolfgang Benkert hieß, und es tatsächlich war.

Dennoch fragte ich vor einigen Jahren, als ich in kommerziellen Angelegenheiten eine Erfurter Bank anrief und der Banker sich als Martin Busse meldete, ob er es sei. Dennoch würde ich einen Mann, der sich als Jürgen Heun vorstellte, fragen, ob er mal Fußballer gewesen sei.

Leute wie diese gehören zur Geschichte einer Stadt wie manche Schauspieler und Sänger. Später kannte ich noch, durch die Montagszeitungen, Marco Engelhardt und Nils Pfingsten-Reddig. Der eine, Ur-Erfurter, wurde aussortiert unter unwürdigen Umständen. Als der andere, der Kapitän, sein letztes Spiel für Erfurt spielte, da gab es nicht eine Blume vom Verein, keinen Abschied im Stadion. Dafür gab es, hieß es, Krach mit der Leitung.

Na und? Geht es um den Verein oder geht es um die beleidigte Leitung? Geht es darum, ob die Honoratioren einen Spieler lieb haben, oder darum, was dieser Spieler für den Verein und seine Fans geleistet hat? Und das ist womöglich der Grund, warum der Klub da ist wo er ist: Ganz unten.

Diesem Verein fehlte ein Herz, das die Stadt schlagen hört. Das eigentliche Herz dieses Vereins, und seine Seele dazu, das waren die Fans. Nach einem Auswärtsspiel in Darmstadt, ich war beruflich dabei, brüllten – sangen wäre das falsche Wort – sie auf einer Wiese, nach dem Spiel, das Lied „Stop in name of love“.

Das wäre seit Jahren die wahre, die rettende Hymne gewesen. Jetzt hat es ihnen doch das Herz gebrochen.