Goldberg: Der mit dem Herzen sieht

Henryk Goldberg über die Frage, was einen Spruch zur Weltliteratur macht.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: Andreas Wetzel.

Komisch, keiner hat Angst vor diesem Hut. Keiner begreift, dass das kein Hut ist, sondern eine Schlange, die einen Elefanten gefressen hat. Dabei liegt es auf der Hand. Man muss es nur sehen. Die Erwachsenen, die sehen das nicht. Doch der kleine Kerl, der sieht es. Denn, so hat es ihn der Fuchs gesagt, man sieht nur mit dem Herzen gut.

Seit 70 Jahren ist dieser Satz nun in der deutschen Sprache beheimatet: Am 30. Juni 1950 erschien die deutsche Ausgabe von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Und am 29. Juni wäre der Autor dieses Buches, das nach der Bibel und dem Koran als eines der meistübersetzten Werke der Welt gilt, 120 Jahre alt geworden.

Aber er verschwand 1944 vom Himmel, so wie sein Held ein Jahr zuvor von der Erde. Doch in der Erinnerung lebt er fort und fort.

Angenommen, nur mal angekommen, ein unbekannter Autor schriebe heute ein Kinderbuch über einen ziemlich niedlichen, ziemlich kleinen Kerl, der auf einem ziemlich kleinen Planeten wohnt, er heißt B 612, so klein, dass er jeden Tag 43 Sonnenuntergänge beobachten kann, überdies hat er eine komplizierte Beziehung zu einer Rose. Der sechs kleine Planeten besucht und dabei sechs Typen trifft, die uns, ruckzuck, ziemlich bekannt vorkommen. Und auf dem siebenten Planeten, der Erde, da trifft er einen weisen Fuchs, der viel über Herzensdinge weiß, und lässt sich schließlich zwecks transzendenter Heimreise von einer giftigen Schlange beißen.

Diese Geschichte würde vermutlich in einem regionalen Verlag gedruckt und verbliebe im Regionalen.

Aber da die Zeiten dieser Geschichte günstig waren, so wurde sie ein Jahrhundertbuch. Kann sein, der Erfolg dieses Buches verdankt sich seinem zentralen, zu Tode gehetzten und zitierten Satz, einem Satz, der es in gewisser Weise zum Poesiealbum der Weltliteratur gemacht hat: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Das ist im Grunde eine Banalität, aber sie ist gleichsam zu Herzen gehend formuliert, eine Zauberformel der Hoffnung, des Sehnens.

Und das, was die Menschen, als sie in die Welt kam, zu sehen bekamen von dieser Welt, das war nicht sehr hoffnungsvoll, 1943 in den USA und, ganz unmittelbar, in der französischen Heimat des Fliegers und Schriftstellers, da waren deutsche Soldaten. Oder 1950 in Deutschland, als diese Soldaten, sofern sie noch lebten, wieder in ihrer Heimat waren, in ihren Wohnungen, sofern es sie noch gab.

„Das Wesentliche“, sagt der Fuchs nach dem Ding mit dem Herzen, „ist für die Augen unsichtbar.“

Das war in dieser Zeit ein großartiger Satz, es war ein Satz zum Träumen, ein Satz, der gleichsam den Schleier der Barmherzigkeit legte über den Zustand der Welt. Und so ein Ruhm, der schreibt sich fort durch die Zeiten, vorausgesetzt natürlich, das Werk ist seinem Ruhm gewachsen.

Unter ähnlichen Umständen schrieb sich ein Kunstwerk, das ein Jahr vor dem kleinen Prinzen in die Welt kam, in die Geschichte ein, es war der Film „Casablanca“. „Uns bleibt immer noch Paris“, das ist auch so ein tröstender Hoffnungssatz. Allerdings nur, das ist der Unterschied, wenn man den Kontext kennt.

Aber das sehende Herz, das versteht jeder, ganz einfach. Und wer wollte nicht mit dem Herzen sehen. Aber wer kann es.

Dieser Satz, der einmal Poesie war und die wunderbare Erfindung eines schwermütigen Mannes, dieser Satz klingt heute, halten zu Gnaden, in der Tat wie geschaffen für eines jener Alben, auf dessen erster Seite sich so etwas findet wie „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“, wie ein Satz, der sich gut ausnähme in Golddruck auf Porzellantellern, die zu Goldenen Hochzeiten gereicht werden. Der Erfolg dieses Satzes steht für die Sehnsucht nach Formeln, die das Verhältnis zur Welt auf den kurzen, einprägsamen Begriff bringen. So ein Satz bringt die komplizierte Welt auf den einfachsten, auf den schönsten Punkt.

Man liest so ein Buch, ich habe es jetzt wieder aus dem Regal genommen, mit einer gewissen Rührung und Melancholie. Gerührt von der schönen Naivität des Sehnens, melancholisch ein wenig, weil sie so verschlissen ist.

Und doch: „Versuche glücklich zu sein“, sagt die Rose, und ungefähr darum geht ja das Leben.

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