Goldberg: Der Proll

Henryk Goldberg würdigt einen Protagonisten der Gosse.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: Andreas Wetzel

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Nein, „Judaslohn“ ist kein antisemitisches Wort, der Begriff hat sich von seiner ursprünglichen Geschichte abgelöst und zur Metapher emanzipiert. Es ist nur ein ziemlich dämliches Wort, wenn damit die Auszeichnung des Sängers Udo Lindenberg mit dem Bundesverdienstkreuz kommentiert wird. Man kann Lindenberg mögen oder nicht – aber Judas? Verräter? Woran? Am deutschen Volk? Und weshalb?

Genau: Weil er die AfD kritisiert hat. Und wer die AfD kritisiert, der bekommt es mit Stephan Brandner zu tun. Der Mann ist der diensthabende Proll dieser Partei, das ist sein Markenzeichen. Und seine Abwahl als Vorsitzender des Rechtsausschusses im Deutschen Bundestag ist die Quittung für die Summe seiner öffentlichen, nun ja: Meinungsäußerungen.

„Was hier passiert“, so sprach er vor seiner Abwahl, „ist mit Worten nicht zu beschreiben.“

Doch, vor allem mit Worten. Mit seinen.

Der deutsche Außenminister sei bekannt durch „eine Liaison mit einer, ich hätte fast gesagt, abgetakelten, aber ich sage mal, die Liaison mit einer überreifen Schauspielerin, also mit einer Staatsfunk- und GEZ-Tussi”. Gemeint war die Schauspielerin Natalia Wörner. Die ist ihm vermutlich gleichgültig, aber sie bot sich an, um den politischen Gegner eine reinzuwürgen.

Auch sonst hat er die Frauen lieb, denn, klar, der Respekt vor der Frau gehört zu den unveräußerlichen Werten des deutschen Mannes: „Mir fällt auf, dass es vor allem die Frauen unter den RRG-Parlamentariern sind, die laut werden. Dieses Verhalten kann man auf gut Deutsch als Stutenbissigkeit bezeichnen.“

Klar, die Tussis hätten sich mal ein Beispiel an dem leisen, sensiblen Mann nehmen sollen. Schon im Thüringer Landtag schätzen sie seine feine, geschliffene Rhetorik, es gab 32 Erwähnungen außer der Reihe.

Auch half er gern anderen Frauen bei der Optimierung ihrer Fähigkeiten: „Zu doof für Rechtschreibung…primitiv dieses Weib.“ Babette Winter, Thüringer Staatssekretärin der SPD, hat sich daraufhin gewiss Gedanken über ihre Bildung gemacht.

Auch die Familie liegt ihm am Herzen. Die deutsche Familie, er wollte eigens ein Gesetz dafür schaffen, besteht aus Mutter, Vater, Kind, die typische syrische Kleinfamilie hingegen setzt sich zusammen aus „Mutter, Vater und zwei Ziegen“. Allerdings, so meint er, gäbe es auch in Deutschland ähnliche Tendenzen: „Man liest und hört ja, dass eure Eltern meistens Geschwister waren!“ rief er fröhlich den Gegendemonstranten in Jena zu. Und erklärte seinem Publikum: „Wenn ich mir das eine oder andere Gesicht genauer angucke, meine Damen und Herren, dann habe ich fast den Eindruck, als seien die Haustiere auch nicht weit entfernt gewesen.“ Und die Damen und Herren freuten sich und schickten den Spitzenkandidaten der Partei ihrer Herzen in den Bundestag.

Und dann hat er eine Meinung geteilt. Es war nach Halle und da stand: „Warum lungern Politiker mit Kerzen in Moscheen und Synagogen rum?“. Er hat das nicht geschrieben, er hat das verbreitet. Und dann gesagt, er teile diese Meinung nicht, er habe sie nur geteilt. Um die Breite der Debatte darzustellen. Zwinkerzwinker. So wie sich auch sein Parteifreund Höcke gelegentlich entschuldigt. Zwinkerzwinker.

Das ist der Mann, den seine Partei als Spitzenkandidat für den Deutschen Bundestag nominierte, das ist der, den wir, wir Thüringer, gewählt haben. Und die dort haben ihn gekannt. Der Mann war gewollt in dieser Funktion, die auszuüben ihn nun alle anderen Fraktionen die Eignung absprachen. Zwar, er verlor den Kampf um einen Posten in der Fraktion, vielleicht, dass sie den Pöbler nicht im Arbeitsalltag wollten, aber anderswo, da kann er ja ruhig und gerne Rabatz machen. So wurde er Vorsitzender des Rechtsausschusses.

Zwei andere Ausschüsse übrigens haben auch Vorsitzende, die von der AfD gestellt werden, deren Abwahl hat noch niemand gefordert.

Brandner ist das rhetorische Gegenstück zu Höcke. Wo der gebildete Faschist auf den Marktplätzen den Feingeist gibt, da macht Brandner den Proll, das liegt ihm. So hofft er wohl, machtpolitisch auf Augenhöhe zu gelangen.

Und beider Wähler sind wir, wir Thüringer.

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