Goldberg: Der starke Staat

Henryk Goldberg über die Frage, warum wir die neue Autorität ertragen.

Henryk Goldberg

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Foto: Andreas Wetzel

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Also, wir sind ja jetzt alle sehr nachdenklich. Zum Beispiel unser Thüringer Bundes-Proll Stephan Brandner (MdB). Der fragte zu Beginn dieser Woche auf Facebook dieses: „War es Zufall, dass unmittelbar vor der absoluten Coronakrise noch flott die größte (& faktisch einzige) Oppositionspartei durch den Inlandsgeheimdienst politisch plattgemacht werden sollte & jetzt überall hektisch und massiv Freiheitsrechte & Demokratie eingeschränkt werden?“.

Klar, er hat ja nichts behauptet, er hat nur eine Frage gestellt. Und erhält, von seinen Lesern, ein vielstimmiges: Nein! Kein Zufall!! Alles geplant!!! Der Netz-Pöbel, wie ich Brandners blöde Bande einmal sachlich nennen darf, tobt vor Begeisterung. Altparteien! Lügenpresse! Staatsfunk! Linksgrünversiffte!

Dabei, sie haben doch nun, was sie sonst so gern fordern: Einen starken Staat.

Und das ist gut so.

Nur die Älteren unter uns können sich daran erinnern, die Jüngeren wissen gar nicht mehr, was das ist: ein starker Staat, der sagt wo’s lang geht, wenn’s nicht grad um die Steuern geht. Und auch das, die fehlende Erinnerung an einen solchen Staat, ist gut so. Es ist diese absolut gesetzte Autorität, die die 68er dem alten Westen ausgetrieben haben und die 89er dem alten Osten. Ein Staat, der seine Bürger in Ruhe lässt, wenn sie ihre Steuern bezahlen und davon absehen, Molotow-Cocktails für ein Mittel der Meinungsäußerung zu halten. Ein Staat, der gemacht ist für normale Verhältnisse in normalen Zeiten.

Aber jetzt ist fast nichts mehr normal.

Und deshalb sind wir jetzt, wenigstens physisch, weniger frei als in der DDR.

Da konnten wir, wenn es nicht grad der Sommer ‘89 war, wenigstens in die CSSR und nach Polen fahren, da konnten wir, wenn es nicht grad der Oktober ‘89 auf dem Alexanderplatz war, wenigstens in größeren Gruppen spazieren gehen oder Rad fahren.

Diesen starken Staat, der Restriktionen verhängt und durchsetzt, sind wir nicht gewohnt – und die Entscheider dieses Staates, auf allen seinen Ebenen, auch nicht. Deshalb haben sie die Schulen nur zögerlich geschlossen, deshalb die Geschäfte, deshalb scheuen sie nicht nur das Wort „Ausgangssperre“, sondern auch das, was es meint. Deshalb haben sie den Kompromiss gefunden, der „Kontaktsperre“ heißt.

Vielleicht war das richtig, vielleicht werden wir in einigen Monaten sagen, dass das Leben gekostet und den Ausnahmezustand verlängert hat. Was heute „radikal“ heißt, kann morgen „Notwendigkeit“ heißen. Niemand weiß es, niemand kann es wissen.

Deshalb, denke ich, können diese Entscheidungen falsch sein, aber ich verstehe, dass sie schwer sind. Doch jemand muss sie treffen. Und das sind immer Menschen, ein Landrat, ein Ministerpräsident, eine Kanzlerin, die es nicht gewohnt sind, Entscheidungen für große Gruppen, für ein Land oder einen Landkreis, zu treffen und zu verantworten, die sich anfühlen wie die Dekrete eines autoritär entfesselten Staates.

Bislang war es fast immer so, dass am Ende die, um das alte Wort zu borgen, „brutalstmögliche“ Entscheidung getroffen wurde: Schulen dicht, Geschäfte dicht, Theater dicht, Fußball dicht, Olympia dicht (nur die Tour de France weiß es noch nicht). Kann gut sein, dass nächstens, wenn die Tage dauerhaft wärmer werden, auch die Kontaktsperre ersetzt werden muss durch die Ausgangssperre. „Das können die doch nicht machen mit uns“, „Das können wir doch nicht machen mit denen“ – diese Sätze gelten nicht mehr, wenn die normalen Lebensbedingungen nicht mehr gelten.

Das Maß, in dem viele Menschen heute akzeptieren, was vor wenigen Wochen noch als Dystopie gegolten hätte, ist nicht, wie einige Warner glauben, erschreckend: Es ist ermutigend. Denn darin zeigt sich nicht die Bereitschaft, umstandslos Autorität und Diktatur zu akzeptieren, darin offenbart sich Gemeinsinn. Und eine mentale Überlebenstechnik, die die Menschheit nicht aussterben ließ: Die Fähigkeit, sich unter allen Verhältnissen zu behaupten, die Fähigkeit, in allen Verhältnissen zu leben, gegen alle Verhältnisse zu überleben.

Der starke Staat, vor dem sich manche jetzt fürchten, er wird froh sein, wieder schwach sein zu dürfen. Und wir mit ihm.

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