Goldberg: Die Feste feiern wie die Wahlen fallen

Henryk Goldberg über einen funkelnagelneuen Tag zum Feiern.

Henryk Goldberg.

Henryk Goldberg.

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Na, was haben Sie gestern gemacht? Bisschen Nichts, bisschen erinnert, an früher und so?

Der 8. März zum Beispiel war früher meist recht lustig. Allerdings nur wenn Mann nicht das Unglück hatte, in einem Bus mit lauter Frauen gesteckt zu werden, die von der Feier kamen, wo der BGler den einen oder anderen Eierlikör hatte springen lassen, wie es dem Autor als sehr junger Mann einmal widerfuhr. Am 1. Mai sind wir erst an den Persönlichkeiten vorbei defiliert um sodann, nach dem ordnungsgemäßen Abwerfen der Schilder mit den Losungen des Zen­tralkomitees, ein wenig Bier zu uns zu nehmen. Am 8.Mai war gar nichts, manchmal dachten wir an die armen Muschkoten, die sich wohl fragten, weshalb es den Befreiten und Besiegten deutlich besser ging als den Befreiern und Siegern. Am 1. Juni waren wir fröhlich, als wir Kinder waren und zufrieden, als wir Kinder hatten. Und am 7. Oktober wurden wir für die medialen Orgien mit einem freien Tag entschädigt.

Und am 20. September?

Gestern waren es noch 37 Tage bis zur Wahl des Thüringer Landtags. Und deshalb haben wir da einen funkelnagelneuen Feiertag. Gesetzt den Fall, diese Wahl fände, sagen wir, im April des kommenden Jahres statt, dann hätten wir vielleicht am 8. März frei, oder, wäre die Wahl im frühen Sommer, am 1. Juni, dem einstigen Kindertag, den auch noch viele Länder begehen, etwa die USA.

Eigentlich kann es mir gleich sein, an welchem Tag die Dame frei hat, es verbessert so oder so meine Lebensqualität. Und wenn es der 8. März wäre, dann könnte ich ihr zum weiß-der-Teufel-wievielten-male die Geschichte von dem Bus und dem jungen Burschen erzählen. Aber nicht deshalb denke ich, dass der Internationale Frauentag der bessere Feiertag wäre.

Er wäre es, weil er hier im Ostdeutschen mehr Resonanz fände, weil da ein Tag geehrt und gefeiert würde, an dem es, wenn der Bürger ein gewisses Alter hat, fröhlich-ironische Erinnerungen gibt. Ein Tag zudem, der die Feminismus- und Emanzipationsdebatte – MeToo, Gendersprache, pay gap– gezielt in den Focus nehmen würde. Ein Tag, ließe sich sagen, den zu ehren, einer rot-rot-grünen Landesregierung sehr gelegen kommen müsste. Deshalb wohl hat die Berliner Regierung diesen zum Feiertag erklärt.

Und Thüringen? Hier herrscht die gleiche politische Farbpalette, nur, dass hier das erste Rot von der Linken gestellt wird, während in Berlin ein SPD-Mann regiert. Da mutet es, zurückhaltend formuliert, etwas überraschend an, dass Michael Müller, in einem Bundesland, das zu zwei Dritteln westlich besiedelt ist, den Frauentag nimmt, während Bodo Ramelow im tiefen, reinen Osten den Internationalen Tag des Kindes kürt, den hier kein Mensch kennt, der so gut wie emotionsfrei zur Kenntnis genommen wird, ein Tag, der hier nur in den Sonntagsreden leben wird. Und, so hoffen die Erfinder, in den Köpfen der Wähler, die fünf Wochen später an die Urnen gebeten werden. Deshalb gibt es am 20. September auf dem zentralen Platz der Landeshauptstadt einen sog. großen Hüpfburgspaß mit diesem Slogan: „Mehr Zeit für Familien“!“ Was im Übrigen auch für den 8. März gelten würde. Aber der ist nach dem Oktober.

Und das halte ich für unwürdig. Feiertage sollten ein hohes Gut sein, diese Tage sollten sich im Empfinden der Menschen mit etwas verbinden. Der Tag der deutschen Einheit tut dies für die meisten Menschen, der Reformationstag in Thüringen spricht nicht nur Christen an, Luther ist nicht nur für gläubige Menschen ein mindestens historisches Ereignis.

Der 20. September aber ist in der Thüringer Erinnerungskultur in keiner Weise verankert. Die Mehrheit der Bundesbürger sprach sich in einer Umfrage für den 8. März als Feiertag aus. Im Osten spielte da wohl die Erinnerung eine entscheidende Rolle, im Westen die Frauen-Debatte. „Wie kein anderes Datum“, so erklärte der Regierende Bürgermeister von Berlin, „steht der 8. März für den langen Weg hin zur Gleichstellung der Geschlechter.“ Eigentlich hätte diesen Satz der regierende Ministerpräsident Thüringens sagen sollen. Aber der sagt ihn nicht, weil er eine Wahl hat. Aber, denke ich, er hätte dennoch eine Wahl gehabt, was diesen Tag betrifft. Und vermutlich weiß er das auch, er ist ein intelligenter Mann. Aber Politik ist Politik.

Immerhin, die Wahl findet am Geburtstag der Dame statt. Wenn ich morgens Erster bin und den Blumenstrauß bekomme, dann kann ich ihn gleich weiterschenken.

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