Goldberg: Für immer jung

Henryk Goldberg über Anne Frank, die jetzt 90 Jahre alt würde.

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Das erste Mal bin ich ihr begegnet, da war ich etwa so alt wie sie, als sie die letzten Seiten ihres Tagesbuchs schrieb in der Prinsengracht 263. Ich wusste damals nicht, dass diese Adresse beinahe so bekannt ist wie Downing Street 10 und dass der Name des Mädchens aus dem Hinterhaus bekannter ist und bleibt als die der meisten Bewohner des Hauses in der Downing Street.

Dennoch sprach mich dieses Buch mehr an als alles, was wir sonst in diesem Jahr als Pflichtlektüre lesen mussten. Wir hatten eine neue Lehrerin, Frau Lasar und ich galt als schwieriger Schüler. Zu Hause hatte ich meiner Mutter erzählt, ich könne mir nicht vorstellen, wie eine 14,15-Jährige derart schreiben kann. Ich war in diesem Alter und vielleicht hatte sie mich auch deshalb so berührt, weil ich diese Sehnsucht, den Umständen des Lebens beim Schreiben zu entkommen irgendwie verstand, auch wenn ich begriff, dass ihre Umstände ganz andere waren als meine, ihre Umstände vermochte ich mir nicht wirklich vorzustellen, so wenig wie die meines Vaters. Und weil ich auch ein Tagebuch schrieb, weil ich auch jemanden suchte, der mich verstand, weil ich da auch träumte und weinte und mich ein bisschen aufspielte vor mir selbst, verstand ich das Mädchen so gut.

Nur ihre konkreten Lebensumstände, die erschienen mir endlos weit weg, weil sie vor meiner eigenen Lebenszeit lagen. In diesem Alter gelten 20 Jahre noch für ein Jahrhundert. Aber weil ich einen jüdischen Vater hatte, stellte ich mir mein Leben vor, wenn ich 20 Jahre früher geboren wäre. Ich wäre kein anderer gewesen, aber es hätte mich getroffen wie die anderen.

Meine Mutter erzählte der Lehrerin davon, nicht von dem Tagebuch, davon wusste sie nichts, aber davon, wie dieses Buch mich berührt hatte. Seither hatte Frau Lasar wachsame Augen für mich und ein offenes Herz, ich habe sie vergöttert. Später, als junger Erwachsener in der Volkshochschule, habe ich die Aufsätze für sie geschrieben, als wären es Bewerbungen für den Pulitzer-Preis.

Anne Frank hätte ihn vielleicht wirklich bekommen. Doch so wurde sie berühmter als ein Preis einen Menschen berühmt machen kann. Sie wäre, vielleicht, 90 geworden am kommenden Mittwoch. Eine kultivierte alte Dame, eine bekannte Journalistin. Bekanntheit, vielleicht, hätte sie sich auch durch ihre Bücher erworben. Unter diesen Büchern, vielleicht, auch die Erinnerungen eines jungen Mädchens. Auf der Grundlage, so hätte es wohl im Vorwort gestanden, des persönlichen Tagesbuchs, das sie damals geführt habe.

Aber wer druckt schon das ungestaltete Tagebuch eines jungen Mädchens. Diese Bücher blieben ungeschrieben, wir kennen sie nicht, wir wissen nicht, wie weit dieses Talent die erwachsene Frau getragen hätte.

Sie hatte mit 14, 15 Jahren einen Gestaltungswillen, eine Beobachtungsgabe, die sie wohl befähigt hätte zur Literatur. Jetzt erschien eine weitere Edition („Liebe Kitty – ihr Romanentwurf in Briefen“), die von ihr selbst überarbeitete Fassung des Tagebuchs, also wohl die Ausgabe letzter Hand, wie man sie sonst von literarischen Berühmtheiten kennt. Aber es gibt kein Buch, mit dem sie hätte berühmter werden können. Und ihr früher Tod, das mag wohl zynisch klingen, ist der Preis dieses Ruhmes. Sie hat nur den Preis bezahlt, von diesem Ruhm konnte sie nicht einmal träumen.

Sie ist 15 geworden. Der Tod vor der Zeit hat ihr Tagebuch als ein Zeugnis des Holocaust der Welt vor Augen gestellt, ein singulärer Vorgang in der Geschichte der Weltliteratur. Es ist wohl diese pubertierende Normalität eines jungen Mädchens, das den nachfolgenden Generationen die Unbegreiflichkeit des Holocaust fasslich vor Augen stellt, ein Mädchen, das die Anonymität der großen Zahl ersetzt durch ein Lachen und ein Weinen, eine Traurigkeit und eine Sehnsucht. „O ja“, schreibt sie am 5. April 1944, „ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“

Wenn es einen Gott gäbe, denke ich, dann sollte er ihr und den sieben anderen Untergetauchten, denen sie häufig auf die Nerven ging, eine Stunde lang zeigen, dass dieses vorlaute Mädchen, das ihnen manches Mal auf die Nerven ging, das verlaust und verdreckt in Bergen-Belsen starb, doch lebt und leben wird in der Erinnerung der Menschen.

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