Goldberg: Mensch, Manitu

Henryk Goldberg über die Frage, was Kinder für Kostüme tragen.

Henryk Goldberg

Henryk Goldberg

Foto: Andreas Wetzel

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Ich bin sehr betroffen. Denn Emil verkleidet sich jetzt zu Fasching. Und zwar als Assassine, als Mörder. Er ist aber trotzdem ein gutes Kind.

Die Frage aber, die eigentliche Frage ist doch, was die Mörder davon halten. Ich meine, das ist doch eine kulturelle Aneignung. Da geht so ein Mörder seinem schweren Beruf nach, und, was muss er sehen?

Kinder, Menschen also, die die Welt in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse teilen, die also, unter uns Intellektuellen, manichäisch denken, verkleiden sich arrogant als Mörder. Was wissen sie denn wirklich über diesen schweren Berufsstand? Natürlich nichts, da findet eine gruppenbezogene Pauschalisierung statt, die keinerlei Raum für Differenzierung bietet.

Ich selbst allerdings, zwischen uns soll Wahrheit sein, bin nicht frei von Schuld. Vor vielen, vielen Jahren, als die Radios noch Röhren hatten und die Straßenbahnen Schaffner, da war ich zur Faschingszeit ein Türke. Es gab damals kaum Türken im Land, später habe ich gelernt, dass sie in der Regel, wenn überhaupt, andere Kopfbedeckungen tragen.

Nicht ganz so lang her, aber auch ziemlich, als mein Sohn im Gamer-Alter war, da spielte ich manchmal ein Spiel von ihm, es hieß „Wolfenstein“. Und habe, mit Lust, Nazis gejagt.

Das waren Klischee-Nazis, kein Wort darüber, dass sie vielleicht ihre Hausfrau lieb haben oder sehr traurig sind, weil das damals dumm gelaufen ist. Was müssen die Kameraden der NPD empfunden haben, wenn ihre Freunde und Ahnen, so mir nichts, dir nichts fröhlich abgeballert wurden? Wieso habe ich mir nichts dabei gedacht, als ich Teil dieser gruppenbezogenen Diffamierung war?

Damit ist jetzt Schluss. Und deshalb schrieb eine Erfurter Kita in einen Brief an die Eltern so: „Wir haben als Team ein mehrjähriges Projekt zum Thema Inklusion und kultursensible Pädagogik durchgeführt. Innerhalb der fachlichen Aussagen dieses Konzepts werden auch die Faschingskostüme angesprochen. Das Projekt erkennt an, dass man Stereotype braucht, um die Komplexität der Welt zu reduzieren, es soll aber sensibilisieren für Stereotype, die für die Betroffenen schmerzhaft, zum Teil sogar entwürdigend sein können. Deswegen haben wir den Beschluss getroffen, dass im Campus-Kinderland ausschließlich am 17.1.2020 Fasching gefeiert wird… Bitte verkleiden Sie Ihr Kind am Rosenmontag und Faschingsdienstag nicht.“

Nun gut, vielleicht sind die Kinder dann ja als Greta Thunberg gekommen oder Carola Rackete, zwei Menschen übrigens, über die ich mich nie, im Ernst, lustig machen würde. Nur über die Erfinder des kostümfreien Faschings. Ich weiß schon, das ist ein ernstes Thema und kein Grund für blöde Witze. Ihr macht es einem aber auch schwer – und Euch auch. Ihr bietet allen, denen die ganze Richtung nicht passt, die Möglichkeit, Euch als deppert darzustellen. Und ein klitzekleines bisschen seid Ihr das auch.

Denn als deppert muss gelten, wenn Menschen, die die Gesellschaft sensibilisieren wollen, es auf eine Weise tun, die weniger sensibilisiert als frustriert oder amüsiert. Doch, es gibt schon andere Probleme. Und manche hängen damit zusammen, dass Menschen, die es gut meinen, sich den Teufel darum scheren, welche Wirkung das hat.

Da hier im Lande, was ich begrüße, so viele Ethnien leben, haben sie ihre „Exotik“ verloren, kein Kind wird sich noch als „Mohr“ oder „Türke“ verkleiden wollen. Da auch, wie ich fürchte, Carola und Greta wenig Chancen haben, bleiben die Klassiker Indianer und Cowboy. Prinzessin natürlich noch und Seeräuber. Die eine ignoriert das Problem der sich emanzipierenden Meghan, die anderen übersehen die Lage der Armen in Somalia.

Im Eigentlichen aber werden es wohl die Indianer sein, die in diesem Projekt geschützt werden sollen, indigene Völker, Kolonialgeschichte und so. Kann man, soll man, muss man den Kindern alles erklären.

Aber wenn sie an zwei, drei Tagen im Jahr den Federschmuck tragen und den Tomahawk – guter Manitu, sie meinen es nicht böse. Aber vielleicht sollten die Kinder lernen, wie schmerzhaft es ist, ausgelacht und ausgegrenzt zu werden. Dann müssten sie als Mike Mohring und Thomas Kemmerich kommen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.